Islamischer Staat: Der Westen muss für seine Werte werben

Heinrich August Winkler: Der Westen muss für seine Werte werben

Der Berliner Historiker spricht über die Menschenrechte und das Verhältnis von Staat und Religion. Und er macht sich Gedanken darüber, wie der Westen auf die barbarischen Taten der Terrorgruppe "Islamischer Staat" reagieren kann.

Soeben hat der Historiker Heinrich August Winkler seine mächtige "Geschichte des Westens" in die Gegenwart geführt und mit Band vier abgeschlossen. Der 76-Jährige begreift den Westen weniger als geografische Kategorie, sondern vielmehr als Wertekanon. Dem sei ein neuer Gegner erwachsen: Der Terror der Gruppe "Islamischer Staat" (IS) verschiebe die Konfliktfronten im Nahen und Mittleren Osten. Ein "Zeitalter der allgemeinen Unsicherheit" habe begonnen.

Kämpfer des IS haben einen Piloten bei lebendigem Leib verbrannt. Warum tun die so etwas Grausames?

Winkler Der Westen beruht auf einem langen Prozess der Gewaltenteilung, an deren Beginn ein Satz von Jesus steht: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist. Damit beginnt die klare Unterscheidung zwischen göttlichen und irdischen Gesetzen. Der Islam hat das Problem, dass es eine vergleichbare Aussage im Koran nicht gibt. Auch gemäßigte islamistische Rechtsgelehrte neigen dazu, Menschenrechte allenfalls im Rahmen der Scharia gelten zu lassen.

Eine Fehlinterpretation als Auslöser für Grausamkeit also?

Winkler Ja. Die tiefere Ursache der barbarischen Taten im Umfeld des IS und von Boko Haram ist der Glaube, man erfülle den Willen Allahs, wenn man mit Gewalt durchsetzt, was man für sein Gebot hält. Das ist eine Interpretation des Islam, die von der Mehrheit der Muslime strikt abgelehnt wird.

Muss der Westen zusehen?

Winkler In Abwandlung eines Wortes von Bert Brecht: Es kann die Befreiung der Muslime nur das Werk der Muslime sein.

Es geht aber um Menschen.

Winkler Der Westen muss sich da, wo Menschenrechte fundamental in Frage gestellt werden, fragen, was er tun kann. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen ist jedoch weitgehend gelähmt durch das Vetorecht von Russland und China, deswegen stand eine Intervention in Syrien nie ernsthaft zur Debatte, denn Assad genießt den Schutz Wladimir Putins. Der Sicherheitsrat nimmt seine Verantwortung nicht wahr, und das macht das völkerrechtsmäßige Dilemma des Westens aus.

Sie haben die Attentate vom 11. September 2001 als Inhaltsanzeige dessen bezeichnet, was uns im 21. Jahrhundert erwartet.

Winkler Das Problem des islamistischen Terrors und seiner Globalisierung wird uns lange begleiten.

Wie sollte man darauf reagieren?

Winkler Der Westen kann seine Werte niemandem aufzwingen. Er kann aber für sie werben.

Inwiefern?

Winkler Die Geschichte des Westens ist nicht nur eine Geschichte der innerwestlichen Kämpfe um die Aneignung oder Verwerfung der Werte. Also der Menschenrechtserklärungen der beiden atlantischen Revolutionen des späten 18. Jahrhunderts: der amerikanischen Revolution von 1776 und der französischen von 1789. Die Geschichte des Westens ist auch eine Geschichte der Verletzungen der eigenen Werte sowie der Selbstkorrektur und der Selbstkritik. Auf diese produktive Fähigkeit des Westens, sich zu korrigieren, müssen wir setzen. In diese Rubrik gehört auch die inneramerikanische Debatte um Guantanamo.

Stichwort Arabischer Frühling: Warum wurde nicht mehr daraus?

Winkler Die Gründe des Scheiterns liegen in der Unfähigkeit der islamistischen Parteien, dort, wo sie die Mehrheit erobert haben, die Rechte der Minderheit zu achten. Das heißt, Kompromisse nicht als Zeichen von Schwäche, sondern als Voraussetzung einer pluralistischen Demokratie zu achten. Das ist nur in Tunesien geschehen.

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Ist "Pegida" ein Zeichen dafür, dass der Westen an Attraktivität verloren hat?

Winkler Was Deutschland angeht, so gibt es in der Tat eine Tradition der Vorbehalte gegenüber westlichen Werten. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Eliten des Kaiserreichs den Ersten Weltkrieg unter dem Banner der Ideen von 1914 geführt haben: Ordnung, Zucht und Innerlichkeit gegen Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. In der Weimarer Zeit wurde die Demokratie verteufelt als Staatsform der Siegermächte, als aufgenötigtes, undeutsches Regime, das ein Ergebnis war der militärischen Niederlage im Ersten Weltkrieg. Und es hat wesentlich zur Popularität der Nationalsozialisten beigetragen, dass sie diese Stimmungsmache gegen die Demokratie für sich ausgenutzt haben.

Sie meinen, das wirke bis heute?

Winkler Ja. Und zur Auseinandersetzung gehört, dass man das beim Namen nennt: Diese Ideen führten Deutschland in die Katastrophe. Die Vorbehalte müssen bekämpft werden durch eine Vorwärtsverteidigung im Parlament.

Konkret: Debatten?

Winkler Je öfter wir Grundsatzdebatten über den deutschen Standort in der EU und in der atlantischen Allianz im Bundestag erleben, desto besser. Zur Debattenkultur gehören auch Fragestunden nach britischem Muster im Unterhaus. Der Bundestag kann da viel lernen.

Gehört der Islam zu Deutschland?

Winkler Die Muslime gehören zu Deutschland. Und mit den Muslimen ihre Religion mitsamt den Problemen, über die zwischen Muslimen gestritten wird. Insoweit ist der Satz des früheren Bundespräsidenten eine Zustandsbeschreibung.

Und wenn er eine Wertung war?

Winkler Dann müsste man sagen, zu Deutschland gehört ein Islam, der sich auf den Boden des Grundgesetzes, der Grundrechte einschließlich der Religionsfreiheit und der Gleichberechtigung von Mann und Frau stellt. Der also die politische Kultur des Westens bejaht.

Warum fliehen Muslime den Westen?

Winkler Es gibt den von Adorno beschriebenen autoritäten Charakter. Da sind Menschen, die ein Bedürfnis haben, sich einer vermeintlich unfehlbaren Autorität zu unterwerfen. Das ist ein Ausdruck von Ich-Schwäche, und genau ein solcher Typus von orientierungslosen jungen Menschen ist anfällig für die Verführungen der scheinbaren Gewissheiten der letzten Dinge.

Wie vermittelt man jungen Menschen das Wertemodell des Westens?

Winkler Es liegt viel daran, dass wir die Würde des einzelnen Menschen als oberstes Gebot des Zusammenlebens begreifen. In der jüdischen wie christlichen Interpretation ist der Mensch das Ebenbild Gottes. Aus dem Gedanken, dass vor Gott alle Menschen gleich sind, ging hervor, dass vor dem Gesetz alle Menschen gleich sind. Das muss als zivilreligiöse Überzeugung unsere Gesellschaft und unsere politische Kultur prägen. Das kann man nicht früh genug lernen, daran hängt alles andere.

Sind Sie skeptisch, was den Fortbestand des Westens betrifft?

Winkler Man kann im Sinne von Kant sagen: Es gibt Situationen, wo Optimismus sittliche Pflicht ist.

(RP)
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