Feuer in Notre-Dame: Fachleute entdecken „Schwachstellen" im Gewölbe

Brand in Notre-Dame gelöscht : Fachleute entdecken „Schwachstellen“ an Kathedrale

Der Brand in der Pariser Kathedrale Notre-Dame trifft Frankreich ins Herz. Präsident Macron kündigte an, das Wahrzeichen wieder aufzubauen. Dafür stehen bereits mehr als 300 Millionen Euro zur Verfügung. Die Ermittler gehen weiter von einem Unfall als Brandursache aus.

Fachleute haben nach dem Feuer „einige Schwachstellen“ im Gebäude entdeckt. Diese betreffen vor allem das Gewölbe, also die Gebäude-Decke, sagte Innen-Staatssekretär Laurent Nuñez am Dienstag. „Im Ganzen hält die Struktur gut“, fügte er hinzu. Im Zuge der Absicherung der historischen Kirche seien fünf Wohnhäuser in der unmittelbaren Nachbarschaft geräumt worden, sagte Nuñez. Die Häuser liegen demnach in einer schmalen Straße nördlich des Gotteshauses. Die Absicherungsarbeiten im Inneren der schwer beschädigten Kathedrale dürften rund 48 Stunden dauern, sagte der Staatssekretär.

Frankreichs Premierminister Édouard Philippe hat am Dienstag eine Ministerrunde zusammengerufen, um über einen Wiederaufbauplan für Notre-Dame zu beraten. Noch während des Brandes hatte Präsident Emmanuel Macron angekündigt: „Wir werden diese Kathedrale wieder aufbauen.“ Das erwarteten die Franzosen. Zu dem Treffen bei Philippe am Dienstag kamen Kulturminister Franck Riester und der Minister für öffentliche Finanzen, Gérald Darmanin. Das Innenministerium war durch Staatssekretär Laurent Nuñez vertreten, wie die französische Nachrichtenagentur AFP berichtete.

Viele sagen Hilfen zu

Notre-Dame in Paris steht in Flammen

Am Morgen nach dem verheerenden Brand in der Kathedrale Notre-Dame standen bereits 310 Millionen Euro für ihren Wiederaufbau bereit. Die Region Ile-de-France, die größtenteils dem Großraum Paris entspricht, kündigte am Dienstag eine Soforthilfe von zehn Millionen Euro an. Die Familien hinter zwei Luxusgüterkonzernen sagten zusammen 300 Millionen Euro zu. Die Bürgermeisterin von Paris, Anne Hidalgo, schlug eine internationale Geberkonferenz vor.

Die Präsidentin des Regionalrats von Ile-de-France, Valérie Pécresse, sagte dem Sender Radio Classique, die Soforthilfe solle das Erzbistum bei den ersten Arbeiten unterstützen. Der Wiederaufbau werde die besten Architekten und Handwerker „Frankreichs, vielleicht der ganzen Welt“ auf den Plan rufen, sagte Pécresse.

Die Pariser Bürgermeisterin Hidalgo brachte eine internationale Geberkonferenz für den Wiederaufbau ins Gespräch. Sie könne gleichzeitig als Treffpunkt von Experten dienen, sagte sie dem Radionetzwerk France Inter.

Die Bundesregierung bietet Frankreich Hilfe beim Wiederaufbau an. "Wenn Deutschland helfen kann, und sei es mit Unterstützung von Fachkräften und Restauratoren, um das was verloren gegangen oder beschädigt worden ist wieder aufzubauen, werden wir Frankreich dabei unterstützen", sagte Kanzleramtschef Helge Braun unserer Redaktion. Die gotische Kirche sei ein enormer Kulturschatz und Teil der französischen Seele, sagte der CDU-Politiker. Die Bundesregierung werde mit Paris darüber sprechen, welche Hilfe konkret aus Deutschland benötigt werde.

Mit der Initiative „NRW für Notre Dame“ ruft Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) zu Spenden für die schwer brandgeschädigte Pariser Kathedrale auf. Für die schnelle Wiederaufbauhilfe sei gemeinsam mit der Deutschen UNESCO-Kommission ein spezielles Spendenkonto eingerichtet worden, teilte Laschet am Dienstag in Düsseldorf mit.

