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Hochzeits-Boom in der Ukraine​: Ja, wir wollen​

Hochzeits-Boom in der Ukraine : Ja, wir wollen

Auch in der Ukraine ist Hochzeits-Saison. Trotz, oder gerade wegen des Kriegs. Mancher heiratet am letzten Tag vor der Entsendung an die Front.

Wie die beiden, so geben sich viele ukrainische Paare in diesen Zeiten das Jawort. Einige sind Soldaten und wollen heiraten, bevor sie in den Kampf ziehen und dort möglicherweise ihr Leben verlieren. Andere sind entschlossen, angesichts von Tod und Zerstörung das Leben und die Liebe in vollen Zügen zu genießen.

In der Ukraine gilt derzeit das Kriegsrecht, das Soldaten und Zivilisten gleichermaßen ermöglicht, das Aufgebot zu bestellen und noch am selben Tag zu heiraten. Allein in Kiew haben von dieser Möglichkeit mehr als 4000 Paare Gebrauch gemacht. Vor dem Krieg mussten die Heiratswilligen meist einen Monat warten, bevor sie getraut wurden.

 Yevhen Levchenko und Nadiia Prytula, Irpin.
Yevhen Levchenko und Nadiia Prytula, Irpin. Foto: AP/Natacha Pisarenko

Nach einer dreimonatigen Unterbrechung wegen des Kriegs ist das zentrale Standesamt in Kiew wieder vollständig geöffnet und arbeitet fast normal. Seit Russland im April seine angreifenden Truppen aus der Umgebung der Hauptstadt abzog und an die Fronten im Osten und Süden verlegte, kehrten viele geflohene Einwohner zurück. Und nicht wenige wollen heiraten.

 Serhiy Lipko und Anastasia Zukhvala, Kiew.
Serhiy Lipko und Anastasia Zukhvala, Kiew. Foto: AP/Natacha Pisarenko

Zu ihnen gehören die 22 Jahre alte Daria Ponomarenko, die nach Polen flüchtete, und ihr Freund Jewhen Nalywaiko. Der 23-Jährige musste in Kiew ausharren, weil Männer zwischen 18 und 60 Jahren derzeit die Ukraine nicht verlassen dürfen. Jetzt sind sie wieder zusammen und wollen möglichst schnell den Bund der Ehe schließen, denn: „Wir wissen nicht, was morgen passieren wird“, sagt die künftige Braut.

 Yevhen Levchenko und Nadiia Prytula, Irpin.
Yevhen Levchenko und Nadiia Prytula, Irpin. Foto: AP/Natacha Pisarenko

Nach den schmerzhaften Monaten der Trennung wollten die beiden ganz allein heiraten, ohne Freunde oder Angehörige. Anstelle eines aufwendigen Brautkleides trägt sie eine traditionelle bestickte Bluse, eine Wyschywanka, die in diesen Zeiten von vielen Bräuten gewählt wird, um ihre ukrainische Identität zu betonen. In friedlichen Zeiten hätten die beiden wohl eine große Hochzeit mit vielen Gästen gefeiert. Im Krieg erscheint ihnen das jedoch unpassend.

Die 30 Jahre alte Anna Karpenko wollte sich ihre Traumhochzeit durch den Krieg nicht verderben lassen. Sie fährt in einer weißen Limousine zum Standesamt. „Das Leben muss weitergehen“, sagte sie. Sieben Jahren waren sie und ihr Partner ein Paar, sprachen oft von Hochzeit, bevor der Krieg den letzten Anstoß gab.

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Pawlo und Oksana Sawryha sind dagegen schon seit 18 Jahren standesamtlich verheiratet. Sie erneuern nun ihr Ehegelübde, in einer kleinen Kirche aus dem 12. Jahrhundert in der vom Krieg zerstörten Stadt Tschernihiw im Norden der Ukraine.

„Unsere Seele sagte uns, dass wir das tun sollten“, sagt der Ehemann. „Vor der Invasion waren wir ständig in Eile, und der Krieg hat uns gezwungen, innezuhalten und die wichtigen Entscheidungen nicht auf morgen zu verschieben.“

Während Oksana im Keller ihres Hauses Zuflucht suchte, griff ihr Mann zu den Waffen und schloss sich einer Verteidigungseinheit an, als die russischen Streitkräfte Tschernihiw in der ersten Phase der Invasion einkreisten und bombardierten. Danach trat er in die ukrainische Armee ein. In diesem Monat heiraten sie kirchlich. Einen Tag später wird er an die Front geschickt.

(dpa)