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Italiens Ärzte kämpfen am Limit gegen Corona

Italiens Ärzte wegen Corona am Limit : „Wir bewirken Wunder, aber können nicht lange so weitermachen“

In Italien geht die Angst um vor einem Kollaps im Gesundheitssystem. Dabei war man sich am Anfang so sicher, die Lage rasch meistern zu können. Jetzt spricht ein Arzt von „Krieg“, „Schlachten“ und völlig erschöpften Helfern.

Überfüllte Krankenhäuser, kaum mehr freie Betten für Coronavirus-Patienten im Norden und der Brandbrief eines aufgebrachten Arztes: Die rasante Ausbreitung der Lungenkrankheit Covid-19 konfrontiert die Italiener mit einer Krise ihres Gesundheitssystems, die viele so nicht erwartet hätten. Schließlich steht das Land trotz aller Schulden und regelmäßiger Regierungskrisen an Platz acht der stärksten Wirtschaftsnationen (2018). Der nationale Stolz auf „dolce vita“, das süße Leben, und den Touristenansturm aus aller Welt schien alles zu überstrahlen.

Als die ersten Infektionsfälle im Februar in der Gemeinde Codogno in der Lombardei bekannt wurden, lobte die Regierung in Rom noch vollmundig das „exzellente“ Gesundheitssystem. Inzwischen sucht man 5000 zusätzliche Ärzte sowie Tausende Schwestern und Pfleger. Rom will große Summen an Krisenhilfe ins Gesundheitswesen pumpen, besonders in die Intensivmedizin.

Doch inzwischen gibt es mehr als 10 000 registrierte Sars-CoV-2-Infizierte, die Dunkelziffer nicht erfasster Fälle dürfte hoch sein. Und die Alarmrufe aus den Regionen werden lauter, dass nur noch wenige Tage blieben, um einen Kollaps der Versorgung der Lungenkranken zu vermeiden.

„Wir bewirken gerade Wunder, aber wir können nicht mehr lange so weitermachen“, warnt Antonio Pesenti, Koordinator für Intensivstationen im Krisenstab der Lombardei. „Innerhalb von 15 Tagen haben wir die Zahl der Betten für die Beatmung um 50 Prozent erhöht, um dort Coronavirus-Patienten zu behandeln“, zitiert ihn die Zeitung „Corriere della Sera“. Es werde nun auf den Intensivstationen in der Lombardei zu eng.

Die Folge: Andere Patienten, ob mit Herzinfarkt oder nach einem Unfall, könnten zu kurz kommen, sagt er. Bei der Suche nach Ärzten komme man ebenfalls an Grenzen. Zugleich gehen die Infektionszahlen weiter stark hoch: „Es ist fast unmöglich, länger als zwei Wochen mit diesen Rhythmen Schritt zu halten“, warnt er.

Im Fernsehen zeigen Experten Bilder mit wissenschaftlichen Kurven. Farbige Linien zeigen den Anstieg der Zahlen der registrierten Virusträger und der Covid-19-Kranken in Hospitälern. Danach könnte es bei steil steigenden Kurven möglich sein, dass irgendwann, vielleicht schon im März, der kritische Punkt in der Grafik - und in der Realität - erreicht wird: Wenn nämlich alle Intensivbetten nicht mehr reichen.

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Am 10. März befanden sich fast 900 Covid-19-Patienten in ganz Italien in Intensivbehandlung - mehr als die Hälfte davon in der wohlhabenden, wirtschaftsstarken Lombardei. Vor der Krise hatte das ganze Land mit seinen rund 60 Millionen Bürgern nach Behördenangaben 5000 Intensivbetten, inzwischen sind es mehr. Zum Vergleich: In Deutschland mit rund 80 Millionen Einwohnern wird die Zahl der Intensivbetten mit 25 000 bis 28 000 angegeben.

Ein Brandbrief des Arztes Daniele Macchini aus einem Krankenhaus in Bergamo, veröffentlicht auf Facebook, beschreibt die Lage in dem Haus schon heute als dramatisch. Er spricht von „Krieg“, „Schlachten“ und völlig erschöpften Helfern. Seine Warnung, das Virus ernst zu nehmen, brachte verstärkt das Thema Auswahl von Patienten in die Debatte. Nun sprechen Fachleute im Fernsehen mit aller Vorsicht darüber: Welche Kranke bekommen im Fall potenzieller Klinik-Notlagen Intensiv-Behandlung - und welche womöglich nicht oder später? Die Entscheidung kann für Patienten das Todesurteil bedeuten.

Flavia Petrini vom Ärzteverband Siaarti versucht bei Interviews, Ruhe auszustrahlen. Es gebe Hinweise von internationalen Fachgremien zur „Priorisierung“ von Patienten. Diese werde teils als „Triage“ bezeichnet. Dabei gehe es auch um die schnelle Trennung von Infizierten und anderen Kranken, erläutert sie. Die Ärzte, so betonen auch andere Fachleute, achten auch in der Krise auf die ethischen Standards.

Maria Rita Gismondo, Virologin und Abteilungsleiterin im Mailänder Sacco Krankenhaus, mahnt zur Vorsicht: „Wir sind nicht im Krieg hier in der Lombardei“, sagt sie der Deutschen Presse-Agentur am Telefon. Die Lage sei ernst, sie werde sich auch nicht in kurzer Zeit entschärfen. Sie erwarte eine Besserung eher in Monaten, nicht in Wochen. „Aber es gibt auch positive Signale“, erläutert sie. So seien die Neuansteckungen im ersten Virus-Herd Codogno inzwischen gestoppt - und zwar mit Hilfe von strikten Sperrungen und Ausgehverboten.

Bleibt die Frage, warum das Virus gerade Italien so heftig getroffen hat. Wegen der wirtschaftlichen Probleme im Land wurde auch am Gesundheitswesen gespart. Manche Fachleute sagen, dass die Maßnahmen am Anfang zu lasch waren, dass das Virus schon länger unerkannt umging. Auch die engen Kontakte nach China durch Handel und Tourismus werden angeführt. Und der Zufall.

(csi/dpa)