1. Panorama
  2. Ausland

Schweres Beben von 2010: Endlich Hoffnung für Haiti

Schweres Beben von 2010 : Endlich Hoffnung für Haiti

2010 war für den armen Karibik-Staat Haiti ein besonders furchtbares Jahr: Ein schweres Beben zerstörte die Halbinsel. Überflutungen, Wirbelstürme und die Seuche Cholera suchten das gebeutelte Land zusätzlich heim. Zwei Jahre danach zeigt der Aufbau langsam Wirkung.

Gemessen an den Opferzahlen war die Katastrophe am 12. Januar vor zwei Jahren das bisher verheerendste Erdbeben des 21. Jahrhunderts: Nach Schätzung der UN-Mission in Haiti beträgt die Zahl der Toten zwischen 250.000 und 300.000; die katholische Kirche Haitis geht sogar von bis zu 500.000 Todesopfern aus. Verletzt wurden bei dem Beben 311.000 Menschen; 1,3 Millionen Einwohner lebten zunächst in Notunterkünften. Doch zwei Jahre nach dem Beben gibt es endlich Hoffnung. Der lange stockende Wiederaufbau zeige Wirkung, berichten die internationalen Hilfswerke übereinstimmend und verbreiten vorsichtigen Optimismus.

Rückblende: Zerfetzte Schulhefte, zertrümmerte Bänke, bunte Kleiderbügel und eine nackte Puppe liegen zwischen den Trümmern; zwei junge Männer tragen einen Holzsarg ins Tal. Den ersten internationalen Helfern, die im Januar 2010 zur Schule des Heiligen Franziskus nach Rivière Froide westlich von Port-au-Prince vordrangen, bot sich ein Bild, das wohl niemand mehr aus seiner Erinnerung verdrängen kann.

Nach steilem Fußmarsch durch eine grüne karibische Bergidylle tauchte hinter einer Wegbiegung ein Schuttberg auf. Darunter lagen die Leichen von 157 Kindern und Lehrern. Mit bloßen Händen hätten die Eltern nach ihren Kindern gegraben, berichtete Marie Antonyne Juste, eine Mitarbeiterin der Ordensschwestern, die die dreistöckige Schule betrieben. Die fassungslosen Beobachter kämpften mit den Tränen - und würgendem Brechreiz, der langsam hochstieg ob des penetranten Leichengeruchs.

Die zerstörte Franziskus-Schule war ein Symbol des Grauens, das Haiti an jenem 12. Januar 2010 um 16.35 Uhr in unfassbarer Dimension heimgesucht hatte. Heute ist sie zu einem Zeichen der Hoffnung geworden. Zunächst war mit tatkräftiger Unterstützung der Duisburger Kindernothilfe eine Behelfsschule entstanden.

Dank dieser sechs Gebäude aus Holz und Planen, mit Zinkdächern und einem gemauerten Fundament verbesserten sich die Lern- und Arbeitsbedingungen der 1000 Mädchen und Jungen bereits entscheidend. Drei Monate lang hatten sie unter freiem Himmel oder Zeltplanen, im Schatten von Bäumen oder auf den Treppenstufen der Kapelle der Schwestern unterrichtet werden müssen.

"Bald werden hier wieder 1400 Kinder unter optimalen Bedingungen lernen können", berichtet jetzt Jürgen Thiesbonenkamp, der Vorstandsvorsitzende der Kindernothilfe. "Angst vor einer weiteren Katastrophe müssen sie nicht mehr haben, denn die Schule wird erdbeben- und hurrikansicher sein." Der Wiederaufbau gehe allgemein mit großen Schritten voran, stellt Thiesbonenkamp fest. Das Duisburger Hilfswerk, das sich bereits vor dem Erdbeben in Haiti vielfältig engagiert hatte, hat bereits drei von neun geplanten Schulen fertiggestellt.

