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Ferguson: Das schwarze Amerika ist geteilt

Analyse nach Ferguson : Das schwarze Amerika ist geteilt

Die Afroamerikaner in den USA leben in zwei Universen, zwischen denen es kaum Brücken gibt: hier die erfolgreiche Mittelschicht, dort die Vergessenen der Ghettos. An Orte wie das von Rassenunruhen erschütterte Ferguson dringt die neue Normalität nicht vor.

Es sind ein paar Schlüsselsätze, die im Gedächtnis haften bleiben nach den turbulenten Nächten in Ferguson. "Wenn du schwarz bist und jung, hast du zwei fette Minuspunkte gegen dich, und du kannst nichts ändern daran", sagte Charles Brooks, Lieferwagenfahrer, Bodybuilder, Vater dreier Teenager und in der Stadt ein Mann von Autorität. Was Brooks auf einen kurzen Nenner brachte, ist ein Alltag, in dem vier, fünf afroamerikanische Teenager von weißen Ordnungshütern schon als Gefahr wahrgenommen werden, wenn sie nur zusammenstehen und plaudern, zumal wenn sie ärmellose Hemden tragen oder um den Hals dicke Silberketten.

"Die Polizisten sind sowieso gegen uns, ganz egal, was wir tun. Die Weißen verstehen uns nicht, sie haben keine Ahnung, wie wir leben", hörte man ein ums andere Mal, wenn man mit den Jungen sprach, den Freunden Michael Browns, des erschossenen 18-Jährigen. Die Folge ist die Mentalität einer Wagenburg. Lange ignoriert von einer Welt, die erst dann aufwacht, wenn es lichterloh brennt, zeigen sie dieser Welt die kalte Schulter, manche begegnen ihr mit Verachtung.

Was die Ausgestoßenen ahnen, ist dies: Im Scheinwerferlicht der Weltmedien erlebt Ferguson seine fünf Minuten des Ruhms, so merkwürdig sich das angesichts von Gummigeschossen und Tränengas anhört - und danach vergisst man es wieder, genau wie zuvor. Arbeits- und perspektivlos, empfinden diese Heranwachsenden das Gerede vom American Dream, von den Aufstiegschancen für alle, als blanken Hohn.

Das ist die eine Welt, das Biotop Ferguson. In der anderen leben Sängerin Beyoncé und Barack Obama, der Basketballer LeBron James und Moderatorin Oprah Winfrey. Doch nicht nur die Stars, auch die afroamerikanischen Mittelschichten sind dort zu Hause. Ihren Aufstieg verdanken sie den Bürgerrechtlern Martin Luther King und Rosa Parks, den Gesetzen Lyndon B. Johnsons, aber auch, selbst wenn das bizarr klingt, den Rassenunruhen, die Watts 1965 ins Chaos stürzten. Der Aufruhr im Schwarzenviertel von Los Angeles markierte einen Wendepunkt, an dem sich Ungerechtigkeiten und angestauter Frust offenbarten. Obwohl die Schwarzen dies damals nicht ahnen konnten: Danach ging es für viele von ihnen voran. Die nächsten Dekaden wurden eine Phase wachsenden Wohlstands.

Das Bild vom "Melting Pot" stimmt vielerorts

Die soziale Schere zwischen Schwarz und Weiß schloss sich: Kam der schwarze Durchschnittshaushalt 1967 noch auf 57 Prozent des Einkommens eines weißen, so waren es 2000 bereits 66 Prozent. Das Platzen der Immobilienblase traf aufstrebende Afroamerikaner zwar härter als alle anderen Bevölkerungsschichten, da ihnen, den eher Unerfahrenen, am häufigsten windige Kredite aufgeschwatzt worden waren.

Der Einbruch warf sie vorübergehend zurück, was nichts daran änderte, dass das optimistische Bild vom "Melting Pot" vielerorts stimmt: vom berühmten Schmelztiegel, basierend auf ähnlichen Lebenserfahrungen, auf gut bezahlten Jobs, auf vergleichbarer College-Ausbildung - Faktoren, die Menschen mit dunkler und heller Haut zunehmend verbinden. An den Küsten sind Ehen zwischen Schwarzen und Weißen inzwischen so selbstverständlich wie Apfelkuchen. Nur: Bis Ferguson dringt die neue Normalität nicht vor.

Nur ganz wenige dort schaffen es, die unsichtbaren Mauern des geistigen Ghettos zu überwinden, nur wenigen gelingt der Sprung in die Welt der Universitäten, geregelter Arbeit, gesicherten Einkommens. Es liegt am Milieu Fergusons, überall anzutreffen am Rande größerer Städte, dass die Statistiken sind, wie sie sind. Gemessen am Bevölkerungsanteil, sitzen sechsmal so viele männliche Schwarze wie Weiße im Knast. Rund vier Millionen schwarze Kinder wachsen mit Vater und Mutter auf, sechs Millionen dagegen leben nur mit einem Elternteil, meistens der Mutter, während sich der Vater aus dem Staub gemacht hat oder eine Haftstrafe verbüßt.

Nicht selten führt das zu Lebensgeschichten wie der von Rico, einem 22-Jährigen, der am Canfield Drive in Ferguson wohnt. Aufgewachsen bei einer drogensüchtigen Mutter, der Vater nie da, mit 14 - verwickelt in Bandenkriege - erstmals hinter Gittern, die Schule nicht zu Ende gebracht. In einem Satz: das Leben verpfuscht, bevor es richtig begann.

Vielleicht würde es helfen, wenn weitere Bundesstaaten dem Beispiel Colorados und Washingtons folgten und ihre Drogengesetze lockerten. Ein Grund dafür, dass derart viele junge Afroamerikaner hinter Gittern landen, ist unerlaubter Marihuana-Besitz. Statistisch gesehen werden sie dafür mit einer viermal höheren Wahrscheinlichkeit eingesperrt als ihre hellhäutigen Altersgenossen und besonders im Süden mit drakonischer Härte bestraft. Vielleicht würden liberalere Paragrafen dazu beitragen, die Barrikaden nach und nach zerbröseln zu lassen. Den Versuch wäre es wert.

Am wichtigsten aber wäre, dass man Ferguson nicht gleich wieder verdrängt.

(RP)