Heldenhafter Hund Hachiko Ein Hund als Treue in Person

Düsseldorf · Nach dem Tod seines Herrchens wartete Hachiko jeden Tag am Bahnhof auf ihn bis zu seinem eigenen Tod, fast zehn Jahre lang. Heute wird er in Japan verehrt – lange aber hatte man ihn als lästigen Streuner gesehen.

Die erweiterte Familie des kinderlosen Hidesaburo Ueno (oben links) mit Hachiko in den 1920er Jahren.

Die erweiterte Familie des kinderlosen Hidesaburo Ueno (oben links) mit Hachiko in den 1920er Jahren.

Foto: Gemeinfrei/-

Der XXL-Fußgängerüberweg Shibuya Crossing ist eine Lichtung im Großstadtdschungel Tokios, überragt von Leuchtreklamen und wild blinkenden Videowänden an den Wolkenkratzern. In einer einzigen Grünphase schieben sich hier bis zu 3000 Menschen über die Zebrastreifen. Geschäftsmänner in Maßanzügen und Manga-Fans mit bunten Haaren. Auf dem Weg in Tokios legendäres Vergnügungsviertel zum Karaoke oder Club, ins Shoppingcenter oder Stundenhotel. Der größte Anziehungspunkt der ganzen Gegend aber ist die unscheinbare Bronzestatue eines Hundes im Schatten eines Kirschbaums.

 Hachiko war ein japanischer Spitz (Akita) mit weißlichem Fell, etwa 64 Zentimeter hoch und 40 Kilo schwer.

Hachiko war ein japanischer Spitz (Akita) mit weißlichem Fell, etwa 64 Zentimeter hoch und 40 Kilo schwer.

Foto: Gemeinfrei/-

Heute steht sie besonders im Fokus der Reporter, denn heute wäre Hachiko 100 Jahre alt geworden. Ein Spitz, der in Japan zum Nationalheld wurde und auch international viele Menschen zu Tränen rührte.

Das Tier der Rasse Akita wird wenige Wochen nach seiner Geburt in der gleichnamigen ländlichen Region seinem neuen Herrchen übergeben: Am Ziel einer 20-stündigen, mehr als 600 Kilometer langen Zugreise wartet Hidesaburo Ueno (51). Der Professor für Agrartechnik an der Kaiserlichen Universität Tokio verliert sein Herz an den Hund: Bald darf Hachiko ins Haus, auf das Sofa, sogar in die Badewanne. Jeden Morgen begleitet er den Professor zum Bahnhof Shibuya. Jeden Abend holt er ihn pünktlich dort ab; angeblich guckt er nach rechts und links, bevor er die Straße überquert. Doch den beiden sind nur rund eineinhalb Jahre miteinander vergönnt.

 Hachiko starb am 8. März 1935 im hohen Alter von elf Jahren. Die Partnerin seines Herrchens, Yaeko Ueno (unterere Reihe, Zweite von rechts), war zu diesem Zeitpunkt schon seit zehn Jahren Witwe.

Hachiko starb am 8. März 1935 im hohen Alter von elf Jahren. Die Partnerin seines Herrchens, Yaeko Ueno (unterere Reihe, Zweite von rechts), war zu diesem Zeitpunkt schon seit zehn Jahren Witwe.

Foto: Gemeinfrei/-

Hachikos Herrchen starb früh und plötzlich

Am 21. Mai 1925 wartet Hachiko vergeblich am Gleis. Sein Herrchen ist während einer Vorlesung an einer Hirnblutung gestorben. Weil seine Witwe Hachikos Anblick vor Schmerz kaum erträgt, gibt sie ihn zu Verwandten ab. Doch von dort reißt er sich immer wieder los, um zum Bahnhof zu laufen. Auch und gerade angesichts des Unbegreiflichen bleibt Hachiko beharrlich: Jeden Abend läuft er zur Ankunftszeit des Pendlerzugs ans Gleis, schnüffelnd, winselnd, suchend. Rund sieben Jahre lang ist er den Bahnhofsmitarbeitern wie Pendlern vor allem lästig – und wird entsprechend be- und misshandelt. Dann aber erklärt ein Zeitungsartikel die Geschichte des Hundes, der längst bei Uenos früherem Gärtner nahe dem Bahnhof lebt – und Hachiko wird über Nacht zum Nationalhelden.

Laika, Snoopy und Co.: Das sind die berühmtesten Hunde der Welt
10 Bilder

Das sind die berühmtesten Hunde der Welt

10 Bilder
Foto: dpa

Journalisten, Lehrer und Eltern, der kaiserliche Hof, Politiker und Militärs erklären ihn zur Personifizierung der japanischen Kernwerte Loyalität, Treue und Hingabe. Ab jetzt wird er liebkost, gefüttert, gesegnet. Eine erste Statue wird im April 1934 vor seinen Augen eingeweiht. Dass sie 1944 zwecks Waffenproduktion eingeschmolzen wird, erlebt er nicht mehr. Nachdem er neun Jahre, neun Monate und 15 Tage lang zum Bahnhof gelaufen ist, zieht sich Hachiko am 8. März 1935 zum Sterben in eine Seitenstraße zurück. Eine Au­topsie ergibt, dass er an Krebs und an einem Herzwurm gelitten hatte.

Hachiko ist der Star von Kinderbüchern und Filmen

Sein Fell wird ausgestopft und im Nationalen Wissenschaftsmuseum ausgestellt, sein Körper verbrannt, die Asche neben der seines Herrchens bestattet. Bis heute erzählen Gedichte, Lieder, Kinderbücher und Filme von ihm. 2009 kam eine amerikanisierte Version der Geschichte unter dem Titel „Hachiko – Eine wunderbare Freundschaft“ in die Kinos. Richard Gere gibt darin den Musikprofessor Parker Wilson, die Hauptrolle aber gebührt dem Hund, der tatsächlich von drei verschiedenen Tieren gespielt wurde. Der Film ist selbstverständlich kitschig, aber auf eine stille Art: Es geht durchaus auch um die gemischten Gefühle der Partnerin des Professors, um das Altern und Abschiednehmen und Weiterleben. Hachiko werden in dem Film eben nicht im Disney-Stil menschliche Züge verliehen. Wo der Zuschauer Hachikos Perspektive einnehme, betonte Gere, habe man „trotzdem weiter keine Ahnung, was in dem Tier vorgeht. Es ist nur ein kleiner Einblick in sein Reich, das ganz sicher kein menschliches ist“.

Ein Hachiko-Double zur Premiere von „Eine wunderbare Freundschaft“ 2009 in den Armen von Richard Gere.

Ein Hachiko-Double zur Premiere von „Eine wunderbare Freundschaft“ 2009 in den Armen von Richard Gere.

Foto: dpa/epa Dai Kurokawa

Dennoch liegt natürlich der Gedanke nahe, was Hachiko wohl – mangels passenderer Begriffe – dachte und fühlte. Unverständnis? Trauer? Hoffnung? Die Frage nach dem Wann der Rückkehr. Auch die nach dem Warum der Abwesenheit? Womöglich der Verdacht, er selbst könne etwas dafür, habe sein Herrchen verärgert und vertrieben?

Gere sah es nüchterner: „Er wartet nicht auf irgendetwas oder irgendjemanden. Er meditiert, das heißt, er wartet einfach nur im reinsten Sinne des Wortes.“ Eine der heute vielen Statuen jedenfalls, jene vor dem Institut des Professors, zeigt die beiden wieder vereint.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort