Eskalation im Nahostkonflikt Israel schaltet nach Hamas-Geiselnahmen Ägypten ein

Tel Aviv/Gaza · Israel und die Hamas haben sich gegenseitig den Krieg erklärt, nachdem militante Palästinenser einen Überraschungsangriff gegen Israel gestartet haben. Es gibt Hunderte Tote und Tausende Verletzte. Nachdem die Hamas zahlreiche Menschen in den Gazastreifen entführt hat, bittet Israel Ägypten um Hilfe.

Palästinenser feiern an einem zerstörten israelischen Panzer am Zaun des Gazastreifens.

Palästinenser feiern an einem zerstörten israelischen Panzer am Zaun des Gazastreifens.

Foto: dpa/Hassan Eslaiah

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Israel hat nach der Entführung zahlreicher Staatsbürger durch Angreifer der militant-islamistischen Hamas die Regierung in Kairo um Hilfe gebeten. Israel habe Ägypten ersucht, sich für die Sicherheit der Geiseln einzusetzen, sagte ein ägyptischer Regierungsvertreter am Sonntag. Der ägyptische Geheimdienstchef habe Kontakt mit der Hamas und der Extremistengruppe Islamischer Dschihad aufgenommen.

Israel massiv aus Gazastreifen angegriffen
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Nahostkonflikt eskaliert – Hamas greift Israel an

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Nach Angaben der ägyptischen Quelle haben führende Palästinenser erklärt, sie hätten noch keine vollständige Übersicht über die Zahl der Geiseln. Diejenigen, die nach Gaza gebracht worden seien, befänden sich an sicheren Orten im gesamten Gazastreifen. „Es ist klar, dass sie eine große Zahl haben - mehrere Dutzend“, sagte der Regierungsvertreter.

Ihm zufolge hat Ägypten mit beiden Seiten auch über einen möglichen Waffenstillstand gesprochen. Israel sei dazu derzeit aber nicht bereit, sagte er.

Die Hamas hatte Israel am Samstag mit einer beispiellosen Kombination von Großangriffen überrumpelt. Sie feuerte Tausende Raketen auf Israel ab, zugleich überwanden deren Kämpfer die stark gesicherte Grenze, drangen bis zu 24 Kilometer tief nach Israel ein, erschossen zahlreiche Menschen und entführten andere in den Gazastreifen. Insgesamt wurden mindestens 300 Israelis getötet und 1500 verletzt, wie israelische Medien berichteten. Unter den Entführten sollen auch Ausländer sein.

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu kündigte an, die Hamas werde für ihre Angriffe einen höheren Preis zahlen als je zuvor. Das werde allerdings schwierig und einige Zeit dauern. Der Vizechef des politischen Büros der Hamas, Saleh al-Aruri, sagte dem Fernsehsender Al-Dschasira, seine Organisation sei auf einen langen Kampf eingestellt. „Wir sind auf alle Eventualitäten vorbereitet, auch auf einen totalen Krieg“, sagte er.

Israel hat nach eigenen Angaben 426 Ziele im Gazastreifen angegriffen. Dem palästinensischen Gesundheitsministerium zufolge wurden mindestens 313 Menschen getötet, darunter 20 Kinder. Knapp 2000 Menschen erlitten Verletzungen. Nach Angaben des UN-Hilfswerks für Palästina-Flüchtlinge flohen mehr als 20 000 Palästinenser von der Grenze ins Innere des Gazastreifens, wo sie unter anderem in Schulen Schutz suchten.

Israel reagiert mit Artilleriefeuer auf Hisbollah-Beschuss aus Südlibanon

Die israelische Luftwaffe hatte nach dem tödlichen Großangriff militanter Palästinenser in Israel, bei dem rund 300 Menschen getötet wurden, Ziele der im Gazastreifen herrschenden Hamas beschossen. Die Hamas wird von der EU, den USA und Israel als Terrororganisation eingestuft.

