Farid Benyettou: Der Verführer der Kouachi-Brüder hat heute dienstfrei

Farid Benyettou: Der Verführer der Kouachi-Brüder hat heute dienstfrei

Der Schock der Anschläge von Paris war auch so groß, weil die Täter mitten aus der französischen Gesellschaft stammten. Ihre Verwandlung zu Terroristen vollzog sich in einer Parallelwelt, entworfen und geführt durch den Prediger Farid Benyettou. Er lebt nach wie vor in Paris.

Die Attentäter von Paris, die Kouachi-Brüder und Amedy Coulibaly, wuchsen in benachteiligten Verhältnissen auf. Als junge Männer schlugen sie sich irgendwie durch, machten Rap-Musik, Gelegenheitsjobs, begingen erste Straftaten. Schon früh, etwa zu Beginn der 2000er-Jahre, verfielen sie den scheinbar einfachen Lösungen, die ihnen ein fanatischer Prediger anbot: Farid Benyettou.

Der war damals selbst noch ein junger Mann Mitte 20. Dennoch folgte ihm eine ganze Schar von Männern in der sogenannten Buttes-Chaumont-Zelle, benannt nach einem Park in Paris. Dort traf sich die Gruppe, die in den Medien auch als das irakische Netzwerk bekannt wurde.

Ein fanatisierter Prediger

Der Irak-Krieg war es, der den jungen Männern den Anstoß gegeben hatte. Der selbsternannte "Emir" und Prediger gab ihnen Koran-Kurse und animierte sie, gegen die gottlosen Amerikaner zu Felde zu ziehen. Einige gingen tatsächlich in den Irak. Auch Chérif Kouachi wollte in den Krieg, wurde jedoch am Flughafen festgenommen. Sowohl er als auch sein Mentor Benyettou saßen wegen Verbindungen zum islamistischen Terror zeitweise im Gefängnis.

Benyettou, heute 32 Jahre alt, gilt als der erste Verführer der Kouachi-Brüder. Er soll sie in Sitzungen in seiner Wohnung mit fanatischen Lehren und blutrünstigen Suren aus dem Koran indoktriniert haben. Die "New York Times" zitiert eine Aussage von ihm unter Berufung auf Ermittler: "Ich lehrte sie, dass Selbstmordanschläge in den Augen des Islam ein legitmes Mittel des Dschihad sind."

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Offenbar war insbesondere Chérif dafür empfänglich. Bei Vernehmungen sagte Benyettou, er sei "sehr impulsiv und sehr aggressiv" gewesen und habe von Plänen gesprochen, vor seiner Ausreise zum Dschihad einen Angriff auf Juden in Frankreich zu verüben. Chérif soll in einem Verhör ausgesagt haben, er habe es "wirklich gefühlt, dass die Wahrheit vor mir lag, wenn er (Benyettou) sprach".

Benyettou meldete sich bei der Polizei

Die französischen Ermittler sind nach wie vor auf der Suche nach den Hintermännern der Anschläge. Es gebe "ohne Zweifel einen Komplizen", sagte Premierminister Manuel Valls am Montag dem französischen Sender BFMTV. "Die Jagd geht weiter". Die bisherigen Spuren führen zu den Dschihad-Kämpfern des IS und dem Terrornetzwerk Al Qaida. Benyettou hingegen scheint in den Augen der Ermittler keine tragende Rolle gespielt zu haben.

Wie "Le Monde" berichtet, hatte er sich bei den Behörden nach den Anschlägen gemeldet, um von vornherein jegliche Verbindung zu den Attentaten von sich zu weisen. Benyettou will damit nichts zu tun haben. Seit dem Jahr 2012 macht er eine Ausbildung zum Krankenpfleger am Pariser Hospital Pitié-Salpêtrière. Dort sollen auch Opfer der Anschläge auf das Magazin "Charlie Hebdo" behandelt worden sein.

Seit Freitag ist er vom Dienst befreit, teilte die Klinik mit. Dies sei eine Vorsichtsmaßnahme zum Schutz der öffentlichen Ordnung. Die letzten Wochen seiner Ausbildung soll er angeblich nicht in der Klinik verbringen, sondern in theoretischem Unterricht. Die Pflegeschule war sich laut "Le Monde" über die Vergangenheit Benyettous im Klaren, gewährte ihm aber dennoch eine Chance auf ein neues Leben. Zuvor hatte er sechs Jahre im Gefängnis verbracht. Als die Pflegeleitung von den Anschlägen erfuhr, informierte sie umgehend die Polizei über Benyettou.

(pst)
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