Hurrikan "Irma": Tote in der Karibik und Evakuierungen in Kuba

Hurrikan "Irma" : Sturm hält auf Florida zu — Tausende auf der Flucht

Hurrikan Irma: Karibik-Inseln Barbuda und Saint-Martin völlig verwüstet

Das Nationale Hurrikan-Zentrum (NHC) der USA hat den Hurrikan "Irma" am Freitag auf die zweithöchste Stufe 4 herabgestuft, nannte ihn aber weiter "extrem gefährlich". Die Evakuierungen in Kuba und Florida gehen weiter. Zwei Atomkraftwerke werden abgeschaltet.

In der Nacht zu Freitag sind auf den amerikanischen Jungferninseln durch Hurrikan "Irma" vier Menschen gestorben. Das berichtete der Sender CNN unter Berufung auf den Sprecher des Gouverneurs. Bewohner von Tortola, einer der Hauptinseln der Britischen Jungferninseln, berichten von einem Desaster. Alle Häuser in ihrer Umgebung seien beschädigt oder zerstört worden, sagten Emily und Michael Kilhoury der BBC. In ihrem eigentlich gut gesicherten Haus seien die Türen weggeflogen. "Der Lärm war unglaublich."

Der Hurrikan zieht inzwischen mit Windgeschwindigkeiten von 250 Stundenkilometern in Richtung Florida weiter. "Irma" wütet seit Mittwoch in der Karibik, es ist einer der stärksten Stürme seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Atlantik.

Mindestens 31.000 Menschen haben die Inselkette Florida Keys als Vorsichtsmaßnahme vor dem Eintreffen des Hurrikans verlassen. Dazu mahnte auch das Auswärtige Amt. Bewohner und Urlauber des Monroe County, in weiten Teilen des Miami-Dade-County und in Teilen des Broward- und Collier-County müssten sich in Sicherheit bringen, teilte die Behörde am Freitagmorgen mit. Zu den Gebieten gehöre auch ganz Miami Beach. Für die Evakuierung stünden dort an 25 Punkten kostenfreie Shuttle-Busse bereit, die genutzt werden sollten. Der Flughafen Miami soll von Freitag an geschlossen werden, der in Orlando bleibe voraussichtlich bis Samstag geöffnet.

Auch im US-Staat Georgia ordnete der Gouverneur die Evakuierung von Küstenorten an, dort waren 540.000 Menschen betroffen. Für Georgia könnte der Hurrikan trotz Herabstufung auf die Kategorie vier zum bedeutendsten Sturmphänomen seit mehr als einem Jahrhundert werden.

Das Bild des niederländischen Verteidigungsministeriums zeigt Verwüstungen nach Durchzug von "Irma" auf der Karibikinsel Saint-Martin. Foto: dpa, hjb

Ehe Irma die Jungferninseln erreichte, waren mindestens zehn Menschen durch den Wirbelsturm getötet worden, der verheerende Zerstörungen auf den Urlaubsinseln Saint-Martin, Saint Barthélemy und Barbuda anrichtete. Wegen der vielerorts unklaren Lage und der katastrophalen Verwüstungen war bisher nicht genau klar, wie viele Tote und Verletzte es insgesamt gibt.

Die Inseln Barbuda und Saint Martin waren besonders stark betroffen. Dort und auf anderen kleineren Karibikinseln starben bisher mindestens zehn Menschen. Die Insel Barbuda sei "total zerstört", teilte Regierungschef Gaston Browne mit. Fast jedes Gebäude sei beschädigt worden, und mehr als die Hälfte der 1400 Bewohner seien ohne Obdach. Straßen und Telekommunikation seien zerstört. Zu den Todesopfern auf Barbuda gehört auch ein zwei Jahre altes Kind. Es kam ums Leben, als seine Familie während des Sturms versucht habe, das beschädigte Haus zu verlassen.

Der französische Teil der Karibikinsel Saint-Martin wurde zu 95 Prozent zerstört, sagte der Präsident des Gebietsrates, Daniel Gibbs, dem Rundfunksender Radio Caraïbes International nach dem Durchzug von "Irma". "Das ist eine enorme Katastrophe", sagte Gibbs. Er stehe "unter Schock", es sei erschütternd. In Saint-Martin soll es mindestens vier Tote gegeben haben. Frankreich und die Niederlande haben Hilfstransporte in die Krisenregion geschickt.

Sinflutartiger Regen erreicht Haiti

Mit dem Nahen von Hurrikan "Irma" ist die Karibikinsel Haiti in der Nacht bereits von sintflutartigen Regenfällen heimgesucht worden. In der Stadt Ouanaminthe an der Grenze zur Dominikanischen Republik standen die Häuser bis zu 30 Zentimeter unter Wasser, wie der Zivilschutz mitteilte. Zwei Menschen wurden verletzt, als eine entwurzelte Kokospalme auf ihr Haus in der Nähe der Hafenstadt Cap-Haïtien stürzte.

Um 23 Uhr europäischer Zeit hatte sich das Auge des Sturms nur wenige Kilometer nördlich von Haiti befunden und bewegte sich auf die Bahamas zu. Viele Menschen hoffen, dass die Schäden durch "Irma" im armen Haiti weniger groß ausfallen als zunächst befürchtet.

