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Epidemie: Moskau vor der Aids-Katastrophe

Epidemie : Moskau vor der Aids-Katastrophe

Moskau (RP). Die Probleme sind gravierend und in keinem europäischen Land größer: In Russland wütet die Aids-Epidemie. Die Regierung verdoppelte für 2007 die Ausgaben für die HIV-Behandlung und Vorsorge auf 650 Millionen Euro. Experten erwarten trotzdem in naher Zukunft ein Massensterben.

Der Traum scheint zum Greifen nah. In spätestens acht Jahren werde Russland die ehrgeizige Vorgabe seines Präsidenten Wladimir Putin erfüllen, das Bruttoinlandsprodukt (BIP) zu verdoppeln, bestätigte Vizepremier Alexander Schukow im August. Von den führenden Industrieländern im G8-Club wächst Russland zurzeit am schnellsten - im ersten Quartal 2006 legte das BIP um 5,5 Prozent zu (USA: 3,7 Prozent).

Allerdings droht die von Putin angestrebte Verwandlung der Atommacht in eine wirtschaftliche Supermacht an einem Problem zu scheitern, das in Zukunft katastrophale Auswirkungen haben könnte. In Russland wütet zurzeit die größte Aids-Epidemie in Europa. Um ihre Ausbreitung zu bremsen, verdoppelt die Regierung 2007 die Ausgaben für die HIV-Behandlung und Prophylaxe auf 650 Millionen Euro.

Ein neuer Bericht der Weltbank zum Thema Aids verheißt Russland nichts Gutes: Nach verschiedenen Schätzungen werde die Zahl der HIV-Infizierten im größten Land der Welt bis 2025 zwischen 4 und 19 Millionen Menschen betragen, heißt es dort. Nach pessimistischsten Prognosen werden in diesem Zeitraum bis zu zwölf Millionen Menschen an der unheilbaren Krankheit sterben. Als eine mögliche Folge der Aids-Epidemie nennt die Weltbank die Verlangsamung des russischen BIP-Wachstums bis 2020 um zehn Prozent. Experten glauben, dass die Regierung in Moskau zuallererst das landesweite Problem der Drogensucht in den Griff kriegen müsste, um die Ausbreitung von Aids einzudämmen. Das ist schwer genug: In Russland nehmen zwischen zwei und vier Millionen Menschen Drogen ein, die meisten davon intravenös.

Die Studie der Weltbank und die Statistiken der UN-Organisation UNAIDS werfen ein Schlaglicht auf die miserable Gesundheitspolitik der Regierung, die jahrelang das Thema Aids vernachlässigt hat. Nach Angaben der Vereinten Nationen leben heute in Russland knapp eine Million HIV-Positive und Aidskranke, das sind doppelt so viele wie 2001. Die Behörden haben offiziell nur 351 000 HIV-Fälle registriert. Laut UNAIDS ist die Zahl der Frauen unter den Neuinfizierten in einem Jahr von einem Viertel auf ein Drittel gestiegen. Verglichen mit 2001 hat sich die Zahl der schwangeren Frauen mit HIV sogar verzehnfacht.

Der tödliche Virus hat es vor allem auf Russlands Jugend abgesehen, an erster Stelle auf die Heterosexuellen, die Kondome für eine überflüssige Erfindung halten und die Injektionsdrogen in zumeist unsterilen Spritzen konsumieren. 80 Prozent der HIV-Positiven im Land sind jünger als 30 Jahre (2001: 60 Prozent).

Wer seine lebensgefährliche Sucht loswerden will, darf nicht auf staatliche Hilfe hoffen. Es gibt in Russland lediglich ein paar Dutzend kleiner, schlecht finanzierter Drogenzentren. Methadon als Ersatzdroge ist gesetzlich verboten. Projekte zum Spritzentausch sind nicht gerne gesehen.

Die Infizierten haben nur geringe Überlebenschancen. Bislang bekamen etwa 15 000 Russen, also gerade jeder zwanzigste HIV-Positive, antiretrovirale Medikamente, um den Ausbruch der Krankheit aufzuschieben. In Zeiten, in denen der russische Haushalt durch boomende Ölexporte satte Mehreinnahmen verbucht hat, gab Moskau jährlich höchstens 800 000 Euro für Aids-Prävention aus. Das soll sich nun ab 2007 ändern. Die Regierung will im nächsten Jahr schon 30 000 Infizierten eine Therapie ermöglichen. Außerdem will Russland für 32 Millionen Euro ein internationales Anti-Aids-Zentrum einrichten, das den Kampf gegen die Epidemie koordinieren soll. Der Auslöser war eine Rede des Präsidenten Wladimir Putin im April, der Aids als eine "Gefahr für die nationale Sicherheit" bezeichnet hat. "Die ganze Gesellschaft muss dagegen etwas tun", mahnte der Kremlchef.

Leider fehlen in Russland heute weitgehend Toleranz und Verständnis für die Probleme der von der Krankheit betroffenen Menschen. Zwar nennen 97 Prozent der russischen Bevölkerung Aids ein akutes Problem. Laut Umfragen wünscht jedoch fast jeder zweite Russe, dass die HIV-Positiven von der Gesellschaft isoliert werden. 55 Prozent würden auf keinen Fall ihre Kinder in eine Schule gehen lassen, in der Infizierte lernen. 30 Prozent würden sogar ihre Verwandten verstoßen, sollten sie sich mit HIV infizieren.