Hauseinstürze in Marseille: Mehrere Tote gefunden

Verwaltung in der Kritik : Tote nach Hauseinsturz in Marseille

Wo eben noch Häuser standen, klafft plötzlich eine riesige Lücke: Unter den Trümmern der eingestürzten Häuser finden die Behörden Tote. Offen bleibt die Frage: Wer ist für das Unglück verantwortlich?

Beim Einsturz mehrerer Gebäude in Marseille sind mindestens vier Menschen ums Leben gekommen. Rettungskräfte bargen am Dienstag die Leichen von zwei Frauen und zwei Männern aus den Trümmern im Zentrum der südfranzösischen Hafenstadt. Da noch Bewohner vermisst wurden, befürchtete die französische Regierung sogar "fünf bis acht" Todesopfer, wie Innenminister Christophe Castaner bei einem Besuch vor Ort sagte. Wegen des schlechten Zustands vieler Gebäude in Marseille wurde Empörung über die Behörden laut.

Am Dienstag suchten 80 Feuerwehrleute und 120 Polizisten mit Suchhunden nach den Verschütteten. Zunächst fanden sie die Leichen zweier Männer und einer Frau. Am Abend sagte dann Staatsanwalt Xavier Tarabeux der Nachrichtenagentur AFP, dass eine weitere Frauenleiche unter den Trümmern entdeckt worden sei. Mit hoher Wahrscheinlichkeit seien insgesamt fünf Bewohner und drei Besucher unter den Trümmern verschüttet. Der Präfekt der Region, Pierre Dartout, sagte, die Suche nach den Vermissten werde fortgesetzt.

Innenminister Castaner äußerte sich "wenig optimistisch", dass noch Überlebende gefunden würden, da es kaum Chancen auf Hohlräume in den Trümmern gebe. Dies liegt auch am unglücklichen Verlauf der Bergungsarbeiten.

Die Wohnungspolitik der südfranzösischen Hafenstadt gerät jetzt in die Kritik.

Zwei Gebäude waren am Montagmorgen im Zentrum in einer engen Straße eingestürzt. Zunächst waren am Montagmorgen zwei als marode geltende Gebäude wie Kartenhäuser eingestürzt, darunter ein bewohntes Haus. Als die Feuerwehr dann einen Bagger einsetzte, stürzte ein drittes, seit Jahren leerstehendes Gebäude teilweise ein. Die Trümmer dieses Hauses drückten laut dem Innenminister die Überreste der ersten beiden eingestürzten Häuser zusammen.

Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron sicherte den Betroffenen die "Solidarität der gesamten Nation" zu.

Zugleich wurde scharfe Kritik an den Behörden laut, da viele Gebäude in Marseille bekanntermaßen in schlechtem Zustand sind. Der prominente Linkspolitiker und frühere Präsidentschaftskandidat Jean-Luc Mélenchon rügte, es stürzten "die Häuser der Armen" ein - "und das ist kein Zufall".

Anwohner der betroffenen Aubagne-Straße - eine schmale Straße nur wenige hundert Meter von der Touristenmeile Canebière entfernt - berichten von massiven Problemen mit der Bausubstanz seit 2017. Eine überlebende Bewohnerin des eingestürztes Hauses mit der Nummer 65 sagte der AFP mit Blick auf eine der toten Frauen: "Das hätte ich sein können."

Der französische Innenminister Christophe Castaner besuchte den Unglücksort am Dienstag. Er sagte, Luftkammern unter dem Schutt machten den Einsatzkräften Hoffnung, dass sie noch Überlebende finden könnten. Das italienische Außenministerium teilte am selben Tag mit, dass auch eine Italienerin unter den Vermissten sei.

Zunächst war vermutet worden, dass auch zwei Passanten von den Trümmern erschlagen worden sein könnten. Hier konnten die Behörden jedoch Entwarnung geben: Die Straße wurde geräumt, Leichen wurden dort nicht gefunden. Dutzende Bewohner anliegender Häuser wurden am Montag in Sicherheit gebracht.

Innenminister Christophe Castaner versprach am Unglücksort, die Ursache zu klären. „Dieser dramatische Unfall könnte auf die heftigen Regenfälle zurückzuführen sein, die in den vergangenen Tagen auf Marseille gefallen sind“, hieß es am Montag von der Stadt.

Die Stiftung Abbé Pierre, die sich für bessere Wohnbedingungen einsetzt, kritisierte die Stadt scharf für ihre Wohnungspolitik. „Es ist das Ergebnis jahrzehntelanger öffentlicher Untätigkeit“, sagte Regionaldirektor Florent Houdmon zu AFP. Auch der Sprecher eines Einwohnervereins sieht demnach die Verantwortung für das Unglück bei der Stadt. „Die Situation, in der die beiden eingestürzten Gebäude waren, war lange bekannt“, sagte Patrick Lacoste.

Viele Häuser in dem betroffenen Stadtteil Noailles sind in einem besorgniserregenden Zustand. AFP zufolge gibt es mehrere Berichte, die auf die gefährliche Situation hinweisen. Auf Fotos bei Google Maps war zu sehen, dass die eingestürzten Häuser riesige Risse an der Fassade hatten. „Es sind die Häuser der Armen, die zusammenstürzen - und das ist kein Zufall“, sagte der führende Linkspolitiker Jean-Luc Mélenchon nach Angaben mehrerer Medien. Mélenchon hat in Marseille seinen Wahlkreis und reiste am Montag ebenfalls zum Unglücksort.

Eine 25-jährige Bewohnerin eines der beiden eingestürzten Häuser berichtete AFP, dass seit einigen Tagen die Türen in ihrer Wohnung nicht mehr richtig geschlossen hätten. Am Sonntag - eine Nacht vor dem Einsturz - verließ sie ihre Wohnung und fuhr zu ihren Eltern. „Ich hatte Angst, zu Hause eingeschlossen zu sein.“

Hier geht es zur Bilderstrecke: Mehrere Häuser in Marseille eingestürzt

(özi/dpa/AFP)
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