„Lifeline“-Kapitän Claus-Peter Reisch: „Carola Rackete hat kein Seerecht verletzt“

„Lifeline“-Kapitän Claus-Peter Reisch : „Carola Rackete hat kein Seerecht verletzt“

Während Carola Rackete weiterhin in Italien unter Hausarrest steht, hat der „Lifeline“-Kapitän Claus-Peter Reisch für die Kapitänin der „Sea Watch 3“ Partei ergriffen. Nach seinen Worten hat sie kein Seerecht verletzt.

„Irgendwann kennt Not kein Gebot mehr. Dann muss sie das Richtige tun, und das ist in dem Fall, die Leute an Land bringen“, sagte er am Dienstag im „Morgenecho“ auf WDR 5. Als Kapitän in einer solchen Situation sei man für das körperliche und seelische Wohlergehen der Flüchtlinge und der Crew verantwortlich.

Die „Sea-Watch 3“ hatte am 12. Juni Dutzende Bootsflüchtlinge aus dem Mittelmeer gerettet. Nach mehr als zwei Wochen vergeblichen Bittens um Genehmigung zum Anlegen liefen die Retter am Wochenende ohne Erlaubnis in den italienischen Hafen Lampedusa ein. Kapitänin Rackete wurde festgesetzt und unter Hausarrest gestellt, das Schiff beschlagnahmt. Am Montag wurde sie in die sizilianische Stadt Agrigent gebracht und dort einem Untersuchungsrichter vorgeführt. Laut Sea-Watch forderte die Staatsanwaltschaft die Ausweisung nach Deutschland. Der Fortgang der Ermittlungen sei aber noch unklar.

Nach Angaben ihres Anwalts hat Rackete sich in ihrer Vernehmung verteidigt, unerlaubt in einen italienischen Hafen eingefahren zu sein. Die 31-Jährige habe am Montag vor dem Ermittlungsrichter dargestellt, dass die Situation mit den Migranten an Bord „sehr angespannt“ gewesen sei, sagte der Rechtsanwalt Leonardo Marino am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur in Rom. Rackete habe darüber hinaus angegeben, das Boot der Finanzpolizei, das das Rettungsschiff „Sea-Watch 3“ beim Einlaufen in den Hafen touchiert hatte, nicht gesehen zu haben.

Angesichts der Festsetzung von Rackete, haben die Vereinten Nationen vor einer Kriminalisierung der Seenotrettung gewarnt. Die Rettung von Schiffbrüchigen sei ein humanitärer Imperativ und müsse unbedingt beibehalten werden, sagte eine Sprecherin des Flüchtlingshilfswerks UNHCR am Dienstag dem Evangelischen Pressedienst (epd) in Genf. Diese Position habe der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge, der Italiener Filippo Grandi, immer wieder vertreten, betonte die Sprecherin Liz Throssell. Zu Einzelheiten des Falles „Sea-Watch 3“ in Italien wollte sie sich jedoch nicht äußern.

„Wenn es tatsächlich so kommt, dass sie die italienische Justiz in ihrer vollen Härte trifft, dann ist es natürlich sehr tragisch“, sagte Reisch. Der italienische Innenminister Matteo Salvini lasse keine Gelegenheit offen, die Seenotretter in einem Jargon „weit unterhalb der Gürtellinie“ zu beschimpfen. „Und er wird auch nichts unversucht lassen, sie in irgendeiner Art und Weise zur Rechenschaft zu ziehen“, betonte der Kapitän der „Lifeline“. „Herr Salvini hat für meine Begriffe keine Ahnung von Seerecht, und er hat auch keine Ahnung von dem, was auf dem Meer tatsächlich vor sich geht.“

Rackete sei eine starke Frau, unterstrich der Kapitän, der mit ihr zusammen bereits eine Mission bestritt. „Ich rate ihr, einfach durchzuhalten.“ Dazu gehöre es, Ruhe zu bewahren und sich nicht auf den Jargon von Salvini einzulassen. Das werde sie aber auch nicht tun, sagte er.

„Die private Seenotrettung sollte eigentlich völlig überflüssig sein“, betonte Reisch. Es sei eine staatliche Aufgabe. „Aber wenn die Staaten diese Aufgabe schon nicht wahrnehmen wollen, dann sollen sie doch wenigstens unbehelligt die Seenotretter, die privat dort tätig sind, arbeiten lassen.“

Das Rettungsschiff „Lifeline“ hatte im Sommer vergangenen Jahres im Mittelmeer 234 Flüchtlinge an Bord genommen. Erst nach tagelanger Irrfahrt durfte das Schiff der Organisation „Mission Lifeline“ in Valletta anlegen und wurde danach von Maltas Behörden beschlagnahmt. Reisch musste sich in Valletta vor Gericht verantworten und wurde wegen des Vorwurfs der falschen Registrierung des Rettungsschiffes zu einer Geldstrafe von 10.000 Euro verurteilt. Reisch legte inzwischen Revision gegen das Urteil ein.

(felt/epd)
Mehr von RP ONLINE