36.000 Urlauber und Einwohner in Kuba evakuiert

Am Freitagabend oder Samstagmorgen könnte der Wirbelsturm in Kuba auf Land treffen und dürfte dann zur Südostküste der Vereinigten Staaten weiterziehen. Bis zu eine Million Menschen erhielten in den Küstengebieten Floridas und des Nachbarstaates Georgia die Anordnung, ihre Häuser zu verlassen. Es war die größte Massenevakuierung seit mehr als einem Jahrzehnt.

Die kubanischen Behörden hatten Tausende Touristen in Sicherheit gebracht. Mehr als 36.000 Menschen wurden von der besonders gefährdeten Nordküste an sicherere Orte gebracht, berichtete das staatliche Fernsehen. Die ausländischen Touristen sollen in andere Hotels ziehen, kubanische Urlauber werden nach Hause geschickt.

Auch in Floridas Großstadt Miami bereiteten sich die Menschen auf die Evakuierung vor. Anwohner verbarrikadierten ihre Häuser, Supermärkte wurden regelrecht leer gekauft, an Tankstellen bildeten sich lange Warteschlangen. Geschäftsinhaber vernagelten viele Fensterfronten mit Sperrholz. Die Behörden gaben kostenlos Sandsäcke aus.

In Puerto Rico wurden Notunterkünfte für rund 62.000 Menschen errichtet. US-Präsident Donald Trump hatte für Puerto Rico, die Virgin Islands und Florida den Notstand ausgerufen.

Zwei Atomkraftwerke in Florida heruntergefahren

In Florida wird der Sturm am Wochenende erwartet. Die Vorhersagen der Meteorologen schwanken allerdings und können sich noch ändern. Nach letzten Modellen könnte die Millionenmetropole Miami allerdings voll von "Irma" erfasst werden.

Der Energieversorger Florida Power & Light nimmt wegen des heranziehenden Wirbelsturms vorsorglich zwei Atomkraftwerke vom Netz. "Wir werden sie sicher herunterfahren", sagte Unternehmenssprecher Rob Gould. Die Atomkraftwerke Turkey Point und St. Lucie liegen an der Atlantikküste Floridas rund sechs Meter über dem Meeresspiegel. Florida Power & Light ist eine Tochter des börsennotierten Konzerns NextEra Energy.

Es ist möglich, dass das Gebiet dieses besonders starken Hurrikans insgesamt größer ist als die komplette Halbinsel Florida breit. Es kann sich aber auch noch herausstellen, dass "Irma" nördlich abdreht, Florida nicht voll trifft und die US-Ostküste hinauf nach South Carolina oder Georgia zieht. Es werden in jedem Fall schwere Schäden und Überflutungen erwartet.

"Jose" gewinnt an Kraft und folgt "Irma"

Derweil verstärkte sich der Hurrikan "Jose". Der Sturm, der hinter "Irma" im Atlantik seine Bahn zieht, wurde in der Nacht zum Freitag vom nationalen Hurrikanzentrum der USA als Hurrikan der Stufe drei eingruppiert. "Jose" befand sich zu diesem Zeitpunkt mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 195 Kilometern pro Stunde 955 Kilometer östlich der Kleinen Antillen. In den kommenden 24 bis 36 Stunden könne der Hurrikan noch an Kraft gewinnen, warnte das NHC. Berechnungen zufolge könnte "Jose" sich in Richtung Puerto Rico bewegen. In seinem Zug könnten auch die Inseln Antigua und Barbuda liegen, die bereits von "Irma" stark zerstört wurden.

In der Region wütet außerdem der Tropensturm "Katia", der derzeit auf Kategorie 1 eingestuft ist. Es wurde erwartet, dass "Katia" vor Freitag die Küste des mexikanischen Bundesstaates Veracruz erreichen würde.

Hilfspaket für "Harvey"-Gebiete verdoppelt

Der US-Senat hat unterdessen ein 15,3 Milliarden Dollar (rund 12,75 Milliarden Euro) teures Hilfspaket für die Geschädigten des Hurrikans "Harvey" beschlossen. Die Leistungen sind fast doppelt so hoch wie die von Präsident Donald Trump zunächst beantragten 7,9 Milliarden Dollar. Der republikanische Mehrheitsführer Mitch McConnell hatte der Freigabe von weiteren 7,4 Milliarden Dollar für den Wiederaufbau zugestimmt, so dass es am Ende eine Mehrheit von 80 zu 17 Stimmen gab.

Verbunden mit dem Beschluss ist die Erlaubnis des Senats an die Regierung, zusätzliche Schulden aufzunehmen, damit diese ihre Rechnungen bezahlen kann. Dadurch ist die Finanzierung von Bundesbehörden für die nächsten Monate gesichert und ein sogenannter Regierungsstillstand bis Anfang Dezember vom Tisch.

Auf die Anhebung der Schuldenobergrenze hatte sich Trump mit den oppositionellen Demokraten geeinigt und damit die Republikaner überrascht. Das Repräsentantenhaus soll am Freitag über das Gesetz abstimmen, bevor es Trump unterschreiben kann. "Harvey" hat vor allem in Texas und Louisiana schwere Schäden angerichtet.

(juju)