Nach Angaben der Armee wurden in der Nacht zu Sonntag zehn Hamas-Ziele getroffen. Sie hätten sich in mehrstöckigen Gebäuden befunden. Unter anderem seien ein Geheimdiensthauptquartier sowie eine militärische Einrichtung angegriffen worden.

Parallel dazu habe die israelische Armee zwei Banken beschossen, die der Hamas zur Finanzierung von Terroraktivitäten gegen israelische Zivilisten dienten. Auch eine Waffenproduktionsstätte der militanten Organisation Islamischer Dschihad in Gaza sowie Waffenlager seien getroffen worden.

Im Großraum Tel Aviv und anderen Städten des Landes hatte es am Samstagabend erneut Raketenalarm gegeben. Zahlreiche Explosionen waren über der Küstenmetropole zu hören, die vermutlich durch das israelische Raketenabwehrsystem Iron Dome ausgelöst wurden. Die Rettungskräfte meldeten mehrere Verletzte. Zuvor heulten in mehreren Städten des Landes die Warnsirenen. Die Hamas teilte am Abend mit, es seien 150 Raketen auf Israel abgeschossen worden. Grund sei, dass Israel ein Wohnhaus im Gazastreifen attackiert habe. Die israelische Luftwaffe beschoss als Reaktion auf den Großangriff der Hamas auf Israel am Morgen Ziele der Organisation im Gazastreifen. Israels Armee griff die zwei mehrstöckigen Gebäude eigenen Angaben nach an, weil diese von hochrangigen Hamas-Mitgliedern für terroristische Aktivitäten genutzt worden seien. „Die Terrororganisation Hamas platziert ihre militärischen Mittel bewusst im Herzen der Zivilbevölkerung im Gazastreifen.“ Die Armee habe die Anwohner zuvor zum Verlassen des Gebäudes aufgefordert.

Israelische Kampfjets hatten zuvor im Laufe des Samstag drei Hochhäuser in Gaza zerstört. Die drei Gebäude gehörten zum „Palästina-Turm“ im Viertel Al-Rinal. „Die Terrororganisation Hamas platziert ihre Militäranlangen absichtlich im Herzen der Bevölkerung“, erklärte die israelische Armee und bestätigte den Angriff auf die Hochhäuser. Zuvor habe die Armee die Bewohner gewarnt und aufgerufen, sich in Sicherheit zu bringen.

Damit ist der Großangriff der im Gazastreifen regierenden militant-islamistischen Hamas der schlimmste auf israelisches Territorium seit Jahren. Israel reagierte mit Luftangriffen auf Ziele der radikalislamischen Hamas im Gazastreifen und mit der Mobilisierung Zehntausender Reservisten.

Israel reagiert mit Artilleriefeuer auf Hisbollah-Beschuss aus Südlibanon

24 Stunden nach dem Großangriff auf Israel hat die israelische Armee nach eigenen Angaben mit Artilleriefeuer auf Beschuss aus dem Südlibanon reagiert. Die israelische Artillerie sei dabei, „das Gebiet im Libanon anzugreifen, aus dem ein Schuss abgefeuert wurde“, erklärte die israelische Armee am Sonntagmorgen. Weitere Einzelheiten nannte die Armee zunächst nicht.

Die vom Iran unterstützte schiitische Hisbollah-Miliz im Libanon erklärte ihrerseits am Sonntag, sie habe „eine große Anzahl von Artilleriegranaten und Lenkraketen“ auf israelische Stellungen an der Grenze abgefeuert. Die Schüsse seien „aus Solidarität“ mit dem Großangriff der Hamas abgefeuert worden, hieß es.

Die radikalislamische Hisbollah im Libanon hatte der Hamas zuvor zu ihrem „heldenhaften, großangelegten“ und „siegreichen“ Einsatz gegen Israel gratuliert. Die vom Iran unterstützte Hisbollah-Miliz unterhält gute Beziehungen zur Hamas, die den Gazastreifen seit 2007 kontrolliert.

