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Missbrauchsstudie: 216.000 Opfer in Frankreichs katholischer Kirche

Schockierender Abschlussbericht : Rund 216.000 minderjährige Missbrauchsopfer in französischer Kirche

Sexualverbrechen erschreckenden Ausmaßes sollen Geistliche der katholischen Kirche Frankreichs seit 1950 begangen haben. Das wurde durch den Abschlussbericht einer seit 2019 ermittelnde Untersuchungskommission bekannt. Sie konnte mehr als 3000 potenzielle Täter ermitteln.

Rund 216.000 Minderjährige sind zwischen 1950 und 2020 Opfer sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche Frankreichs geworden. Das teilte eine unabhängige Untersuchungskommission am Dienstag in Paris mit. "Bis Anfang der 2000er Jahre gab es eine totale und grausame Gleichgültigkeit gegenüber den Opfern", sagte Jean-Marc Sauvé, der Leiter der Kommission.

Man habe den Betroffenen nicht geglaubt oder ihnen unterstellt, selber beteiligt gewesen zu sein. Es sei nur in seltenen Fällen eine Entschädigung gezahlt worden – und dann auch nur, um das Schweigen zu erreichen, sagte Sauvé. "Die Kirche hat es nicht sehen oder wissen wollen", betonte er. Die Zahl der Opfer steige sogar auf 330.000, wenn man Angreifer hinzurechne, die in Einrichtungen der katholischen Kirche arbeiteten, etwa an katholischen Schulen oder bei Jugendbewegungen.

Der rund 2.500 Seiten umfassenden Abschlussbericht wurde der Bischofskonferenz übergeben. Die Kommission hatte in den vergangenen zweieinhalb Jahren Opfer und Angehörige befragt. Sie macht auch Vorschläge zur Entschädigung von Opfern. Zahlreiche Fälle sind bereits verjährt und können nicht mehr vor Gericht gebracht werden. Man habe zwischen 2.900 und 3.200 potentielle Täter ermittelt, so das Ergebnis einer unabhängigen Kommission, deren Gründung die französischen Bischöfe im November 2018 in Auftrag gegeben hatten.

Bei der Präsentation des Abschlussberichts dankte das Missbrauchsopfer Francois Devaux, Gründer der Vereinigung La Parole Liberee, der Untersuchungskommission für ihre "enorme Arbeit". Mit eindrücklichen Worten nahm er die Bischofskonferenz in die Pflicht. In direkter Ansprache sagte er an die Adresse der Kirchenleitung: "Meine Herren, Sie sind eine Schande für die Menschlichkeit." Die Kirche trage Verantwortung für ungezählte Verbrechen, und, so Devaux: "Sie müssen für jedes dieser Verbrechen bezahlen."

Auch die Zeitung "La Croix" (online Dienstag) zitierte im Vorfeld Opfer und Opfervereinigungen. Sie erwarteten von der Kirchenleitung eine "klare und engagierte Antwort". Das gelte auch für jene, die bislang noch nicht die Kraft hätten, aus ihrem Leiden auszubrechen.

Die Übergabe des Berichts in Anwesenheit des päpstlichen Nuntius in Frankreich, Erzbischof Celestino Migliore, wurde live vom katholischen Sender KTO übertragen. Die Unabhängige Untersuchungskommission sexuellen Missbrauch in der Kirche (Ciase) wurde am 8. Februar 2019 eingesetzt. Dem Gremium gehören Juristen, Mediziner, Historiker und Theologen an.

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Die Ergebnisse basieren nach Angaben von Kommissionsleiter auf Daten aus Archiven von Kirche, Justiz, Staatsanwaltschaft und Medien sowie auf den Zeugenaussagen, die das Gremium erhalten habe. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, de Moulins-Beaufort, hatte im Vorfeld geäußert, das Ausmaß der Sexualverbrechen im kirchlichen Umfeld sei "größer als befürchtet". Tatsächlich hatte der frühere Richter Sauve die Zahl der Fälle im Sommer 2020 noch auf mindestens 3.000 und die der kirchlichen Täter auf rund 1.500 taxiert.

Die Ciase hatte mehrere tausend Zuschriften erhalten und Hunderte Interviews mit mutmaßlichen Opfer gehalten. Nach eigener Aussage leisteten die Mitglieder der Kommission seit 2018 insgesamt rund 26.000 Stunden ehrenamtlicher Arbeit. Die unabhängige Untersuchungskommission legt mit ihrem Abschlussbericht auch einen Katalog von Empfehlungen zur Missbrauchsprävention vor.

Frankreichs Bischöfe hatten bei ihrer Vollversammlung Ende März in Lourdes einen Katalog mit elf Maßnahmen gegen sexuellen Missbrauch beschlossen. Erzbischof de Moulins-Beaufort bat die Opfer erneut um Vergebung für ein Versagen der Kirche auf verschiedenen Verantwortungsebenen.

(jbu/kna/AFP)