Persische Version von "Schindlers Liste": Iraner fiebern mit einer Holocaust-Serie

Persische Version von "Schindlers Liste" : Iraner fiebern mit einer Holocaust-Serie

Teheran (RPO). Eine TV-Serie bewegt die Gemüter der Menschen im Iran. Woche für Woche leiden, weinen und lachen sie mit den Darstellern aus "Zero Degree Turn". Die Serie erzählt vom Holocaust. Und offenbart ein Bild vom Iran, das weit entfernt ist von den antisemitischen Drohungen eines Mahmud Ahmadinedschad.

Die Serie im staatlichen Fernsehen erzählt von dem Schicksal, das Juden im von Hitler besetzten Paris 1940 erlitten. Jede Woche schalten die Zuschauer ein und lernen mehr über den Holocaust - über die seinerzeitige Verfolgung der Juden in Europa, die der iranische Präsident immer wieder geleugnet hat.

Die Serie bricht mit zahlreichen Tabus in dem schiitischen Land: "Null Grad Drehung" wird vom staatlichen und streng kontrollierten Fernsehen produziert und gesendet, zeigt jedoch zum ersten Mal viele unverschleierte Frauen - schließlich ging es darum, das Paris von 1940 glaubhaft darzustellen. Bislang fand der Holocaust fast nie Erwähnung in den staatlichen Medien, und auch in Schulbüchern suchte man vergeblich Informationen darüber.

"Wo bringen die sie hin?" fragt der iranische Held der Serie voller Schrecken, als er die ersten Deportationen beobachtet. Die Szenen wecken Mitgefühl mit dem Schicksal der Juden. Die Menschen mit dem Judenstern werden mit Gewalt aus ihren Wohnungen geholt und auf Lastwagen zusammengepfercht. Der junge Angestellte der iranischen Botschaft, Habib Parsa, entscheidet zu handeln: Er vergibt hunderte iranische Pässe an Juden, um ihnen die Flucht nach Palästina zu ermöglichen.

"Ein Mal habe ich geweint"

"Ein Mal habe ich geweint, als ich durch den Film erfahren habe, welches Schicksal die kleine Nation während des Kriegs hatte. Und das mitten im Herzen des sogenannten zivilisierten Europas", sagt Mahbubeh Rahamati, ein Bankangestellter aus Teheran, der die Serie seit ihrem Start im April mitverfolgt.

Beachtlich ist, dass die Sendung das Plazet des iranischen Klerus haben muss, denn das staatliche Fernsehen steht unter der Oberaufsicht des geistlichen Führers, Ayatollah Ali Chamenei. Die Serie könnte ein Zeichen dafür sein, dass der Iran sein antisemitisches Image aufpolieren will. Vielleicht soll die Serie auch eine feinsinnige Unterscheidung stützen, die iranische Offizielle - bis hoch zum Präsidenten - häufig machen: Man habe nichts gegen Juden, nur gegen den Staat Israel im Nahen Osten.

Einstweilen freuen sich die Iraner an ihrem Helden Habib. Natürlich darf auch eine Liebesgeschichte nicht fehlen: Der junge iranische Diplomat ist mit einer Jüdin, Sara Stroke, verheiratet. Seine Frau und deren Familie bekommen die ersten Pässe. Acht Folgen stehen noch aus. Die überkonfessionelle Liebesgeschichte zieht die Zuschauer dabei vielleicht ebenso stark in den Bann wie die politische Handlung.

"Hilflos und hoffnungslos, wie wir es waren"

Kasem Gharibi guckt die Serie jeden Montag in seinem kleinen Lebensmittelladen. "Durch diesen Film habe ich verstanden, dass die Juden während des Kriegs eine harte Zeit hatten - hilflos und hoffnungslos, wie wir es auch waren, als der Irak den Krieg in unser Land brachte", sagt Gharibi in Bezug auf den achtjährigen Krieg der Nachbarländer in den achtziger Jahren.

Habib wird im Laufe der Serie, nachdem er hunderten Menschen die Ausreise ermöglicht hat, von den Deutschen unter dem Vorwurf der Spionage festgenommen. Schließlich kommt er frei und kann nach Teheran zurückkehren - und landet dort wieder im Gefängnis, wegen der Ausstellung der gefälschten Pässe. Die Geschichte ist fiktional, hat jedoch einen wahren Kern: Iranische Diplomaten in Paris gaben in den vierziger Jahren etwa 500 Pässe an Juden aus, damit sie flüchten konnten.

Im Iran leben derzeit etwa 25.000 Juden - die zahlenmäßig stärkste jüdische Exilgemeinschaft im Nahen Osten. Während Präsident Ahmadinedschad international Schlagzeilen machte, als er forderte, Israel von der Landkarte zu tilgen, sitzen jeden Montag immer mehr Iraner vor dem Fernseher und lassen sich von der tragischen Geschichte der Juden im besetzten Paris mitreißen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Szenenbilder aus "Zero Degree Turn"

(ap)
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