In Israel wurden nach den Hamas-Angriffen Befürchtungen laut, die Hisbollah könnte das Land von Norden her ebenfalls angreifen. US-Präsident Joe Biden sicherte Israel die „felsenfeste und unumstößliche“ Unterstützung der USA zu. Zugleich warnte er, dies sei „nicht der Moment für irgendeine feindliche israelfeindliche Seite, diese Angriffe zu ihrem Vorteil auszunutzen“.

Noch Hunderte Hamas-Kämpfer auf israelischem Boden

Die israelische Armee kämpft nach eigenen Angaben in Israel noch gegen „hunderte“ bewaffnete Eindringlinge aus dem Gazastreifen. Armeesprecher Richard Hecht antwortete am Samstagabend auf die Frage von Journalisten, wieviele Kämpfer der Hamas-Offensive noch auf israelischem Boden seien: „hunderte“. Die Kämpfe gegen die Hamas-Anhänger würden an „22 Orten“ andauern, teilte Hecht am Abend weiter mit. Er sagte, der Hamas-Angriff gegen Israel umfasse eine „robuste Boden-Invasion“. „Es gibt noch 22 Orte, wo wir gegen Terroristen kämpfen, die zu Land, zu See und zu Luft nach Israel gekommen sind“. Der Armee-Sprecher bestätigte auch, dass es eine „ernste Geiselnahme-Lage in Beeri und auch in Ofakim“ gebe. Die beiden Orte liegen in der Nähe der israelischen Grenze zum Gazastreifen.

Hamas hat Geiseln genommen

Kämpfer der Hamas halten einem Bericht des israelischen TV-Senders N12 zufolge rund 50 Geiseln im israelischen Kibbuz Beeri in der Nähe der Grenze zum Gazastreifen gefangen. Hamas-Vizechef Saleh al-Aruri sagte dem TV-Sender Al-Dschasira, „eine große Zahl“ an israelischen Geiseln seien in der Gewalt der Hamas. Die israelische Armee hat Geiselnahmen durch die Hamas bestätigt. Die militante Palästinenserorganisation habe israelische Soldaten und Zivilisten gefangen genommen und damit „ein Kriegsverbrechen“ begangen, sagte Armee-Sprecher Daniel Hagari, ohne Zahlen zu nennen. Ein Hamas-Sprecher sagt, man habe zahlreiche israelische Soldaten und Offiziere gefangengenommen. Diese seien an gesicherten Orten und in Tunneln untergebracht.

Am Abend dauern die Kampfhandlungen an fast zwei Dutzend Orten an. „Wir kämpfen an 22 Orten“, sagte Militärsprecher Daniel Hagari. Es gebe keine Gemeinde im Süden Israels, in der keine Streitkräfte seien. „Es gibt Gemeinden, die von Terroristen befreit wurden, aber wir möchten das Gebiet weiter durchsuchen, bevor wir dies bekannt geben“, sagte Hagari weiter.

In den Orten Ofakim und Beeri sei es zu Geiselnahmen gekommen. „Dort sind Spezialeinheiten mit hochrangigen Kommandeuren im Einsatz und es kommt zu scharfen Feuergefechten“, sagte Hagari. „Wir befinden uns im Krieg.“ In allen Gebieten seien Straßensperren errichtet worden.

Hagari warnte darüber hinaus vor vielen Falschmeldungen. „Es hieß, Nimrod Aloni (ein Spitzengeneral) sei entführt worden, das stimmt nicht. Sie sagten, Avi Rosenfeld (Kommandeur der Gaza-Division) sei entführt worden, das stimmt nicht.“ Ziel sei es nun, „dass alle Terroristen getötet werden und dass alle Gemeinden von Terroristen befreit werden“. Bis dahin sollen sich die Bewohner in der Nähe des Gazastreifens weiter in ihren Häusern einschließen.

„Bürger Israels, wir sind im Krieg“

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat sich am Samstag per Videobotschaft an die Israelis gewendet: „Bürger Israels, wir sind im Krieg“, sagte er. Verteidigungsminister Joav Gallant versicherte: „Der Staat Israel wird diesen Krieg gewinnen.“ Er rief die Bewohner des Landes auf, den Sicherheitsanweisungen Folge zu leisten.

