Flüchtlinge aus Kobane: "Wir schlafen jeden Nacht unter freiem Himmel"

Kurdische Flüchtlinge in der Türkei : "Wir schlafen jede Nacht unter freiem Himmel"

Rund 200.000 Menschen sind seit Mitte September vor der Terrormiliz IS aus Kobane in die Türkei geflohen. Für die ersten Ankömmlinge war noch Platz in Flüchtlingslagern, doch inzwischen müssen viele in Moscheen, auf Baustellen oder unter freiem Himmel hausen. Noch haben Helfer die Mittel, sie mit dem Allernötigsten zu versorgen.

Mohammed ist so gut wie nichts geblieben. Er, der noch bis vor kurzem im Norden Syriens Baumwolle anpflanzte, verbringt nun seine Tage in einem staubigen Flüchtlingslager hinter der türkischen Grenze in der Stadt Suruc. "Ich wollte mein Land nicht verlassen, aber ich habe gehört, dass der Islamische Staat Leute enthauptet - also was blieb mir anderes übrig? Ich sah, wie sich ihre Fahrzeuge unserem Dorf näherten, dann sind wir losgerannt", erzählt er. Die Ernte dürfte verloren sein, die verlassenen Höfe der Bauern sind den Plünderungen durch die Extremisten preisgegeben.

"Ich vermisse all die Dinge in meinem Haus, einfach alles", sagt Hansa Baku, die mit ihrem jüngsten Sohn vor einem Zelt sitzt. Sie stammt aus Gerik, einem kleinen Dorf nahe der umkämpften syrisch-kurdischen Stadt Kobane. Ihre älteste Tochter hat sich vor sechs Monaten den kurdischen Volksschutzeinheiten (YPG) angeschlossen und kämpft nun gegen die Extremisten der Terrormiliz IS. Zwei weitere Söhne haben sich in der Türkei auf Jobsuche begeben, um die Familie finanziell über Wasser zu halten.

"Das Leben im Lager hat weder einen Sinn noch einen Zweck"

"Wir haben Lebensmittel und Wasser, weil die Partei (die Kurdenpartei BDP) uns ausreichend versorgt, aber das Leben im Lager hat weder einen Sinn noch einen Zweck", sagt Baku. Die BDP hat auch das Camp, in dem sie und andere Flüchtlinge untergekommen sind, organisiert.
Mittlerweile beziffert die Regierung in Ankara die Zahl der Flüchtlinge, die seit Mitte September aus Kobane in die Türkei gekommen sind, auf rund 200 000. Seit Beginn des Bürgerkrieges in Syrien vor dreieinhalb Jahren haben bereits mehr als 1,5 Millionen Syrer Zuflucht im Nachbarland gesucht.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Flüchtlingen aus der Region Kobane durften die Bakus - nach Tagen des Wartens an der Grenze - ihr Vieh in die Türkei bringen. Doch wirklich glücklich wurde die Familie mit den mitgebrachten Tieren nicht. "Wir mussten alles verkaufen. Ich hatte 50 Schafe und vier Kühe", sagt Baku. "Wir brauchten das Geld, und außerdem hatten wir keine Möglichkeit, sie hier im Lager zu füttern, wir haben ja kein Land hier."

Hinzu kommt die Sorge der Mutter um ihre Kinder, deren Alltag nach der Flucht von Nichtstun geprägt ist. Sie sprechen kein Türkisch, und in den örtlichen Schulen wird kein Unterricht auf Kurdisch oder Arabisch angeboten. Um wenigstens einen Anschein von Normalität zu wahren, haben die Erwachsenen den Kindern Aufgaben zugewiesen. Vor Bakus Zelt zieht eine Gruppe Jungen mit einem Schubkarren vorbei. Der Karren ist mit Müll beladen, den sie bei den Familien einsammeln. Jeden Tag ist eine andere Gruppe Kinder an der Reihe.

Die Flüchtlinge probieren, so etwas wie ein Gemeinschaftsgefühl zu pflegen. Etwa, wenn sie versuchen, regelmäßig nach einer jungen Mutter und deren Kindern zu schauen - die Frau hatte einen Zusammenbruch erlitten, nachdem die Extremisten ihr Dorf überrannt hatten.

Die ersten Menschen, die es über die Grenze schafften, sind noch in Flüchtlingslagern untergekommen. Mittlerweile müssen Neuankömmlinge in Moscheen, auf Baustellen und leerstehenden Geschäften übernachten.

"Wir schlafen jede Nacht unter freiem Himmel"

"Ich bin mit meiner Frau und sechs Kindern hier. Wir schlafen jede Nacht in einem Hof unter freiem Himmel", sagt Fajad Jusef, der in seinem Dorf Maktali bei Kobane Brunnen angelegt hat. Mit anderen Flüchtlingen sitzt er vor einem Kulturzentrum in Suruc. Dort musizieren und singen ein paar junge Männer, um einige Dutzend Kinder zu unterhalten. Im zweiten Stock des Hauses ist eine provisorische Praxis untergebracht, in der zwei Ärzte die Flüchtlinge behandeln.

Nicht weit entfernt, beim örtlichen BDP-Büro, verfolgen zahlreiche Menschen die Nachrichten eines kurdischen Senders, der über die Situation in der umkämpften syrischen Stadt Kobane berichtet. Viele sind in sich gekehrt angesichts der Bilder von Rauchwolken über der Stadt, die einst ihr Zuhause war.

"Wir können nur noch Hilfe für einen weiteren Monat anbieten. Das ist alles, was wir machen können", sagt Nihayet Tasdemir, eine Freiwillige der BDP. "Wir haben die Regierung um Hilfe gebeten, aber bislang hat sie nur sehr wenig getan", sagt die Sozialarbeiterin und blickt dabei aus traurigen und müden Augen. "Suruc ist kein reicher Ort, und es gibt nicht viele Jobs. Die Menschen beklagen sich nicht, weil es ihre Brüder sind, die hierherkommen" - schließlich leben auf beiden Seiten der Grenze Kurden. "Aber wenn der Partei die Mittel ausgehen, wird die Lage noch schlimmer."

Hier geht es zur Bilderstrecke: So leben Flüchtlingskinder in Suruc

(dpa)
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