„Ich rufe Bürger, Stiftungen, Verbände und Unternehmen auf, die Aktion zu unterstützen“, sagte der derzeitige Bevollmächtigte der Bundesrepublik für die deutsch-französischen kulturellen Beziehungen. Auch die Unterstützung der vielen Städte- und Schul-Partnerschaften sei jetzt gefragt. Mehrere Konzerne mit Sitz in NRW hätten ihm bereits Spenden für die Notre Dame in fünf- und sechsstelliger Höhe zugesichert, sagte Laschet. NRW könne ebenfalls mit der hohen Expertise seiner vier Dombauhütten in Aachen, Köln, Soest und Xanten helfen, sagte NRW-Bauministerin Ina Scharrenbach (CDU).

Die NRW-Landesregierung hatte bereits am Montagabend europäische Hilfen für Notre-Dame ins Spiel gebracht. Laschet rief auf Twitter zum gemeinsamen Einsatz für die Rekonstruktion auf. „Nicht nur Frankreich, ganz Europa sollte jetzt beim Wiederaufbau helfen.“ Der stellvertretende Ministerpräsident Joachim Stamp (FDP) twitterte am Montagabend, Notre-Dame sei „nicht allein eine der berühmtesten Kirchen, nicht nur Weltkulturerbe, sondern ein einzigartiger heiliger Ort, dessen Bedeutung wir erst realisieren im Moment dieses Brandes“.

Auch EU-Ratspräsident Donald Tusk rief alle anderen EU-Mitgliedstaaten zur Hilfe beim Wiederaufbau auf. „Ich weiß, dass Frankreich das alleine machen könnte, aber hier geht es um mehr als nur materielle Hilfe“, sagte Tusk am Dienstagmorgen im Europaparlament. Der Brand der Kathedrale habe vor Augen geführt, dass man in der EU durch etwas bedeutenderes und tiefergreifendes verbunden sei als durch Verträge. „Heute verstehen wir besser, was die Grundlage der Gemeinsamkeiten ist, wir wissen besser, wie viel wir verlieren können - und dass wir das zusammen verteidigen wollen“, sagte er.

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker sprach mit Blick auf den Brand von einem „schrecklichen Tag für alle, die Frankreich und Paris lieben“ und kündigte an, dass die EU-Kommission alle Unterstützung leisten werde, die Frankreich möglicherweise benötigen könnte. „Gestern ist ein bedeutender Teil Frankreichs schwer verwundet worden und wir sind alle ein bisschen Witwer und Witwen“, sagte Juncker.

Auch die Vereinten Nationen wollen Frankreich beim Wiederaufbau unterstützen. Eine Kommission stehe bereit, um den Brandschaden zu bewerten, erklärte die Unesco-Generaldirektorin der Audrey Azoulay am Dienstag in Paris. Die Unesco-Experten sollen feststellen, welche Bauteile des schwer beschädigten Gotteshauses im Herzen von Paris bewahrt werden können. Die Französin Azoulay verwies darauf, dass Notre-Dame seit 1991 zum Welterbe der Unesco gehört. Der Brand habe ihr Herz gebrochen. Notre-Dame gehöre der gesamten Menschheit.

Zwei ungarische Städte - Szeged und Szekesfehervar - spenden jeweils 10.000 Euro für den Wiederaufbau. Zudem kündigte der Dachverband der Jüdischen Gemeinden Ungarns (MAZSIHISZ) am Dienstag eine Spendensammlung für Notre Dame an und rief den Jüdischen Weltkongress (WJC) auf, sich dem anzuschließen.

Auch Bulgarien erklärte sich nach dem Brand bereit, den Wiederaufbau finanziell und mit Restauratoren zu unterstützen. Bulgariens Hilfeangebot sei dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron am Dienstag übermittelt worden, sagte Regierungschef Boiko Borissow in Sofia.

Neben offiziellen Geldern stehen auch bereits zwei große Privatspenden zur Verfügung: Der größte und der zweitgrößte Luxusgüterkonzern Frankreichs, LVMH und Kering, verpflichteten sich zu Millionenspenden im dreistelligen Bereich.

