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Hurrikan "Michael": Anwohner berichten vom Sturm.

Augenzeugenbericht nach Hurrikan „Michael“ : „Es ist wie ein Kriegsgebiet hier“

Manche Menschen in Florida beschlossen, den Hurrikan „Michael“ auszusitzen statt zu fliehen. Connie Teplicek gehört dazu – und bangte um ihr Leben, als sie im Schrank Zuflucht suchte.

Connie und Jeff Teplicek stehen inmitten von abgerissenen Überlandleitungen und umgestürzten Bäumen, beschädigten Häusern und Autowracks. Das Ehepaar gehört zu jenen Menschen im US-Bundesstaat Florida, die die Aufrufe der Behörden, sich vor Hurrikan „Michael“ in Sicherheit zu bringen, ignoriert haben. „Wir haben den Sturm in unserem Haus ausgesessen“, erzählt Connie Teplicek „Ich sage Ihnen etwas: Das werden wir nie wieder tun.“

Ihr ganzes Leben habe sie in der Gegend nördlich von Panama City gelebt, sagt Connie. Hurrikane suchen Florida immer wieder heim, die 55-Jährige sagt aber: „So etwas hatten wir noch nicht.“ Die Tepliceks wohnen in Cedar Creek, rund 40 Kilometer weiter südlich traf Hurrikan „Michael“ am Mittwoch mit kaum fassbaren Windgeschwindigkeiten von 250 Stundenkilometern an Land.

Noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1851 hat ein so starker Hurrikan diese Gegend getroffen. „Wir haben uns in den Schrank gehockt und zu Gott gebetet“, sagt Ehemann Jeff (53). „Wir dachten, das ganze Haus wird auseinandergerissen werden.“ Die Tochter des Ehepaares ist schwanger und wohnt nicht weit entfernt, erreichen konnten sie sie bislang aber nicht.

Die meisten Handy-Netze in der Gegend funktionieren am Donnerstagmorgen nicht. Seit Mittwoch gibt es keinen Strom mehr, es könnte Wochen dauern, bis die Leitungen repariert sind. Etwas weiter die Straße hinunter ist eine Gasleitung geplatzt. Die Sorge geht um, dass das Wasser verunreinigt worden sein könnte.

Connie sagt, der Wind sei so stark gewesen, dass sie die Türen nicht mehr habe öffnen können. Der Sturm habe einen solchen Druck mit sich gebracht, dass der Seifenspender von sich aus Seife ausgespuckt habe. Als die Sonne aufgeht, kommen auch Nachbarn der Tepliceks aus ihren Häusern, um die Verwüstung zu begutachten.

„Ich musste mir meinen Weg aus meinem Haus mit der Kettensäge bahnen“, sagt ihr Nachbar Donald, der nur seinen Vornamen nennen möchte. Donald zündet sich eine Zigarette an, nachdem er zwischen mehreren umgestürzten Pinien hervortritt, zwischen denen Metall und Kabel der umgestürzten Überlandleitungen liegen. „Es ist wie ein Kriegsgebiet hier“, sagt er.

Donald erzählt, ein Nachbar – ein alter Mann in seinen späten 70 ern – sei während des Sturmes gestorben. Er sei bereits krank und gebrechlich gewesen. Seine Ehefrau habe die ganze Nacht neben der Leiche gesessen. „Die Leiche ist immer noch in diesem Haus“, sagt er. „Das ist traurig, das ist echt hart.“ Dann macht sich Donald auf, um einem Nachbarn zu helfen.

Manche der Menschen in Cedar Creek leben in Wohnwagen, andere in Holzhäusern. Keller hat hier niemand. Das Haus von Dee Lane ist immerhin aus Backstein und damit vergleichsweise stabil. Sie hat mehreren Nachbarn während des Sturms Schutz geboten. „Das war schlimmer als alles zuvor“, sagt Lane. „Es war so beängstigend.“ Als der Sturm stärker wurde, „haben wir uns unter den Betten versteckt“.

Einige Wohnwagen wurden durch Trümmer zerstört. Viele jener Häuser, die noch stehen, haben schwere Wasserschäden. Dächer wurden von den Häusern gerissen, der Boden ist vom Regen, den der Sturm mit sich brachte, durchweicht. „Wir haben viel Zerstörung erwartet“, sagt Lanes Tochter Sierra Reece. „Aber nicht so etwas.“

Reece und ihr Ehemann haben ihren Kühlschrank an einen Generator angeschlossen, aber die Lebensmittel werden bald ausgehen. „Hier wissen wir alle, wie man jagt und fischt“, sagt Reece, sie lacht dabei. „Wir werden keinen Hunger leiden.“

Ein anderer Nachbar scherzt, dass US-Präsident Donald Trump – der seinen Besuch im Katastrophengebiet in den nächsten Tagen angekündigt hat – bald kommen wird, um zu helfen. „Das ist Trump-Land hier. Aber Sie wissen, wie es ist mit ihm“, sagt er und spielt auf den Hang des Präsidenten zu Übertreibungen an. „Er wird "die besten Aufräumarbeiten, die größten Aufräumarbeiten" machen.“

Wenige Kilometer entfernt, in einem Vorort von Panama City, macht sich Terry Booker große Sorgen. Er betreibt in der Stadt Unterkünfte für Behinderte und kann viele seiner Mitarbeiter nicht erreichen. Auf Facebook sieht er, wie Menschen Bilder von Ruinen und Zerstörung posten. Rettungskräfte mit Traktoren und Kettensägen arbeiten rund um die Uhr, um die Straßen wieder befahrbar zu machen.

Booker sagt: „Ich hatte letzte Nacht so eine Angst. Ich konnte überhaupt nicht schlafen.“ Als er gemerkt habe, dass der Sturm fast genau über sein Haus ziehen werde, sei es zu spät für eine Flucht gewesen. „Ich war dabei zu gehen, aber dann war die Brücke gesperrt“, sagt er. „Also musste ich zurückkommen und warten.“

(mlat/dpa)