Bei Kämpfen mit bewaffneten Angreifern aus dem Gazastreifen ist ein israelischer Lokalpolitiker getötet worden. Der Präsident des Regionalrats der israelischen Grenzorte nordöstlich des Palästinensergebiets, Ofir Liebstein, sei „bei einem Schusswechsel mit Terroristen“ getötet worden, teilte der Regionalrat von Shaar Negev am Samstagmorgen mit. Die israelische Armee erklärte, ihre Soldaten kämpften in den Gegenden rund um den Gazastreifen „am Boden“ gegen militante Palästinenser. „Es war ein kombinierter Bodenangriff, der über Gleitschirme, über das Meer und über den Boden erfolgte“, sagte Militärsprecher Richard Hecht zu Reportern.

Am Abend wurde bekannt, dass Israel die Stromversorgung im Gazastreifen kappen will. „Ich habe die Anordnung unterzeichnet, die das Elektrizitätsunternehmen anweist, die Stromversorgung des Gazastreifens einzustellen“, schrieb Energieminister Israel Katz am Samstagabend auf der Plattform X (vormals Twitter). Die Küstenenklave ist für seine Energieversorgung auf Treibstoffimporte angewiesen.

Auswärtiges Amt gibt Reisewarnung für Israel heraus

Angesichts des Großangriffs der Hamas auf Israel rät das Auswärtige Amt derzeit „dringend“ von Reisen nach Israel und in die Palästinensergebiete ab. Das Bundesaußenministerium begründete seine Einschätzung am Samstag mit „gravierenden militärischen Auseinandersetzungen im Gebiet um den Gaza-Streifen mit Beschuss durch Raketen bis nach Tel Aviv und Angriffen auf die lokale Bevölkerung“. Vor Reisen in den von der Hamas kontrollierten Gazastreifen wird demnach „gewarnt“.

Bundeskanzler Olaf Scholz, Bundesaußenministerin Annalena Baerbock, EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen haben die Angriffe aus dem Gazastreifen gegen Israel in Postings auf der Plattform X aufs Schärfste verurteilt.

Die Bundesregierung hat vor einer Ausweitung des Konflikts gewarnt. Baerbock sagte am Abend in Berlin: „Durch diese Terrorangriffe besteht nun die unkalkulierbare Gefahr einer großen regionalen Eskalation.“ Sie könne „nur auf das Schärfste davor warnen, dass sich andere diesem Terror anschließen“.

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst hat Israel Solidarität zugesichert. „Wir verurteilen den verbrecherischen Angriffskrieg der Hamas aufs Schärfste und stehen in dieser Stunde fest an der Seite unserer Freunde in Israel“, schrieb der CDU-Politiker auf der Plattform X. Nordrhein-Westfalen sei sich der tiefen Verbundenheit zu Israel bewusst. „Der Terror darf niemals siegen.“

Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) hat angesichts des Angriffs eine rasche Entscheidung über Finanzhilfen an Palästinenser gefordert. „Der Terror ist erschütternd. Auf ihn sollten wir nicht nur mit Worten reagieren“, sagte der FDP-Chef der „Bild am Sonntag“. Er erhoffe sich daher eine Empfehlung von Außenministerin Baerbock, wie der deutsche Staat angesichts dieser Gewalt mit der finanziellen Unterstützung der Palästinenser weiter verfahren sollte. „Etwaige Konsequenzen könnten sofort umgesetzt werden“, sagte Lindner.

Keine Hilfsgelder mehr für Palästinenser?

