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Massaker in Virginia: Auch das 150. Mass-Shooting wird wohl keine Konsequenzen haben

Massaker in Virginia : Auch das 150. Mass-Shooting wird wohl keine Konsequenzen haben

Es ist bereits das 150. Mass-Shooting in den USA in diesem Jahr. In der Küstenstadt Virginia Beach sterben zwölf Unschuldige. Die Debatte um Waffenmissbrauch flammt erneut auf - doch das Weiße Haus kondoliert nur.

Alexander Gussew, vor 16 Jahren aus Weißrussland eingewandert, war für den Abend mit seinem Zwillingsbruder verabredet. Es war etwas zu reparieren, Gussew hatte Hilfe versprochen. Als es spät wurde und er noch immer auf sich warten ließ, rief ihn der Bruder auf seinem Handy an – ohne ihn zu erreichen.

In der Nacht zum Samstag, als die nächsten Angehörigen informiert wurden, erfuhren die Gussews, dass Alexander bei einem Schusswaffenmassaker ums Leben gekommen war. Neun Jahre hatte er, zuständig für Wegerecht, für die Stadt Virginia Beach gearbeitet. Am Freitag, kurz vor Feierabend, wurde er von einem Amokläufer erschossen - ein Mann Mitte dreißig, der Freunden erzählt hatte, sein nächstes Ziel sei es, eine Familie zu gründen. Mary Gayle, 65, wollte in zwei Wochen nach Portland fliegen, in der Hafenstadt in Maine sollte sie ausgezeichnet werden in Würdigung eines langen Berufslebens. Gemeinsam mit ihren beiden erwachsenen Kindern und deren Familien wollte sie noch ein paar Tage Urlaub im kühleren Nordosten der USA dranhängen. Auch sie hat den Amoklauf nicht überlebt. Tara Gallagher, 39, Mutter eines 22 Monate alten Sohnes, hatte mit ihrem Mann Patrick vor Kurzem ein renovierungsbedürftiges Haus gekauft, in das beide viel Arbeit steckten. Auch sie kehrt nicht mehr zurück.

Zwölf Menschen starben, als DeWayne Craddock am Freitag gegen 16 Uhr Ortszeit in ein Verwaltungsgebäude in Virginia Beach lief und auf seine Kollegen zu feuern begann. Bewaffnet war er mit zwei halbautomatischen Pistolen, beide legal erworben. Nach Angaben des Polizeichefs der Stadt, James Cervera, benutzte er einen Schalldämpfer, was es den herbeigeeilten Einsatzkräften erschwerte, ihn zu stellen, da die Schüsse nur matt zu hören waren und die Beamten zunächst nur rätseln konnten, woher sie kamen. Bei einem - nach Cerveras Worten langen und intensiven - Feuergefecht wurde Craddock schließlich getötet.

Sein erstes Opfer hatte der Schütze bereits auf dem Parkplatz ermordet, einen kleinen Bauunternehmer, der in seinem Auto saß und sich offenbar ein Projekt genehmigen lassen wollte. Drinnen in dem dreistöckigen Backsteinbau hatte er auch dort Zugang, wo man einen Zahlencode eingeben muss, um durch eine Sperre zu gelangen. Der Vierzigjährige stand selber in Diensten der Kommune, sein Ausweis war gültig, er kannte die Codes. Anfängliche Spekulationen, nach denen er sich für eine Entlassung rächen wollte, wurden von den Behörden nicht bestätigt. Allerdings, so berichten amerikanische Medien, soll er in letzter Zeit in Raufereien mit Kollegen verwickelt gewesen seien. Ein Disziplinarverfahren sei eröffnet worden, er habe mit Konsequenzen rechnen müssen.

Nach dem Studium an der Old Dominion University, einer angesehenen Universität, heuerte Craddock zunächst bei einem privaten Ingenieursbetrieb an, bevor er in die städtische Verwaltung wechselte. Im Vorstrafenregister taucht sein Name nicht auf, Nachbarn beschreiben ihn als freundlich-reservierten Einzelgänger, der nur selten Kontakt zu anderen suchte, aber auch nie aggressiv wurde. Eine Zeit lang gehörte er der Nationalgarde des Bundesstaats Virginia an, de facto eine Armee, wo er sich zum Artilleristen ausbilden ließ. Ein Einsatz im Irakkrieg blieb ihm erspart, weil er 2002, Monate vor dem Einmarsch, seinen Dienst quittierte.

Das Blutbad in Virginias größter Stadt ist in diesem Jahr in den Vereinigten Staaten bereits das hundertfünfzigste Mass-Shooting, das heißt, ein Schusswaffenangriff, bei dem mehrere Opfer zu beklagen sind. Zudem handelt es sich um den folgenschwersten Amoklauf seit dem vergangenen Oktober, als eine Bar im kalifornischen Thousand Oaks zur Zielscheibe wurde. Während es prominente Demokraten zum Anlass nehmen, um einmal mehr strengere Waffengesetze zu fordern, belässt es das Weiße Haus wie schon so oft zuvor beim Kondolieren. Er habe der „großartigen Gemeinde“ Virginia Beach sein Beileid ausgesprochen, seine Regierung werde alles in ihren Kräften Stehende tun, um den Betroffenen zu helfen, twitterte Donald Trump. Joe Biden dagegen, mit Blick auf die Präsidentschaftswahl 2020 einer seiner schärfsten Widersacher, rief nach konkreten, gesetzgeberischen Schritten, um die Waffenepidemie in den Griff zu bekommen. „Wann sagen wir endlich, es reicht? Wir müssen handeln.“