Die Milliardärsfamilie Pinault will demnach 100 Millionen Euro für den Wiederaufbau der von Flammen verwüsteten Kathedrale zur Verfügung stellen. Das gab in der Nacht zum Dienstag François-Henri Pinault bekannt, der Chef des Luxusmodekonzerns Kering (Gucci, Saint Laurent, Balenciaga). „Diese Tragödie trifft alle Franzosen“, erklärte die Familie. In solch einer Situation wolle jeder mithelfen, "schnellstmöglich diesem Juwel unseres nationalen Kulturerbes wieder Leben einzuhauchen".

Am Dienstagmorgen zog dann LVMH (Moët Hennessy - Louis Vuitton) nach: Die Unternehmensgruppe versprach eine Spende von 200 Millionen Euro für den Wiederaufbaufonds. In einer Erklärung hieß es, LVMH und die Besitzerfamilie Arnault wollten nach „dieser nationalen Tragödie“ ihre Solidarität zeigen. Notre-Dame sei ein Symbol Frankreichs, seines kulturellen Erbes und seiner Einigkeit.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat auch die Menschen in Deutschland gebeten, den Wiederaufbau zu unterstützen. Er nehme gerne die entsprechende Bitte des französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron an die Europäer auf, sagte Steinmeier am Dienstag im Berliner Schloss Bellevue. „Es ist nicht nur ein großes Bauwerk, es ist ein großes europäisches Wahrzeichen, Wahrzeichen europäischer Kultur und ein wichtiges Dokument europäischer Geschichte“. Frankreich sei in dieser Stunde nicht allein, betonte das Staatsoberhaupt.

Wiederaufbau von Notre-Dame könnte Jahrzehnte dauern

Der Kölner Dombaumeister Peter Füssenich rechnet mit einem jahrzehntelangen Wiederaufbau von Notre-Dame. „Jetzt zu spekulieren, wie lange der Wiederaufbau dauern und was er kosten wird, ist ein Blick in die Glaskugel“, sagte Füssenich am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur. „Aber allein wenn man die Fernsehbilder gesehen hat, weiß man, dass es nicht nur Jahre sein werden, bis der letzte Schaden beseitigt ist, sondern dass es da um Jahrzehnte geht.“

Die nächsten Tage seien nun entscheidend, betonte der Experte. Die steinernen Deckengewölbe unterhalb des verbrannten Dachstuhls hätten sich mit Löschwasser vollgesogen. „Das hat dazu geführt, dass es zu einer Gewichtszunahme der überwölbten Decken um ein Vielfaches gekommen ist. Man wird die nächsten Tage abwarten müssen, ob die Gewölbe standhalten trotz dieses Gewichts.“

Die Zerstörung des Dachstuhls von Notre-Dame sei ein besonders großer Verlust, weil er überwiegend noch aus dem 13. Jahrhundert gestammt habe. Ein ähnlicher Großbrand am Kölner Dom sei jedoch unwahrscheinlich, sagte Füssenich. Im Aachener Dom sieht es dagegen anders aus. Der Dombaumeister dort sieht ein hohes Brandrisiko. Lesen Sie hier mehr dazu.

Europas Dombauhütten werden mithelfen, die Brandkatastrophe zu bewältigen. Für die Rekonstruktion und den Wiederaufbau der am Montagabend von einem verheerenden Brand schwer in Mitleidenschaft gezogenen Pariser Kirche sei „Geld und Können“ erforderlich, sagte der Dombaumeister am Wiener Stephansdom und Vorsitzende der Europäische Vereinigung der Dombaumeister, Wolfgang Zehetner, am Dienstag der Wiener Presseagentur Kathpress. Hochqualifizierte Steinmetze und Bildhauer gebe es nicht im Übermaß. Nach Rücksprache mit Kollegen in Deutschland könne er sich gut vorstellen, der Dombauhütte in Paris Fachleute zur Verfügung zu stellen.