Auch die Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, Marie-Agnes Strack-Zimmermann, fordert eine Überprüfung aller Finanzhilfen für den palästinensischen Gazastreifen. Der feige Angriff der Hamas auf unschuldige Zivilisten müsse unbedingt zum Anlass genommen werden, alle für den Gazastreifen bestimmten deutschen, EU- und UN-Hilfsgelder gründlichst auf ihre Verwendung zu überprüfen, sagt die FDP-Politikerin der Funke-Mediengruppe. „Jegliche Verwendung für antiisraelische oder antisemitische Zwecke muss vollständig ausgeschlossen sein.“

Der CDU-Außenpolitiker Armin Laschet fordert nach dem Überfall auf Israel die Ausschaltung der Hamas und das Ende jeglicher Kooperation der EU mit Palästinenser-Präsident Abbas. Laschet sagte in einem Interview mit „Welt TV“ unter Hinweis auf die Annäherung zwischen Israel und mehreren arabischen Staaten: „Es besteht die Chance, dass die Region gemeinsam friedlich agiert. Dazu ist es allerdings erforderlich, die Hamas endgültig auszuschalten.“

US-Präsident Joe Biden sicherte dem Staat Israel am Samstagabend die Unterstützung der Vereinigten Staaten zu. „Die USA stehen an der Seite Israels“, sagte Biden im Weißen Haus. Die Welt habe „abstoßende Bilder“ aus Israel mit Tausenden Raketen sehen müssen, die auf Städte herabregnen, erklärte er weiter. „Israel hat ein Recht darauf, sich selbst und sein Volk zu verteidigen“, hatte Biden schon zuvor in einer Pressemitteilung unterstrichen.

„Die Vereinigten Staaten warnen alle anderen Gruppen, die Israel gegenüber feindselig eingestellt sind, aus dieser Situation Kapital schlagen zu wollen“, hatte Biden erklärt. „Und die Unterstützung meiner Regierung von Israels Sicherheit ist felsenfest und standhaft.“ Biden habe am Samstag mit Premierminister Benjamin Netanjahu gesprochen und werde weiter in engem Kontakt mit ihm stehen, teilte das Weiße Haus mit.

Ähnlich unterstützend hatten sich zuvor auch Außenminister Anthony Blinken und eine Sprecherin des Nationalen Sicherheitsrats der USA geäußert. „Die USA verurteilen uneingeschränkt die grundlosen Angriffe auf israelische Zivilisten durch Hamas-Terroristen“, teilte Adrienne Watson am Samstag mit.

Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas sagt nach Angaben der palästinensischen Agentur Wafa in einem Telefonat mit US-Außenminister Antony Blinken, dass die „Ungerechtigkeit“, die den Palästinensern widerfahre, den Konflikt mit Israel zu einer „Explosion“ treibe. Abbas habe zudem gesagt, die Eskalation sei auf die „Praktiken der Kolonialisten und der israelischen Besatzungsmacht und die Aggression gegen islamische und christliche Heiligtümer“ zurückzuführen.

Iran: „Das Krebsgeschwür Israel wird endgültig ausgerottet werden“

Irans Religionsführer und Staatsoberhaupt hat nach dem Angriff der Hamas auf Israel alte Drohungen gegen Israel bekräftigt. Die palästinensische Bewegung sei heute „energischer, lebendiger und besser vorbereitet denn je“, sagte Ajatollah Ali Chamenei laut einer Mitteilung am Samstag. „Dieses Krebsgeschwür wird, so Gott will, durch das palästinensische Volk und die Widerstandskräfte in der gesamten Region endgültig ausgerottet werden“, sagte Chamenei weiter.

Seit der Staatsgründung im Jahr 1979 gilt Israel als Erzfeind der Islamischen Republik. Die politische und geistliche Führung in Teheran spricht dem jüdischen Staat das Recht zu existieren ab. Seit den 1990er Jahren hat der Iran seine politischen und militärischen Beziehungen in der Region ausgebaut, um mit der Unterstützung schiitischer Milizen eine „Achse des Widerstands“ gegen Israel zu schaffen.

Die libanesische Hisbollah-Miliz hat den Hamas-Angriff auf Israel als Zeichen gegen eine Normalisierung der Beziehungen mit Israel bezeichnet. Der Hamas-Angriff sei eine „entschlossene Antwort auf Israels anhaltende Besatzung und eine Botschaft an diejenigen, die eine Normalisierung mit Israel anstreben“, teilt die Islamisten-Miliz in einer Erklärung mit. Sie verfolge die Lage im Gazastreifen genau und stehe in „direktem Kontakt mit der Führung des palästinensischen Widerstands“. Mehrere arabische Staaten hatten zuletzt eine Normalisierung der Beziehungen zu Israel eingeleitet. Die Hisbollah hat selbst mehrere Kriege mit Israel geführt.

