Kriminalität am Urlaubsort Zahl der Anzeigen wegen Sexualstraftaten auf Mallorca steigt

Madrid/Palma · Die Zahl der Anzeigen wegen Sexattacken in den Party-Hochburgen Mallorcas steigt seit Jahren kontinuierlich. Im vergangenen Jahr wurden auf den Balearischen Inseln 111 Vergewaltigungen angezeigt. Fachleute vermuten eine hohe Dunkelziffer.

 Menschen auf der Schinkenstraße unweit des Ballermann auf Mallorca.

Menschen auf der Schinkenstraße unweit des Ballermann auf Mallorca.

Foto: dpa/Clara Margais

Es fängt meistens in bester Partylaune an: Urlauber und Urlauberinnen kommen auf Mallorca ins Gespräch. Am Strand, im Biergarten, in einer Bar oder Diskothek. Es wird zusammen getrunken, gelacht und gefeiert. Doch irgendwann, meist zu vorgerückter Stunde, kippt die gute Stimmung um: Das anfangs so nette Zusammensein gerät außer Kontrolle und endet mit Vorwürfen der sexuellen Gewalt.

Die Zahl der Anzeigen wegen Sexattacken in den Party-Hochburgen Mallorcas steigt seit Jahren kontinuierlich. Im vergangenen Jahr wurden auf den Balearischen Inseln 111 Vergewaltigungen angezeigt. Im Vergleichsjahr 2019, also vor der Pandemie, waren es 89. Nirgendwo in Spanien verzeichnet die Kriminalstatistik pro 10.000 Einwohner so viele Sexualstraftaten wie auf Mallorca. Was ist los auf der Urlaubsinsel?

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In letzter Zeit machten zudem mehrere mutmaßliche Gruppenvergewaltigungen Schlagzeilen. So sitzen fünf Deutsche seit mehr als einem Monat in Untersuchungshaft, weil sie an der „Ballermann“-Partymeile Playa de Palma eine 18-jährige deutsche Touristin nach durchzechter Nacht missbraucht haben sollen. Wenig später wurden sieben Franzosen und ein Schweizer verhaftet, weil sie in Magaluf eine junge britische Urlauberin nach einer Partynacht vergewaltigt haben sollen.

Die Schilderungen der beiden Vorfälle im Polizeibericht gleichen sich: In beiden Fällen haben sich die jungen Frauen und die jungen Männer in der Nacht beim Feiern kennengelernt. Die mutmaßlichen Vergewaltigungen fanden in Hotelzimmern statt. Auf den Handys einiger Männer fanden sich Videos vom Sex. Und die Beschuldigten verteidigen sich beim Verhör durch die Polizei mit der Aussage, dass der Sex einvernehmlich stattgefunden habe.

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So ähnlich lesen sich die Polizeiprotokolle auch in vielen anderen Fällen, in die manchmal sogar Prominente verwickelt sind. Etwa Lukas Kwasniok, der Trainer des deutschen Fußball-Zweitligisten SC Paderborn, der Ende Mai von der mallorquinischen Polizei vorübergehend festgenommen worden war. Der 42-Jährige war von einer Urlauberin, die er offenbar am Strand kennengelernt hatte, wegen eines mutmaßlichen sexuellen Übergriffs angezeigt worden.

Oder der deutsche Fußballprofi Atakan Karazor, der beim Bundesligaverein VfB Stuttgart spielt. Er verbrachte im Juni und Juli 2022 sechs Wochen in U-Haft auf Mallorcas Nachbarinsel Ibiza, bevor er wieder freikam. Auch gegen den 26-Jährigen läuft ein Untersuchungsverfahren, weil eine 18-Jährige aussagte, sie sei nach einer Partynacht von ihm missbraucht worden.

Kwasniok wie Karazor bestreiten die gegen sie erhobenen Missbrauchsvorwürfe. Sie konnten wieder in die Heimat reisen, um dort den Ausgang ihrer Verfahren abzuwarten. Doch die Untersuchung der Vorwürfe kann noch dauern. Die spanische Justiz ist so überlastet, dass sich bei Anklageerhebung der Prozessbeginn jahrelang hinziehen kann.

Hohe Dunkelziffer befürchtet

Derzeit wird die Polizei auf Mallorca nahezu jede Woche wegen Sexualdelikten benachrichtigt: Erst vor wenigen Tagen alarmierte eine 20-jährige deutsche Touristin die Polizei und berichtete, dass sie auf der Toilette einer „Ballermann“-Kneipe vergewaltigt worden sei. Die Polizei geht davon aus, dass die wirkliche Zahl der Sexualdelikte noch größer ist als sich in der Statistik widerspiegelt. Viele Taten würden nicht angezeigt.

Experten machen zudem darauf aufmerksam, dass die meisten Sextaten in der touristischen Hochsaison von Mai bis Oktober gemeldet werden. „Drogen und Alkohol wirken dabei oft als Beschleuniger“, schreibt die Inselzeitung „Ultima Hora“. Auch schlüpfrige Trinklieder, die in den Party-Tempeln gegrölt werden, heizen das Ambiente auf fragwürdige Weise an. Wie etwa der „Ballermann“-Hit „Bumsbar“, in dem der Refrain gegrölt wird: „Heute sind wir wieder bumsbar. Geile Mädels, geile Jungs da.“

Immer mehr Berichte über Gewalt, Sexskandale und andere Auswüchse in den Partyzonen. Gerät die Lage außer Kontrolle? Francisco Javier Santos, Chef der Nationalpolizei an der Playa de Palma, beruhigt und sagt: „Spanien ist ein sicheres Land.“ Aber richtig sei die Beobachtung, dass der „Tourismus de Exzesse“ auch Diebstähle, Prügeleien und eben auch Sexualstraftaten mit sich bringe, sagte er dem Blatt „Diario de Mallorca“.

So schlimm wie diesen Sommer war es allerdings noch nie, klagen Gastronomen, Hoteliers und Anwohner. Die „Mallorca Zeitung“ schreibt von „unappetitlichen Vorfällen am mit volltrunkenen Deutschen nur so strotzenden Ballermann“. Pedro Marín, Chef der örtlichen Hotelvereinigung, sagt: „Das ist hier wie Oktoberfest und Karneval zusammen.“ Marín fordert die Behörden auf, endlich hart durchzugreifen.

In Sachen Sexualstraftaten wird in Spanien bereits hart durchgegriffen. Nach der jüngsten Strafrechtsreform können alle sexuellen Handlungen, die nicht ausdrücklich von der anderen Person gebilligt wird, als Aggression oder Vergewaltigung gewertet werden. Schweigen oder das Fehlen von Gegenwehr darf somit nicht länger als mildernder Umstand für die Täter gewertet werden. Für Vergewaltigung drohen bis zu 12 Jahre Gefängnis, für Gruppenvergewaltigung sogar 15 Jahre.

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