Martyrium einer jungen Deutschen in Bosnien: Mutter des Opfers nimmt Peiniger in Schutz

Martyrium einer jungen Deutschen in Bosnien : Mutter des Opfers nimmt Peiniger in Schutz

Acht Jahre lang soll eine junge Deutsche von einem Ehepaar in Bosnien eingesperrt und gequält worden sein. Mitte Mai wurde das Opfer von der Polizei aufgegriffen. Nachbarn hatten den Beamten Hinweise gegeben. Die Mutter des Opfers bezeichnet die Vorwürfe gegen das Ehepaar als Lüge.

Als die junge Deutsche Mitte Mai von der Polizei in einem Wald im Nordosten des Landes aufgegriffen wurde, war sie völlig verwirrt und hatte am ganzen Körper Narben und Blutergüsse, die nach Angaben der Staatsanwaltschaft von Misshandlungen stammen. "Das ist alles eine Lüge", sagt die Deutsche Christine S., die ihre heute 19 Jahre alte Tochter Bettina vor acht Jahren wohl selbst zu ihren mutmaßlichen Peinigern gebracht hatte und nun im Haus der Familie in dem Dorf Karavlasi im Nordosten des Balkanlandes sitzt.

Die Mutter, die verdächtigt wird, von dem Martyrium ihrer Tochter gewusst zu haben, hockt in dem einfachen Haus aus unverputzten roten Backsteinen auf einem Bett und hält einen Teddybär auf dem Schoß. "Ich hoffe, dass sie sie uns zurückbringen werden", sagt die etwa 50 Jahre alte Frau. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft wurde Bettina, die nur Deutsch spricht, an einen sicheren Ort in Bosnien gebracht und wird dort ärztlich behandelt. "Es geht ihr schon viel besser", sagt Staatsanwaltssprecher Admir Arnautovic.

Nach Angaben der Familie ist Christine S. mit dem mutmaßlichen Peiniger ihrer Tochter, der aus einer bosnischen Roma-Familie stammt, verheiratet. Milenko M. und seine bosnische Frau Slavojka waren demnach in den 1990er Jahren während des Bosnien-Kriegs nach Deutschland geflohen und von Christine S. "in einem kleinen Ort zwischen Berlin und Hannover" aufgenommen worden. Nach ihrer Rückkehr ging 2005 auch Christine S. nach Bosnien, zusammen mit ihrer Tochter.

Aufgedeckt wurde der Fall von einem Nachbarn. Er war schon vor Jahren zur Polizei gegangen, aber als die Beamten damals in das Dorf kamen, konnten sie das Mädchen nicht finden. Doch dann gelang es Saed Makalic, mit seinem Handy ein Foto von dem Mädchen zu machen, und er ging erneut zur Polizei. Am 17. Mai wurde Bettina gefunden, ihre mutmaßlichen Peiniger, der 52-jährige Milenko M. und seine 45-jährige Frau, wurden festgenommen. Christine S. wurde nach Angaben der Staatsanwaltschaft in dem Fall als Zeugin vernommen.

"Wir waren sehr gute Nachbarn, aber ich musste sie verraten", sagt Makalic, der im Nachbardorf Gojcin wohnt. Ihm sei schon länger "komisch" vorgekommen, wie die Familie das Mädchen behandelt habe. Er habe gesehen, wie Bettina geschlagen wurde, berichtet der Bauer. Außerdem sei sie gezwungen worden, schwer zu arbeiten. Sie habe etwa auf dem Feld arbeiten und Holz hacken müssen. Sie hätte Schweinefutter essen und unter dem Spott ihrer Peiniger einen Pferdekarren ziehen müssen.

Makalic und andere Nachbarn glauben, dass Bettina auch sexuell missbraucht wurde. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft konnte dieser Vorwurf bei einer ärztlichen Untersuchung jedoch nicht erhärtet werden. Es sei aber sicher, dass sie körperlich misshandelt wurde.

Christine S. sagt dagegen, die Geschichten der Nachbarn seien allesamt "erfunden". "Wir haben hier alle sehr gut gelebt", versichert sie unter Tränen. Auch der Bruder des mutmaßlichen Peinigers nimmt seine Verwandten gegen sämtliche Vorwürfe in Schutz. "Es hat sich niemals jemand an Bettina vergangen", sagt der 48-jährige Miko M., der in Österreich lebt, "aus Sorge um die Sicherheit der Familie" aber jetzt nach Bosnien gekommen ist.

Der Bruder wirft den Nachbarn einen "Komplott" gegen die Familie vor. Makalic wolle die Roma-Familien aus der Gegend vertreiben. "Sein Plan ist, uns von hier zu vertreiben und uns unser Land wegzunehmen", sagt Miko M. Er räumt allerdings ein, dass Bettina in Bosnien nie gemeldet wurde und nicht zur Schule ging, "weil sie geistig behindert ist". Weil das Mädchen keine Papiere hat, haben die bosnischen Behörden inzwischen die deutsche Polizei um Mithilfe bei den Ermittlungen gebeten.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Deutsches Mädchen in Bosnien als Sklavin gehalten

(AFP)
Mehr von RP ONLINE