Dringlichkeitssitzung des Sicherheitskabinetts

Das Büro des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu kündigte eine Dringlichkeitssitzung des Sicherheitskabinetts an. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat zu Entschlossenheit aufgerufen. „Ich rufe alle Bürger Israels auf, sich zu vereinen, um unser höchstes Ziel zu erreichen - den Sieg im Krieg“, sagte er laut Mitteilung seines Büros zu Beginn der Sitzung des Sicherheitskabinetts.

Israels Botschafter warnt vor Anschlägen in Deutschland

Nach dem Großangriff der Hamas hat der israelische Botschafter Ron Prosor vor Angriffen auf israelische und jüdische Einrichtungen auch in Deutschland gewarnt. In der jetzigen Situation bestehe die „höchste Gefahr“ solcher Anschläge, sagte er in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur. Er vertraue aber auf die Arbeit der deutschen Sicherheitsbehörden. „Ich weiß, dass der Bürgermeister von Berlin und auch die Innenministerin die Sache jetzt im Griff haben.“

Prosor forderte aber ein hartes Vorgehen gegen das palästinensische Netzwerk Samidoun, das den Angriff auf Israel am Samstag feierte, indem es Süßigkeiten auf der Sonnenallee im Stadtteil Neukölln verteilte. Zu Fotos von der Aktion schrieb die Organisation auf der Internetplattform X: „Es lebe der Widerstand des palästinensischen Volkes.“ Die Polizei stellte nach eigenen Angaben die Identität der Personen fest und stellte Strafanzeige.

Prosor sagte, Jubel über die Ermordung von Zivilisten habe keinen Platz - weder in Israel oder Deutschland noch sonst irgendwo auf der Welt. „Diejenigen, die das tun, müssen zur Strafe gebracht werden“, sagte der israelische Botschafter. Samidoun sei „ein trojanisches Pferd“, das die deutsche Demokratie missbrauche. „Was sind diese Leute? Das sind Barbaren“, sagte Prosor. Die Aktionen von Samidoun dürfe man „in Berlin und auch an anderen Plätzen nicht erlauben“.

Zudem machte Prosor für die Angriffswelle den Iran verantwortlich. „Es ist klar für uns, dass der Iran dahintersteckt“, sagte Prosor am Samstag im Interview mit dem Deutschlandfunk. Der Iran versuche „alles, um diese Region in einen Kriegszustand zu versetzen“.

Die Vorsitzenden der Oppositionsparteien im israelischen Parlament stellten sich laut der Zeitung „Times of Israel“ in einer gemeinsamen Erklärung hinter die Armee und fordern die internationale Gemeinschaft auf, die Angriffe als Terrorakte zu verurteilen. Gleichzeitig riefen sie die politischen Lager zur Einheit auf. „In Tagen wie diesen gibt es in Israel keine Opposition und keine Koalition“, so die Vorsitzenden mehrerer Oppositionsparteien.

Die Hamas hat nach eigenen Angaben 5000 Raketen abgefeuert. Das sagte der hochrangige Hamas-Kommandeur Mohammed Deif im Rundfunk der Organisation. „Das ist der Tag der größten Schlacht“, sagte er. Die Palästinenser-Miliz Islamischer Dschihad ist nach eigenen Angaben mit Kämpfern an dem Hamas-Angriff auf Ziele in Israel beteiligt. Das teilte die Miliz mit.

Israel feiert gerade das jüdische Fest Simchat Tora (Freude der Tora). Ministerpräsident Benjamin Netanjahu wollte im Verlauf des Tages Sicherheitsberatungen mit Vertretern des Verteidigungsministeriums und der Armee abhalten. Der massive Angriff aus dem Gazastreifen kam als Überraschung. Die Lage besonders im besetzten Westjordanland hatte sich allerdings zuletzt wieder zugespitzt. Seit Donnerstag waren dort vier Palästinenser bei eigenen Anschlägen oder Konfrontationen mit der Armee getötet worden.

