Enttäuschender Antimissbrauchsgipfel - Es ist fünf nach Zwölf im Vatikan

Enttäuschender Antimissbrauchsgipfel : Es ist fünf nach Zwölf im Vatikan

Der Antimissbrauchsgipfel im Vatikan endet mit einer Ansprache von Papst Franziskus, die wieder nicht viel mehr als Absichtserklärungen zum Inhalt hat. Betroffene sind enttäuscht, empört und erbost.

Es ist Sonntagvormittag. Knapp 200 katholische Bischöfe, Ordensobere, Kardinäle sitzen in grünen Gewändern in einem Saal, der zentraler nicht gelegen sein könnte. Die Sala Regia im Apostolischen Palast des Vatikan ist das spirituelle Zentrum der katholischen Kirche. Die Tür rechts neben Papst Franziskus führt in die Sixtinische Kapelle, wo die Kardinäle den Papst wählen. Zu seiner Linken führt eine Tür in die Prachtsäle, wo frisch ernannte Kirchenfürsten noch bis vor kurzem die Glückwünsche des Volks entgegen nahmen. Nirgends ist der Machtanspruch der katholischen Kirche so mit Händen zu greifen wie hier.

Gerade ist die Messe im Anschluss an das viertägige Gipfeltreffen im Vatikan zu Ende gegangen, zu dem der Papst die Vertreter der Universalkirche gerufen hat. Vier Tage haben sie Meinungen ausgetauscht, das Leid der Betroffenen von sexuellem Missbrauch gehört und über Maßnahmen beraten. Die Versammlung hatte keine Entscheidungsbefugnis, deshalb warten jetzt alle wie gebannt auf die Worte des Papstes, die personifizierte Macht in der katholischen Kirche. „Die Messe ist zu Ende“, sagt Franziskus. „Gehet hin in Frieden.“ Niemand erhebt sich, keiner geht. Jetzt will die Kirche Tacheles hören. „Konkretheit“ hatte der Papst selbst zu Beginn des Gipfels angemahnt.

Doch dafür, dass hier vier Tage ohne greifbares Ergebnis beraten wurde, holt auch Franziskus sehr weit aus. Von den fürchterlichen Kinderopfern der fernen Vergangenheit spricht er, von der Gefahr der Pornographie, von Sextourismus und Missbrauch als der „unverschämten, aggressiven und zerstörerischen Offenbarwerdung des Bösen“. Davon, dass sexueller Missbrauch von Minderjährigen ein „übergreifendes Problem“ sei und überall vorkomme. Doch deswegen haben sich die Prälaten nicht im Vatikan versammelt. Es rührt fast ein gewisser Trotz aus den Worten des Papstes, wenn er von „ideologischen Polemiken“ und „journalistischem Kalkül“ spricht, mit dem die Debatte um Missbrauch instrumentalisiert werde. Am Mittwoch, einen Tag vor Beginn des Gipfels, hatte Franziskus vor einer italienischen Besuchergruppe gesprochen und die ständigen Kritiker der Kirche mit den „Freunden des Teufels“ verglichen. Man fragt sich gelegentlich, von wem eigentlich dieser Papst geritten wird.

Ja, Franziskus sagt auch: „Die weltweite Verbreitung dieses Übels schmälert nicht seine Abscheulichkeit innerhalb der Kirche.“ Er verspricht, dass jeder Missbrauchsfall in der Kirche „mit der größten Ernsthaftigkeit“ angegangen würde, dass Priester mit der Justiz zusammenarbeiten müssten, dass die Kirche sich von Innen reinigen und die Ausbildung ihrer Priester besser überwachen müsse. Das hat er häufiger gesagt. Kaum einmal blickt Franziskus vom Manuskript auf, er liest seine Rede ab, in die auch viele europäische Kardinäle große Hoffnungen gesetzt haben. Zuvor, in der Messe, hatte Mark Colerige, der Erzbischof von Brisbane und Vorsitzende der australischen Bischofskonferenz, von einer „kopernikanischen Wende in der Kirche“ gepredigt. Fortan müsste die Kirche um die Opfer kreisen und nicht mehr die Opfer um die Kirche. Von diesem Umschwung ist nach den Worten des Papstes nichts zu spüren.

Es ist ein herber Schlag vor allem für die Betroffenen, dass sie von höchster Stelle wieder nur Absichtserklärungen hinnehmen müssen. Als der Papst endet, entsteht eine minimale Pause, ein Art Loch der Ohnmacht, das rasch mit Applaus gefüllt wird. Der ist kurz, der Papst verlässt den Saal. Unter Orgelmusik wandeln auch die Bischöfe aus der Sala Regia, manche von ihnen sehen erleichtert aus, dass dieser vier Tage lange Kreuzweg nun vorbei ist. Draußen ist der Himmel über Rom strahlend blau, es ist kalt. Touristen und Pilger tummeln sich auf dem Petersplatz, man kann das Kreischen einer Möve hören. Beim Angelusgebet jubeln die katholischen Gemeinschaften dem Papst zu, als sei nichts gewesen. Franziskus erneuert auch bei dieser Gelegenheit seine Bekenntnisse zum Kinderschutz und wünscht dann wie immer einen „guten Appetit“.

