Prozess um Datendiebstahl: Ex-Banker wegen Rachefeldzug angeklagt

Prozess um Datendiebstahl: Ex-Banker wegen Rachefeldzug angeklagt

Zürich (RPO). Ein ehemaliger Schweizer Bankmanager muss sich seit Mittwoch vor einem Gericht in Zürich wegen Verletzung des Bankgeheimnisses und Nötigung verantworten. Rudolf Elmer hat nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft Kundendaten gestohlen, nachdem er vom Bankhaus Julius Bär entlassen wurde.

Dann soll er versucht haben, von der Bank Geld zu erpressen. Elmer beruft sich darauf, er habe unethische oder sogar illegale Geschäfte des Instituts aufdecken wollen.

Staatsanwältin Alexandra Bergmann wirft Elmer außerdem vor, Daten von Bankkunden im Ausland an Steuerbehörden und die Medien weitergegeben zu haben. Sie fordert eine achtmonatige Haftstrafe auf Bewährung und eine Geldstrafe.

Das Bankhaus sprach von einem Rachefeldzug eines verärgerten Mitarbeiters. Elmer erklärte dagegen, er habe ein System der Steuerhinterziehung von reichen Geschäftsleuten und Politikern aufdecken wollen.

Vor Gericht räumte Elmer ein, er habe einige Bankmitarbeiter in seinen Schreiben bedroht. Dies sei passiert, nachdem die Bank ihn entlassen und danach versucht habe, ihn einzuschüchtern. "Ich war in einer extremen Lage", sagte er. "Es ist logisch, dass ich eine Abwehrstrategie entwickelte." Er bestritt aber, eine Bombendrohung gegen die Bank ausgesprochen zu haben.

Allerdings habe er damit gedroht, Informationen über Kunden in Steuerparadiesen an Behörden in der Schweiz, Großbritannien und in den USA zu verraten. Laut Staatsanwaltschaft wurde gegen mindestens einen Kunden ein Verfahren eröffnet, nachdem die Ermittler Daten von Elmer erhalten hatten. Elmer soll demnach sogar angekündigt haben, die Daten an Neonazi-Gruppen und "andere Organisationen, die den Kapitalismus bekämpfen" weiterzugeben.

Informationen gingen auch an Wikileaks

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Die Bank habe in psychisch und physisch krank gemacht, behauptet Elmer, dessen Fall sich liest wie eine Mischung aus Farce und Agentenkrimi. Der Beschuldigte machte international Schlagzeilen, weil er auch Daten an die Enthüllungsplattform Wikileaks weitergab.

Deshalb wurde auf Antrag eines US-Richters Anfang 2008 Wikileaks für zwei Wochen vom Netz genommen. Nach etwa zwei Wochen wurde die Sperre aber wieder aufgehoben, nachdem mehrere Bürgerrechtsorganisationen und Medien sich über die richterliche Anordnung beschwert hatten.

Elmer händigte Wikileaks am Montag erneut zahlreiche Daten über mögliche Steuersünder aus. Darin soll es um reiche Prominente, Wirtschaftsführer und Abgeordnete aus den USA, Großbritannien und Asien gehen, die Konten in Offshore-Finanzzentren genutzt haben sollen, um Steuern zu hinterziehen.

Elmer habe seit längerem versucht, sich als Enthüller darzustellen, sagte der Anti-Korruptionsexperte Daniel Thelesklaf, Chef der Denkfabrik Basel Institute of Governance. Wirtschaftsjournalisten und andere hätten aber misstrauisch auf die von Elmer zur Verfügung gestellten Daten reagiert. Diese seien offenbar von schlechter Qualität. Es würde ihn nicht wurden, wenn Wikileaks Elmers Daten nie veröffentliche, sagte der Experte.

Einen Vorteil sieht Thelesklaf aber in jedem Fall: Der Prozess werde den Blick der Öffentlichkeit auf die Frage lenken, wieso Banken Filialen auf Karibikinseln eröffnen, wenn es nicht bloß darum gehe, Steuerschlupflöcher auszunutzen.

(apd)
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