Die proiranische Hisbollah-Miliz im Libanon hat der Hamas nach dem Beginn des breit angelegten Angriffs auf Israel zu ihrer „heldenhaften Aktion“ gratuliert. „Die Hisbollah beglückwünscht das palästinensische Volk und seine Verbündeten der Al-Kassam-Brigaden und der Hamas“ für „diese heldenhafte, großangelegte“ und „siegreiche Operation“, hieß es in einer Erklärung der schiitischen Hisbollah. Die Hisbollah unterhält gute Beziehungen zur radikalislamischen Hamas, die den Gazastreifen seit 2007 kontrolliert.

UN-Sicherheitsrat für Sonntag einberufen

Nach dem Großangriff der Hamas auf Israel kommt der UN-Sicherheitsrat am Sonntag zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen. Bei der Sitzung um 15 Uhr (Ortszeit; 21 Uhr MESZ) werde es um die Lage im Nahen Osten und die „Palästinenserfrage“ gehen, erklärte die Uno am Samstag in New York. Brasilien, das derzeit den Vorsitz im UN-Sicherheitsrat hat, hatte zuvor die Einberufung einer Dringlichkeitssitzung angekündigt.

Die brasilianische Regierung verurteile „die Serie von Bombardierungen und Angriffen am Boden, die heute vom Gazastreifen aus auf Israel verübt wurden“, erklärte das Außenministerium in Brasília. Es rief beide Konfliktparteien zu „maximaler Zurückhaltung“ auf, um eine „Eskalation der Situation zu vermeiden“.

Die Sicherheitslage in Israel und dem Westjordanland ist seit Langem angespannt. Seit Jahresbeginn wurden 27 Israelis, eine Ukrainerin und ein Italiener bei Anschlägen getötet. Im selben Zeitraum kamen mehr als 200 Palästinenser bei israelischen Militäreinsätzen, Konfrontationen oder nach eigenen Anschlägen ums Leben.

Israel hatte 1967 das Westjordanland und Ost-Jerusalem erobert. Die Palästinenser beanspruchen diese Gebiete für einen unabhängigen Staat Palästina mit dem arabisch geprägten Ostteil Jerusalems als Hauptstadt.

An der Gaza-Grenze war es im vergangenen Monat mehrfach zu gewaltsamen Protesten gekommen. Dabei wurden auch Sprengsätze auf Soldaten geworfen, mehrere Palästinenser wurden durch Schüsse verletzt. Die israelische Luftwaffe griff angesichts der Vorfälle mehrmals Posten der im Gazastreifen herrschenden militanten Palästinenserorganisation Hamas an.

Im Gazastreifen leben mehr als zwei Millionen Menschen nach UN-Angaben unter sehr schlechten Bedingungen. Die von EU, USA und Israel als Terrororganisation eingestufte Hamas hatte 2007 gewaltsam die alleinige Macht an sich gerissen. Israel verschärfte daraufhin eine Blockade des Küstengebiets, die von Ägypten mitgetragen wird.

Lufthansa sagt Flüge ab

Angesichts des Großangriffs der Hamas auf Israel stellt die Lufthansa bis einschließlich Montag alle Flüge nach Tel Aviv ein. „Vor dem Hintergrund der aktuellen Lage in Israel streicht Lufthansa alle Flüge von und nach Tel Aviv bis einschließlich Montag“, teilte das Unternehmen am Samstag auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mit.

In Deutschland werden die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt: Der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Jochen Kopelke, sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland am Samstag, der Schutz jüdischer Einrichtungen in Deutschland habe nun „oberste Priorität für Landes- und Bundesbehörden“. Weltweite Konflikte hätten zunehmend sofort unmittelbaren Einfluss auf Deutschland und die Sicherheitsbehörden.

Dieser Artikel wird fortlaufend aktualisiert.

(jh/felt/aku/dpa/reuters/AFP)
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