Es ist dann schon viel später als fünf nach Zwölf. Beim Pressebriefing am Mittag versuchen die Mitarbeiter des Papstes Schaden gut zu machen. Ein neues Motu Proprio zum Kinderschutz, ein päpstliches Gesetz also, allerdings nur für die Kurie und den Vatikanstaat geltend, stehe kurz vor der Veröffentlichung. Welche Regeln zu erwarten sind, wird nicht gesagt. Ein Vademecum für Bischöfe im Umgang mit Missbrauchsfällen werde in einigen Wochen herausgegeben. Schließlich sollen sogenannte Task Forces in einigen Bischofskonferenzen und Diözesen, die beim Thema „in Schwierigkeiten“ sind, eingerichtet werden.

Die Betroffenen sind erbost. „Die Rede des Papstes ist der schamlose Versuch, sich an die Spitze der Bewegung zu setzen, ohne sich der Schuld und dem Versagen zu stellen und wirkliche Veränderung anzugehen.“ So bewertet Matthias Katsch vom deutschen Opferschutzverband Eckiger Tisch die Rede des Papstes. „Wir haben solche Absichtserklärungen schon oft gehört“, sagt Marie Collins, auch sie ist eine Betroffene von sexuellem Missbrauch durch Priester. „Wann und wie, das ist es, was wir hören müssten und zwar im Detail.“ „Ein Fiasko“ nennt der deutsche Kirchenrechtler Thomas Schüllerdie Papstrede. Anne Barrett Doyle spricht von einer „riesigen Enttäuschung“. „Wir haben einen mutigen und entschiedenen Plan von ihm erwartet und stattdessen defensive Recycling-Rhetorik bekommen.“ Doyle ist Vizedirektorin der Internetplattform BishopAccountability.org, die Missbrauchsverbrechen von Bischöfen öffentlich macht.

Auch Juan Carlos Cruz hat die Papstrede gehört. Ohne den Chilenen hätte die Vatikan-Konferenz wohl nie stattgefunden. Denn er war es, der jahrelang beharrlich den Klerus in seinem Heimatland der Vertuschung bezichtigte, er selbst wurde vor Jahrzehnten vom inzwischen laisierten Serientäter Fernando Karadima missbraucht. Als Franziskus das Ausmaß der Lügen und der Vertuschung in Chile verstand, das ihm seine Vertrauten vorgesetzt hatten, lud er Cruz und zwei andere Betroffene eine Woche lang ins vatikanische Gästehaus Santa Marta ein und traf sie täglich zu Gesprächen. Später setzte er die Konferenz an. Cruz glaubt an den Aufklärungswillen des Papstes, aber man merkt, dass er heute zu kämpfen hat. „Ich mache mir Sorgen, dass die Bischöfe jetzt nachhause fahren und denken, sie könnten einfach weitermachen wie vorher“, sagt Cruz. Er hätte sich gewünscht, dass Bischöfe, die vertuscht haben, konsequent aus dem Amt entfernt würden. Am ersten Tag der Konferenz wurde im Plenum eine Videobotschaft von fünf Betroffenen abgespielt. Cruz bezeichnete die Bischöfe darin als „Mörder des Glaubens“.

Beim Pressebriefing des Vatikans wird auch angekündigt, dass sich das Organisationskomitee der Konferenz noch am Sonntag zusammen setzen würde, um zu beraten, wie man nun weitermachen solle. Am Montagmorgen sollen die Organisatoren die Chefs der Kurienbehörden treffen. Eine Journalistin will wissen, warum in der Kirche alles so lange dauert. Eine andere Kollegin fragt, warum die Öffentlichkeit nach so vielen Jahren den Versprechungen Glauben schenken sollte. Überzeugende Antworten bekommen die beiden nicht. Die Trägheit des römischen Apparats kontrastiert auch mit den Zahlen, die die italienische Zeitschrift L'Espresso dieser Tage veröffentlichte. Seit Beginn des Pontifikats von Jorge Bergoglio im März 2013 hätten die katholischen Bischöfe bis Ende 2018 weltweit mehr als 2200 Anzeigen wegen sexuellen Missbrauchs der römischen Glaubenskongregation gemeldet. Das wäre mehr als ein Fall pro Tag und würde bedeuten: Das Thema, das die Kirche so gerne längst überwunden hätte, ist aktueller denn je.

Die Bischöfe reisen nun ab aus Rom und müssen sich in ihren Diözesen verantworten. Das betrifft auch Kardinal Reinhard Marx, den Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz und Erzbischof von München und Freising. Marx wird immer wieder als besonders enger Alliierter von Papst Franziskus bezeichnet, obwohl bei verschiedenen Gelegenheiten auch seine Kritik an Bergoglio durchklingt. Wie wird er nun reagieren auf die schwache Papstrede? Er hatte in seiner Ansprache am Samstag vor der Vollversammlung auf konkrete Maßnahmen gedrungen, das päpstliche Geheimnis, das bei Missbrauchsfällen oft angewendet wird, in Frage gestellt und zugegeben, die Kirche habe Akten vernichtet. Manche halten Marx für den Mann, der am ehesten den Wandel verkörpern könnte.

Doch am Sonntag steht der Kardinal wie ein Fels hinter dem Papst. „Ich kann nicht erkennen, dass das nur qualmiges, nebulöses Gerede war.“ Der Papst sei „sehr konkret, sehr deutlich“ gewesen. Es dürfe nicht bei den vielen Vorschlägen bleiben, es müsse konkret abgearbeitet werden. „Darum werde ich mich bemühen.“ Die vier Tage von Rom waren gewiss kein Spaziergang für die Bischöfe. Zuhause könnte es für einige noch ungemütlicher werden.

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