Die Domglocken in Köln haben am Dienstag als Zeichen der Solidarität geläutet. „Das Feuer trifft auch unsere Herzen“, erklärte Dompropst Gerd Bachner. Alle Domglocken läuteten sieben Minuten lang - bis auf die St. Petersglocke, den sogenannten Dicken Pitter, der nur an hohen kirchlichen Feiertagen läutet. Auch in anderen deutschen Städten läuteten Kirchenglocken aus Verbundenheit, etwa in Aachen, Fulda und Hamburg.

Direktor von Notre-Dame sieht keine Brandschutzmängel

Unterdessen läuft die Suche nach der Ursache für den Brand in der Kathedrale. Die Pariser Staatsanwaltschaft geht weiter davon aus, dass das Feuer auf einem Unfall beruht. „Nichts weist derzeit in die Richtung einer vorsätzlichen Tat“, sagte der Pariser Staatsanwalt Rémy Heitz am Dienstag. Die Staatsanwaltschaft hatte bereits in der Nacht bestätigt, dass sich die Ermittlungen um eine „unbeabsichtigte Zerstörung“ durch Feuer drehen.

Laut Heitz werden Zeugen angehört. Dazu gehören auch Arbeiter, die bei den Renovierungsarbeiten in der Kathedrale beschäftigt waren. Laut Heitz suchen rund 50 Ermittler nach der Brandursache. Es habe am Montag zwei Mal Alarm gegeben: Einmal um 18.20 Uhr, dabei seiner aber bei einer Überprüfung kein Feuer entdeckt worden. Der zweite Alarm wurde um 18.43 Uhr ausgelöst - dann sei der Brand im Dachstuhl entdeckt worden.

Ein Vertreter eines mit der Ausbesserung des Dachs der Kathedrale Notre-Dame beschäftigten Unternehmens verteidigte seine Arbeiter. „Alle Sicherheitsmaßnahmen wurden beachtet“, sagte Julien le Bras, von dessen Firma zwölf Arbeiter in die Restaurierung eingebunden waren. „Arbeiter beteiligen sich ohne Zögern an der Untersuchung“, sagte er. Man wolle, dass „der Ursprung dieses Dramas“ herausgefunden werde.

Der Direktor des Gotteshauses sieht unterdessen keine Sicherheitsmängel beim Brandschutz. Es gebe etwa Brandaufseher, die drei Mal täglich den Dachstuhl prüfen, sagte Patrick Chauvet am Dienstagmorgen dem Sender France Inter. „Ich denke, dass man nicht mehr machen kann.“ Aber es gebe natürlich immer Vorfälle, die man so nicht habe vorhersagen könne. Man müsse nun prüfen was passiert sei – er wisse es noch nicht.

Das Feuer war am Montagabend in der weltberühmten Kathedrale im Herzen von Paris ausgebrochen. Die Flammen verwüsteten kurz vor Ostern den Sakralbau, der Dachstuhl stand lichterloh in Flammen. Am Morgen konnte die Feuerwehr vermelden, der Brand sei komplett gelöscht. Die Löscharbeiten gestalteten sich für die Feuerwehrleute schwierig. Hier erklären wir, warum.

Die imposante Orgel hat das verheerende Feuer entgegen anderer Vermutungen überstanden. Die Orgel, eine der berühmtesten und größten der Welt, sei noch intakt, teilte der stellvertretende Bürgermeister, Emmanuel Gregoire, am Dienstag im Sender BFMTV mit.

Es gebe eine „enorme Erleichterung“ darüber, dass auch historische Kulturgüter wie etwa die als Dornenkrone von Jesu Christi bekannte Reliquie gerettet worden seien, sagte Gregoire. Ein Notfallplan zum Schutz der Kirchenschätze sei schnell und erfolgreich umgesetzt worden. Die Orgel lässt sich bis in die 1730er-Jahre zurückdatieren und wurde von François Thierry gebaut. Sie verfügt über geschätzt 8000 Pfeifen.

Mit Material von AFP, dpa, Reuters, KNA, epd und AP.

Hier geht es zur Bilderstrecke: So sieht die Kathedrale am Morgen nach dem Feuer aus

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