Massenpanik in Seoul Tod in der Gasse

Seoul/Peking · Durch ein Gedränge sterben in einem Ausgehviertel der südkoreanischen Hauptstadt Seoul mehr als 150 Menschen. Der Ansturm auf die erste große Feier nach den Lockdowns war riesig – aber nur wenige Polizisten waren im Einsatz.

Seoul: Mehr als 120 Tote bei Halloween-Feiern
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Massenpanik bei Halloween-Feierlichkeiten in Seoul

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Am Tag danach ist das Seouler Ausgehviertel Itaewon leer. Polizisten haben die Seitengassen abgeriegelt, Trauernde haben an Absperrungen Blumen niedergelegt. Nur Stunden zuvor sind hier Menschen gestorben: Auf Smartphone-Aufnahmen war zu sehen, wie Dutzende Opfer unter blauen Plastikplanen am Straßenrand aufgereiht worden waren. Andernorts hatten Rettungskräfte behelfsmäßig Hemden über die Gesichter der Opfer gezogen – zum Zeichen, dass sie nicht mehr am Leben sind.

Es hätte die größte Party des Jahres werden sollen. Stattdessen endete die Halloween-Feier in Itaewon in der Katastrophe: Über 150 Personen sind ums Leben gekommen, offensichtlich in einem Gedränge, mehr als 80 wurden verletzt. Die Opfer sind vor allem junge Menschen zwischen 20 und 30, zwei Drittel weiblich. Auch 20 Ausländer sind gestorben. Hinweise auf deutsche Opfer gab es nach Angaben der Botschaft zunächst nicht. Tote kamen unter anderem aus China, dem Iran, Russland, den USA, Österreich, Norwegen und Frankreich.

Die genauen Umstände der Katastrophe waren am Sonntag noch unklar. Zunächst hatte die Nachrichtenagentur Yonhap am Samstag Dutzende Herzstillstände unter Partygängern in Itaewon gemeldet, worauf sich Gerüchte verbreiteten, ein Nachtclub könnte mit Drogen versetzte Halloween-Süßigkeiten verteilt haben. Doch vermutlich waren einfach zu viele Menschen unterwegs. Mehr als 100.000 waren am Samstag gekommen. Am frühen Abend waren die Gassen bereits derart dicht bevölkert, dass kaum ein Fortkommen möglich war. Als die Menschen plötzlich in eine Seitengasse strömten, kam es dort offenbar zu einem tödlichen Gedränge: Auf Videos ist zu sehen, wie junge Männer verzweifelt versuchen, an den Wänden hochzuklettern. Die Bilder rufen Erinnerungen an die Katastrophe auf der Duisburger Loveparade 2010 wach. Augenzeugen berichteten, sie hätten versucht, die Verletzten auf der Straße wiederzubeleben, da sich die Rettungskräfte nicht rechtzeitig ihren Weg durch die Massen hätten bahnen können.

Das alljährliche Halloween-Festival war die erste große Feier, nachdem die strengen Covid-Auflagen in Südkorea gelockert worden waren. Maskenpflicht und Sperrstunde waren gefallen, viele junge Leute verspürten offenbar Lust, wieder ausgelassen zu feiern, teils in bunten Kostümen. Itaewon steht in Südkorea für Freiheit, Vergnügen und kulturelle Offenheit; Konservativen gilt es als Sündenpfuhl. Ohne Frage jedoch ist es ein weltweit einmaliger Kiez: Zwischen einer US-Militärbasis und der größten Moschee des Landes befinden sich Hunderte Bars, Clubs und Restaurants. Am Hang eines Hügels liegen Schwulenkneipen, Rotlichtsalons und Halal-Lokale dicht nebeneinander. Und in keiner Nacht des Jahres zieht das Viertel mehr junge Menschen an als zum Halloween-Wochenende.

 Ein Mann steht an der Unglücksstelle, einen Tag nach der Katastrophe.

Ein Mann steht an der Unglücksstelle, einen Tag nach der Katastrophe.

Foto: AFP/ANTHONY WALLACE

Während die Leichen abtransportiert wurden und schockierte Passanten in Tränen ausbrachen, tanzten nur einen Steinwurf entfernt Partygäste in der Fußgängerzone ausgelassen weiter – offenbar zu betrunken, um zu bemerken, dass sich nur kurz zuvor eine der größten Katastrophen der jüngeren Geschichte Südkoreas ereignet hatte.

Präsident Yoon Suk-yeol berief noch in der Nacht zwei Krisensitzungen ein und wies die umliegenden Krankenhäuser an, Notfallbetten bereitzuhalten. Er ordnete Staatstrauer an und versprach, er wolle dafür sorgen, dass es nie wieder zu solch einem Unfall komme. Seouls Bürgermeister Oh Se-hoon brach seinen Europa-Besuch ab.

Nach der akuten Trauerphase werden Fragen auf die Verantwortlichen zukommen – etwa die, warum nach Berichten nur 200 Polizisten für das Viertel abgestellt waren. Viele von ihnen waren nach Augenzeugenberichten vor allem um den Autoverkehr bemüht, statt die Menschenmassen zu lenken. Dass es offenbar zu wenige Ordnungshüter gab, ist bemerkenswert, weil die Stadtregierung von Seoul bei den regelmäßigen politischen Protesten oft mehr Polizisten entsendet, als Demonstranten erwartet werden.

Zuletzt war Südkorea 2014 von einer Katastrophe ähnlichen Ausmaßes getroffen worden. Bei einem – durch menschliches Versagen und Korruption verursachten – Schiffsunglück waren knapp 300 Menschen ertrunken, großteils Teenager, die auf einem Schulausflug waren. Wie viele Kommentatoren anmerkten, stammten viele Tote damals aus der Generation, die heute Anfang 20 ist – jener Altersgruppe, aus der viele Tote in Itaewon kommen. Für viele Koreaner fühlte es sich am Wochenende so an, als habe die Gesellschaft es zweimal verpasst, ihre Jugend zu schützen.

Mit Material von dpa und Reuters.

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