Freispruch erster Klasse: Michael Jackson ist unschuldig

Freispruch erster Klasse : Michael Jackson ist unschuldig

Santa Maria (rpo). Die Jury hat gesprochen. Popstar Michael Jackson ist nicht schuldig - er kann das Gericht als freier Mann verlassen. Jackson wurde in allen zehn Anklagepunkten für nicht schuldig befunden. Nach der Urteilsverkündung brachen seine Fans vor dem Gerichtsgebäude in lauten Jubel aus.

Nach fünfmonatigem Prozess wegen des Verdachts auf Kindesmissbrauch hat US-Popikone Michael Jackson das Gericht als freier Mann verlassen. Die zwölf Geschworenen in der kalifornischen Kleinstadt Santa Maria sprachen den Sänger am Montag in allen zehn Anklagepunkten frei. "Herr Jackson, Sie sind entlastet und können gehen", sagte Richter Rodney Melville, nachdem die Jury ihr Urteil verkündet hatte.

Begleitet von seiner Familie begab sich Jackson nach dem Freispruch auf seine Neverland-Ranch, wo ihn hunderte begeisterter Fans empfingen. Mehrere Geschworene ließen indes in Interviews durchblicken, dass sie nicht von Jacksons Unschuld überzeugt seien; für eine Verurteilung hätten aber nicht genügend Beweise vorgelegen.

Jackson äußerte sich nicht zu dem Freispruch. Der Sänger brauche nach den Strapazen des Sensationsprozesses Ruhe und Erholung, sagte sein Bruder Tito dem Sender CNN. Das Verfahren habe der ganzen Familie schwer zugesetzt, berichtete Michael Jacksons Bruder Jermaine. "Wir müssen wohl alle ausruhen. Wir sind alle müde. Diese beiden Jahre waren so lang, grauenhaft." Bei einer Verurteilung hätten dem einstigen "King of Pop" bis zu 18 Jahren Haft gedroht.

Jackson selbst nahm den Freispruch im Gericht ohne erkennbare Emotion auf. Während der Urteilsverkündung schien er ins Leere zu blicken, berichtete eine AFP-Reporterin aus dem Gerichtssaal. Schließlich drehte sich in Richtung seines Verteidigers Tom Mesereau und umarmte ihn. Aus seinem Verteidigerteam waren laute Jubelrufe zu hören - ein krasser Gegensatz zu den Augenblicken vor der Urteilsverkündung, als im Gerichtssaal gespannte Stille herrschte.

Strategie voll aufgegangen

Die Strategie von Jacksons Verteidigern um den Staranwalt Mesereau ging voll auf. Sie hatte vor allem die Mutter des minderjährigen Jungen, den Jackson missbraucht haben soll, als geldgierig und als notorische Lügnerin dargestellt; sie habe die Vorwürfe erfunden, um an Jacksons Geld zu kommen.

"Ich glaube, dass Michael Jackson wahrscheinlich Jungen belästigt hat", räumte einer der Geschworenen in einem CNN-Interview ein. "Letzlich lief es aber auf die Glaubwürdigkeit der Kläger hinaus." Für einen Schuldspruch hätten die Beweise gefehlt: "Man such nach einem rauchenden Colt, nach etwas Greifbarem. In diesem Fall hatten wir Probleme, so etwas zu finden." Eine weitere Geschworene sagte: "Wir hätten bessere Beweise erwartet. Sie kamen einfach nicht."

Jacksons Verteidigung nahm den Freispruch erwartungsgemäß mit großer Freude auf. "Der Gerechtigkeit wurde Genüge getan", sagte Mesereau. "Dieser Mann ist unschuldig. Er ist es immer gewesen." Die Anklage hatte Jackson Kindesmissbrauch in vier Fällen zur Last gelegt. Außerdem soll er Minderjährigen Alkohol verabreicht haben und sich der versuchten Kindesentführung schuldig gemacht haben.

Die Staatsanwaltschaft ließ offen, ob sie gegen das Urteil in Berufung gehen will. Auf die entsprechende Frage eines Reporters entgegnete Ankläger Tom Sneddon in Santa Maria: "Kein Kommentar."

Er schloss nicht aus, erneut gegen Jackson zu ermitteln, sollten neue Verdachtsmomente auftauchen: "Wir würden dies wie jeden anderen Fall in unserem Büro prüfen - genau so, wie wir diesen Fall geprüft haben." Aus seiner Enttäuschung über den Freispruch machte der Staatsanwalt keinen Hehl: "Wir sind in der Tat enttäuscht über dieses Urteil." Er verteidigte sein Vorgehen: "Ich werde mich nicht entschuldigen für das, was ich getan habe."

Für Sneddon war der Freispruch auch eine persönliche Niederlage. Bereits vor mehr als zehn Jahren ermittelte er wegen des Verdachts auf Kindesmissbrauchs gegen Jackson; zu einem Verfahren kam es damals nicht, weil Jackson dem minderjährigen Kläger mehrere Millionen Dollar zahlte. Die Verteidigung warf Sneddon vor, einen persönlichen Feldzug gegen Jackson zu führen. Nach dem Freispruch wiederholte Tito Jackson diesen Vorwurf: Die Familie sei sich einig, dass das Verfahren "eine sehr persönliche Angelegenheit von Seiten Sneddons" gewesen sei.

Nach dem Freispruch kritisierte der US-Bürgerrechtler Jesse Jackson scharf die Vorverurteilung des Popstars in den Medien. Dem Sender CNN sagte der Prediger: "Es gab zwei Prozesse zur gleichen Zeit: Einen im Gericht und einen anderen in der Presse." Michael Jackson sei bereits "in zahlreichen Redaktionsräumen und Fernsehsendungen verurteilt worden." Er hoffe, dass die Medien aus der Erfahrung mit dem Missbrauchsprozess Lehren ziehen. Nun müsse "die Zeit der Heilung beginnen".

Der Popstar hatte das Urteil seit dem 3. Juni auf seiner Neverland-Ranch erwartet. Am Montag hatten die Geschworenen die zweite Woche ihrer Beratungen über den Fall begonnen. Sie hatten zuvor die Aussagen von 140 Zeugen gehört und fast einhundert Seiten mit Anweisungen erhalten, wie sie mit dem Gehörten umzugehen hätten. Sie hörten unter anderem die Aussage des angeblichen Missbrauchsopfers, das aussagte, Anfang 2003 zwei Mal von Jackson missbraucht worden zu sein.

Die Anklage gegen Jackson

Die Anklage gegen Jackson umfasste insgesamt zehn Punkte:

Punkt eins: Verschwörung zu Kindesentführung, Freiheitsberaubung und Erpressung, darunter 28 konkreten Fällen zwischen dem 1. Februar und 31. März 2003.

Punkte zwei bis fünf: Unzüchtiges Verhalten mit einem Kind unter 14 Jahren zwischen dem 20. Februar und 12. März 2003.

Punkt sechs: Versuch, ein Kind unter 14 Jahren zwischen dem 20. Februar und 12. März 2003 zu unzüchtigem Verhalten bei Jackson anzuregen.

Punkte sieben bis zehn: Verabreichung einer berauschenden Substanz - Alkohol - als Beihilfe zum Kindesmissbrauch.

Die Geschworenen befanden Jackson in allen Punkten für nicht schuldig.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Urteil im Jackson-Prozess gefällt

(ap)