Mutter schildert den Amoklauf auf dem L.A.-Airport: "Ich dachte, ich blicke dem Tod ins Auge"

Mutter schildert den Amoklauf auf dem L.A.-Airport : "Ich dachte, ich blicke dem Tod ins Auge"

Wieder ist es in den USA zu einem Amoklauf gekommen. Mit einem Sturmgewehr bewaffnet ist ein Mann durch eine Absperrung in die Abflughalle des Flughafens von Los Angeles gestürmt. Ein Beamter stirbt, es bricht Panik aus. Polizisten stoppen den Schützen mit Schüssen.

Als am Freitagmorgen in Terminal 3 im Internationalen Flughafen von Los Angeles die ersten Schüsse fallen, macht sich Anne Rainer gerade mit ihrem Sohn Ben bereit für den Flug nach New York. Der 26-jährige Ben soll dort wegen einer seltenen Erkrankung einen Spezialisten aufsuchen. Doch dazu kommt es an diesem Morgen nicht mehr.

"Ich dachte wirklich, ich blicke dem Tod ins Auge", sagt Anne Rainer später. Statt zu der für die beiden so wichtige Reise aufzubrechen, flüchten sie sich vor den Schüssen in Panik hinter einen Ticket-Schalter. Dort halten sich Wildfremde an den Händen, sie beten und weinen gemeinsam. Eine Person, auch das kann Anne Rainer beobachten, rettet sich mit einem Sprung von einem Balkon vor dem Schützen, der in Terminal 3 Angst und Schrecken verbreitet.

Anne Reiner selbst steht unter Schock, ihr einziger Gedanke gilt ihrem Sohn: "Adrenalin raste durch meinen Kopf, mein ganzer Körper wurde taub, und ich sagte mir: Wenn ich abtreten muss, ist das in Ordnung, denn ich werde das gar nicht spüren, aber ich muss ihn retten."

Panik im Terminal

Hunderte Menschen rennen in diesen Minuten kurz vor halb zehn Uhr morgens durcheinander, während sich der Schütze den Weg durch das Terminal bahnt. Fluggäste suchen Schutz in Cafés und Warteräumen.
Augenzeuge Brian Keech berichtet später von mehr als einem Dutzend Schüssen. Ein anderer Zeuge, Ben Rosen, sagt, Polizisten hätten gerufen, dies sei keine Übung, Hände hoch. Er habe sich auf den Boden geworfen.

Allerdings schildern später auch einige Zeugen ihren Eindruck, dass es dem Schützen nicht um die Passagiere gegangen sei. Dieser habe alle ignoriert bis auf die Angestellten der Flugsicherheitsbehörde TSA. Am Ende ist ein TSA-Beamter tot, der 39-jährige zweifache Familienvater Gerardo Hernandez. Zwei seiner Kollegen sind verletzt.

Dass es womöglich um eine Art persönlicher Abrechnung mit der TSA ging, darauf deuten auch Hinweise, die im Rucksack des 23-jährigen Tatverdächtigen Paul Ciancia gefunden werden. Aus Sicherheitskreisen heißt es, der Schütze habe einen handschriftlichen Zettel dabei gehabt.

Daraus gehe hervor, er wolle Mitarbeiter der Verkehrssicherheitsbehörde TSA und "Schweine" töten. Offenbar habe der Amokläufer seine Rechte durch TSA-Durchsuchungen verletzt gesehen. Es handele sich um einen "vergrätzten Patrioten", der wütend über Heimatschutzministerin Janet Napolitano gewesen sei.

Täter bislang unauffällig

Doch war der mutmaßliche Schütze vorher nie mit dem Gesetz in Konflikt, wie die Polizei im Heimatort seiner Familie in New Jersey mitteilt. Es handele sich um eine "gute Familie", sagt der Polizeichef von Pennsville, Allen Cummings. Der Vater hat eine Autolackiererei. Der Sohn hat eine katholische Jungenschule besucht und dort 2008 den Abschluss gemacht. "Er war zu mir niemals komisch", berichtet der 17-jährige Nachbarsjunge Josh Pagan in der 14.000-Einwohnerstadt Pennsville. "Sie waren immer nur nett zu uns."

Der Vater des mutmaßlichen Schützen, der wie sein Sohn Paul Ciancia heißt, wendet sich am Freitag selbst an die Polizei - etwa zur selben Zeit, als in Los Angeles die ersten Schüsse fallen. Denn ein anderes seiner Kinder hat eine beunruhigende SMS des 23-jährigen Bruders Paul bekommen: einen Hinweis, dass dieser seinem Leben ein Ende setzen wolle.

Die Polizei aus New Jersey alarmiert die Kollegen in Los Angeles, die schicken sogar eine Streife zur Wohnung des jungen Ciancia los. Heraus kommt dabei wenig. "Es waren zwei Mitbewohner dort", berichtet Polizeichef Cummings. "Die sagten: Wir haben ihn noch gestern gesehen und da ging es ihm gut."

Gut geht es niemandem mehr in diesen Stunden nach der Gewalttat vom Flughafen in Los Angeles. Nicht nur Anne Rainer und ihr Sohn Ben können an diesem Morgen nicht fliegen. Die Schließung eines Terminals am drittgrößten Flughafen der USA schickt eine Kaskade der Flugausfälle und Verzögerungen durchs ganze Land. Am Ende sollen mehr als 1500 Flüge und 167 000 Menschen betroffen sein.

Fünf Menschen liegen nach dem Amoklauf im Krankenhaus, darunter auch der Schütze. Er hat laut Polizei vier Schusswunden, darunter eine im Mund und eine am Bein. Über seinen Zustand schweigen die Behörden vorerst.

(ap)
Mehr von RP ONLINE