"Zeitenwende" in Frankreich?: Franzosen wenden sich gegen die Atomkraft

"Zeitenwende" in Frankreich?: Franzosen wenden sich gegen die Atomkraft

Paris (RPO). Am Montagmorgen brach die Seite der französischen Atomkritiker endgültig zusammen: Die Homepage von "sortir du nucléaire" konnte über Stunden nicht mehr aufgerufen werden. Mehr als 30.000 Zugriffe verzeichneten die Umweltschützer - etwa zehn Mal so viele wie vor der nuklearen Katastrophe in Japan. "Die Franzosen wachen endlich auf", sagt Monique Labarthe aus dem Vorstand der Dachorganisation. Denn eigentlich gilt Frankreich als das Atomland Nummer 1.

Die Telefonleitungen der Atomkritiker liefen heiß und viele besorgte Bürger würden sich melden. "Lange Zeit haben die Franzosen die Lügen der Großkonzerne geglaubt", sagt Labarthe. "Wir stehen nun vor einer Zeitenwende."

"Zeitenwende" in Frankreich

Tatsächlich wurde die Atomkraft im Nachbarland bislang nur wenig diskutiert. Sie galt den Franzosen als unverzichtbar. Ohnehin kann ein französischer Bürger der Kernkraft kaum entkommen: Selten ist er weiter als 250 Kilometer vom nächsten Reaktor entfernt. Deshalb war für die Bürger des Nachbarlandes ein Atommeiler in Sichtweite alltäglich, Castor-Transporte wurden kaum wahrgenommen.

Denn Frankreich ist auch heute noch das Atomland Nummer eins in Europa und der Welt. In keinem anderen Staat laufen so viele Kernkraftwerke bezogen auf die Bevölkerung. 59 Reaktoren sind an den großen Flüssen über das Nachbarland verteilt. Ein Ende der Kernkraft stand bislang nicht zur Debatte.

Zuspruch erschüttert

Die beunruhigende Katastrophe in Japan hat nun den Zuspruch zur atomaren Energie im Nachbarland erschüttert. Zwar erklärten verschiedene Minister einhellig in Paris, die französischen Atomkraftwerke seien sicher. "Unsere Anlagen sind gegen Naturkatastrophen geschützt und werden ständig überprüft", sagte etwa der Industrieminister Eric Besson im französischen Radio.

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Besson beharrte auf der mittlerweile umstrittenen Einschätzung, es handele sich in Japan nicht um eine nukleare Katastrophe, sondern um einen "schweren Unfall". Aber diesmal waren die dazugeschalteten Hörer mit den offiziellen Erklärungen nicht zufrieden: Sie sorgten sich etwa, ob die Flüsse Loire und Rhône, an denen die meisten Anlagen stehen, auch in heißen Sommern eine ausreichende Kühlung garantieren könnten.

Der deutsch-französische EU-Politiker Daniel Cohn-Bendit forderte nun eine Volksabstimmung über die Atomkraftwerke. "Die Menschen haben geglaubt, sie könnten die Kernenergie beherrschen", sagt der Grüne in der Tageszeitung "Le Monde".

"Muss erst eine Katastrophe in Europa passieren, damit wir reagieren?", fragte Cohn-Bendit. Das Volk müsse nun selbst entscheiden können, ob und wie das Land aus der Atomkraft aussteigen kann. Die Linke sollte dieses Referendum organisieren. Weitere Politiker der Grünen und einzelne Sozialisten schlossen sich der Forderung nach einer öffentlichen Abstimmung am Montag an.

Auswirkung auf Deutschland?

Die neu entfachte Atom-Debatte in Frankreich könnte sich auch auf deutsche Energiekonzerne auswirken: Bislang profitieren sie von der großen Akzeptanz der Atomenergie im Nachbarland. Erst in diesem Sommer hat die EU beschlossen, ihr größtes gemeinsames Forschungsprojekt ITER im südfranzösischen Cadarache zu bauen. Die breite Unterstützung der Bevölkerung war ein wichtiger Faktor für den Zuschlag. Auch der neueste Reaktor, der so genannte ERP im nordfranzösischen Flamanville, wird gemeinsam von der EDF-Tochter Areva und Siemens gebaut und soll im Jahr 2014 fertiggestellt sein.

Möglicherweise wird die Entwicklung in Japan erstmals auch die Atomkraft in den Wahlkampf tragen: In vierzehn Monaten wird in Frankreich ein neuer Präsident oder eine neue Präsidentin gewählt. Bislang aber haben sich selbst die französischen Grünen nicht geschlossen für einen Ausstieg aus der Kernenergie ausgesprochen. Nun kündigen alle Parteien ähnlich wie in Deutschland an, zumindest die Reaktoren überprüfen zu wollen. Die Atomkraftkritiker stellt das nicht zufrieden: Sie haben für die kommenden Wochen zahlreiche Demonstrationen angekündigt.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Luftaufnahmen zeigen die Verwüstungen

(apd)
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