Guatemala: Tausende Migranten warten an mexikanischer Grenze

Tausende Migranten an Grenze zu Mexiko : „Ich werde die USA erreichen“

Verzweiflung, Ausweglosigkeit, Freude und Hoffnung. Gefühle, die Tausende Migranten an der Grenze zwischen Mexiko und Guatemala aktuell durchleben. Die Menschen aus Süd- und Mittelamerika warten dort, um ihren Weg in Richtung USA fortzusetzen.

Steine fliegen, Kinder schreien und weinen. Auf dem Erdboden bleiben verlorene Schuhe zurück. Im Chaos tragen einige Menschen blutende Schürfwunden davon. Die Szenen an der Grenze von Mexiko und Guatemala zeigen die Verzweiflung der Migranten aus Mittelamerika. Tausende versuchen, den Grenzübergang zwischen den beiden lateinamerikanischen Ländern zu überwinden. Es kommt kurzzeitig zu tumultartigen Situationen als die Polizei versucht, die Menschen zurückzudrängen. Später herrscht wieder Ruhe - aber keine Gewissheit für die Flüchtlinge, die die USA erreichen möchten.

„Wir kommen nicht, um irgendjemanden zu belästigen“, sagt Juan Carlos Montejo. „Was wir wollen, ist, weiterzuziehen“. Bis an die Grenze der USA möchte der 30-Jährige aus Honduras. Er wolle seinen Amerikanischen Traum leben. In Honduras hält ihn nichts. „Es gibt dort keine Arbeit, keine Sicherheit, keine Ausbildung, es gibt nichts.“ Deswegen habe er sich auf den Weg gemacht - um seiner Familie eine bessere Zukunft zu geben, sagt Montejo.

Wie es für die geschätzt 5000 Migranten an der mexikanischen Grenze weitergehen wird, ist unklar. Einige haben sich in den Kopf gesetzt, die Vereinigten Staaten zu erreichen. Mexiko kündigte jedoch an, nur Migranten mit den entsprechenden Papieren weiterziehen zu lassen - die natürlich keiner der Menschen aus Honduras, Guatemala und El Salvador besitzt.

Mexiko gilt als Transitland für Migranten auf dem Weg in die USA. Viele nehmen dafür gefährliche Wege in Kauf: Die Menschen durchqueren das ebenfalls von Gewalt betroffene Land ohne jeglichen Schutz oder vertrauen Menschenschmugglern. Häufig werden sie Opfer der organisierten Kriminalität. Erreichen sie tatsächlich die Grenze zu den USA, droht ihnen dort der nächste Rückschlag. Denn der illegale Grenzübertritt endet in der „Null Toleranz“-Politik der Regierung unter Donald Trump in Gewahrsam der Migrationsbehörde.

Andere wollen es nur bis nach Mexiko schaffen und dort Asyl beantragen. Der Prozess dafür kann bis zu drei Monate dauern. In dieser Zeit müssen die Flüchtlinge in Migrationszentren an der Grenze bleiben. Die Menschenkarawane aus Mittelamerika war vor rund einer Woche in San Pedro Sula in Honduras losgelaufen. Rund 650 Kilometer legte sie durch Honduras und Guatemala bis an Mexikos Grenze zurück.

Eine fast endlos erscheinende Schlange hat sich vor und auf der Grenzbrücke zwischen Tecún Umán in Guatemala und Ciudad Hidalgo in Mexiko gebildet. Der Marsch sei anstrengend gewesen, sagt Dani Infantes der Deutschen Presse-Agentur. „Wir sind nicht hierher gekommen, um weiter zu leiden. Wir sind hierher gekommen, weil wir in unserem Land nicht leben können“, sagt Infantes. „Die Kriminalität lässt dich in Honduras nicht leben.“ Er wartet an der Grenzbrücke, um in das mexikanische Territorium laufen zu können. „Wir sind keine Kriminellen, wir kommen, um zu arbeiten“, sagt Infantes.

Ende 2017 waren weltweit 294.000 Menschen aus Mittelamerika als Flüchtlinge registriert, wie das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) im Mai mitteilte. In der ersten Hälfte des Jahres 2018 stammten nach Angaben der US-Immigrationsbehörde die meisten der Menschen, die in den USA als Flüchtling anerkannt werden möchten, aus El Salvador, Honduras und Guatemala - nur von venezolanischen Staatsbürgern wurden in dem Zeitraum noch mehr Anträge eingereicht.

Honduras gilt wegen der starken Präsenz der Jugendbanden als einer der gefährlichsten Staaten der Welt. Zudem prägen Korruption, Menschenrechtsverletzungen und Armut das Leben vieler Honduraner. 66 Prozent der Menschen galten im Jahr 2016 nach Angaben der Weltbank als arm. Viele Familien sehen nur die Flucht als Ausweg.

Dani Mauricio Portillo aus Ocotepeque in Honduras wartet zuversichtlich an der Grenze. Er sei sich sicher, dass die mexikanischen Behörden sie passieren lassen würden. „Aber alles ganz ruhig“, sagt Portillo. Er möchte in die USA. „Ich habe zwei Kinder und in Honduras kann man nicht leben.“ Viele der mitgereisten Migranten hätten Pläne, in Mexiko zu bleiben, erzählt Portillo. Er nicht. „Ich werde die USA erreichen.“

Auch an diesem Tag sind noch Menschen aus Honduras in der Hauptstadt Guatemala-Stadt angekommen, wie der Leiter der Flüchtlingsunterkunft Casa del Migrantes, Mauro Verzeletti, lokalen Medien mitteilt. „Bis jetzt haben wir mehr als 11.000 Migranten im Casa del Migrantes empfangen, wo wir sie mit erster humanitärer Hilfe unterstützen“, sagt der Geistliche aus Brasilien.

Sollten die Migranten alle die Grenze zu Mexiko erreichen, scheint die Krise dort gerade erst zu beginnen. Einige der Menschen versuchen, den Grenzfluss Suchiate auf alten LKW-Reifen oder Holzplatten zu überqueren - und nehmen damit das Risiko auf sich, festgenommen und abgeschoben zu werden. Andere, die den offiziellen Weg gehen wollen, harren wochenlang in Tecún Umán aus bis die mexikanischen Behörden ihre Papiere geprüft haben.

Doch für viele ist auch das schon ein Hoffnungsschimmer. Eine Frau, die den Weg mit ihrer Tochter und ihrem Ehemann gelaufen ist, kann ihre Freude kaum zurückhalten: „Ich bin sehr froh, weil ich mexikanischen Boden betrete. Gott sei Dank.“

(felt/dpa)
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