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Musiker empört: EU will "Lärm" von Symphonieorchestern begrenzen

Musiker empört : EU will "Lärm" von Symphonieorchestern begrenzen

Wien (RPO). Die EU beschränkt in einer Richtlinie den Lärm, dem Arbeitnehmer an ihrem Arbeitsplatz ausgesetzt sein dürfen. Das betrifft nicht nur Bauarbeiter oder Fabrikangestellte, sondern auch Musiker in Symphonieorchestern: Eine Flöte kann lauter als ein Presslufthammer sein. Musiker in ganz Europa sind empört.

"Das funktioniert bei einem Symphonieorchester nicht", ist sich Libor Pesek sicher, Dirigent des Prager Symphoniker.

Er frage sich, wie man beispielsweise bei Werken von Gustav Mahler oder Richard Strauss auf die Lautstärke achten solle, sagt Pesek. Doch welche Auswirkungen klassische Musik unter Umständen haben kann, zeigte sich in den 1990ern auf drastische Art und Weise. Die lautstarken Proben einiger Opernsänger in einem Park in Kopenhagen führten damals dazu, dass ein seltenes afrikanisches Okapi im nahen Zoo durch den Stress kollabierte und verendete.

Die EU-Richtlinie beschränkt den Lärmpegel, dem ein Arbeitnehmer während eines durchschnittlichen Arbeitstags ausgesetzt sein darf, auf 85 Dezibel - das entspricht in etwa starkem Verkehrslärm.

110 Dezibel beim "Ring der Nibelungen"

Trompeten und Tubas kommen jedoch beispielsweise bei Wagners "Ring der Nibelungen" auf bis zu 110 Dezibel. Auch Violinen können bis zu 109 Dezibel erzeugen. Und ein Flötenspieler erträgt an seinem rechten Ohr bis zu 118 Dezibel - ein Wert, der den eines Presslufthammers in nächster Nähe übertrifft.

Das Hauptaugenmerk der EU-Lärm-Richtlinie ist jedoch nicht gezielt auf Orchester gerichtet. Vielmehr geht es darum, generell Lärm am Arbeitsplatz zu reduzieren. So befasst sich ein Großteil der sechs Seiten langen Vorgabe mit Anweisungen für Baustellen, Fabriken und andere Orte, an denen gewöhnlich ein hoher Lärmpegel herrscht. Und: In Kraft getreten ist die Richtline in den meisten Arbeitssektoren schon vor fünf Jahren. Der "Musik- und Unterhaltungsbereich" hat jedoch noch bis zum 15. Februar 2008 Zeit, geeignete Richtlinien für Musikveranstaltungen zu entwickeln.

Alison Reid Wright, eine Lärmschutzexpertin, die mit britischen Orchestern zusammenarbeitet, sagt, man denke bereits darüber nach, Spielpläne zu überarbeiten, um der EU-Vorgabe zu folgen. So werde man beispielsweise laute Werke nicht in kleinen Sälen aufführen.

Einige Orchester könnten zudem dem Beispiel australischer Kollegen folgen: Dort hat man sich Wright zufolge schon vor einigen Jahren dazu entschieden, "eine Gruppe Musiker für die erste und eine andere für die zweite Hälfte" einer Aufführung einzusetzen, um ihr Gehör zu schonen.

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Mit Ohropax im Orchestergraben

Andernorts wurde damit begonnen, in Orchestergräben spezielle Vertäfelungen einzusetzen, die einen Teil der dort entstehenden Lautstärke absorbieren, ohne die Klarheit der Musik zu beeinflussen. Auch Ohrstöpsel und Schutzplatten aus Plastik, die beispielsweise vor den Schlaginstrumenten angebracht werden, sollen Musiker vor Hörschäden bewahren. Doch viele tragen den Hörschutz nicht, da sie Angst vor einer Beeinträchtigung ihrer Spielfähigkeit haben.

Wie genau überwacht werden soll, ob die Richtlinien von Orchestern eingehalten werden, ist noch nicht ganz klar. Vor allem die Messung der Lärmbelastung, der die Musiker ausgesetzt sind, gestaltet sich schwierig. Denn: Orchester spielen meist nur kurze Zeit in Lautstärken, die über den genannten 85 Dezibel liegen. Zudem gibt es kaum "normale" Arbeitstage. So können sich Proben über den ganzen Tag erstrecken, während Auftritte selten länger als drei Stunden dauern.

"Wir sind ohnehin alle taub"

Viele Musiker stehen der EU-Richtlinie kritisch gegenüber und beklagen, ein Versuch, die Lautstärke ihrer Musik zu regulieren, schränke ihre künstlerische Freiheit ein. Der Intendant der Wiener Staatsoper, Ioan Holender, merkt an, dass ein Vergleich zwischen Lärm und wundervollem Klang nichts anderes sei als ein Vergleich zwischen "Unkraut und wunderschönen Blumen".

Für alte Hasen wie Pesek, den tschechischen Dirigenten, kommt die EU-Richtlinie hingegen zu spät: "Wir sind ohnehin alle taub", sagt er.

(ap)