Mit 22 Projekten begleitet die Kindernothilfe insgesamt rund 17.000 Kinder und ihre Familien in eine bessere Zukunft. Und exakt am zweiten Jahrestag des Erdbebens eröffnete die christliche Hilfsorganisation bei 28 Grad und strahlendem Sonnenschein eine Schule für 150 Mädchen und Jungen im Armenviertel Wharf Jérémie — als weiteres deutliches Zeichen dafür, dass es aufwärts geht im geschundenen Haiti. "Wharf Jérémie gilt als schlimmstes Armenviertel des ganzen Landes, Gewalt ist an der Tagesordnung. Doch wir haben einen guten Draht zur Bevölkerung, so dass wir hier trotzdem erfolgreich arbeiten können", sagt Katja Anger, die für die Kindernothilfe zurzeit vor Ort ist.

Schuttberge, zerstörte Häuser und Straßen, bettelnde Menschen und Zeltplanen von Notunterkünften bestimmen zwar noch heute das Bild von Teilen der Hauptstadt Port-au-Prince. Doch andererseits ist in einigen Stadtteilen der Wiederaufbau in vollem Gang. "Es hat sich auf jeden Fall verbessert: Große Plätze wurden freigeräumt, die Hälfte der Trümmerflächen ist inzwischen verschwunden, auch der zerstörte Palast wird gerade abgetragen", sagt Anger.

Dank der Arbeit vieler internationaler Hilfsorganisationen können nach Angaben des UN-Kinderhilfswerks Unicef mehr als 750.000 Mädchen und Jungen wieder zur Schule gehen. In Port-au-Prince allgegenwärtige Plakate mit dem Konterfei des neuen Staatschefs Michel Martelly nennen sogar stolz die Zahl 900.000. Bildung soll künftig in Haiti kostenfrei sein, verspricht die Regierung. Zwar lebten noch immer 500.000 Menschen in Behelfsunterkünften, so Katja Anger. Doch rund 800.000 obdachlose Haitianer hätten mittlerweile in feste Unterkünfte umziehen können.

"Mehr als 120.000 Kinder nutzen die Freizeit- und Lernmöglichkeiten in 520 betreuten Spielzonen, die wir in den vom Erbeben verwüsteten Gebieten eingerichtet haben", informiert die Leiterin von Unicef Haiti, Françoise Gruloos-Ackermans. "15.000 mangelernährte Kinder haben lebensrettende Hilfe in 314 therapeutischen Ernährungszentren erhalten. 95 Gemeinden haben neue Programme zur besseren Abwasserentsorgung gestartet."

Zwei Jahre nach dem Beben sei ein Wendepunkt bei den Hilfsarbeiten erreicht, betont das Bündnis "Aktion Deutschland Hilft" in Bonn: Die Organisationen gingen von der Nothilfe zum Wiederaufbau über. Knapp drei Viertel der gut 17 Millionen Euro, die das Bündnis an Spenden für Haiti erhalten hat, seien ausgegeben worden oder fest verplant. 2000 Übergangshäuser wurden damit errichtet, 100 Schulen repariert oder neu gebaut und mit Lehrmitteln ausgestattet. 1,5 Millionen Menschen hätten nun Zugang zu sauberem Trinkwasser. Das Bündnis habe darüber hinaus 14 Gesundheitszentren und Krankenhäuser instandgesetzt oder neu gebaut. 2300 Haitianer seien in moderner Landwirtschaft oder für eine Arbeit im Kleingewerbe geschult oder in technischen und handwerklichen Berufen ausgebildet worden.

Auch das christliche Hilfswerk World Vision in Friedrichsdorf im Taunus zeigt sich behutsam optimistisch: Die Spenden für Haiti hätten sinnvoll eingesetzt werden können. Aktuell hilft die Organisation Familien, von Übergangscamps in feste Wohnsitze umzuziehen. Außerdem werden langfristige Gemeinde-Entwicklungsprojekte in Gebieten außerhalb der Hauptstadt fortgesetzt. Dem Kampf gegen die im Oktober 2010 ausgebrochene Seuche Cholera, die 7000 Todesopfer gefordert hat, gilt das besondere Augenmerk: "Wir sind zufrieden über den Fortschritt unseres Cholera-Aufklärungsprogramms. Wir haben bislang 200.000 Menschen erreicht", sagt Lesly Michaud, der Leiter des World-Vision-Gesundheitsprogramms in Haiti.

Vor einem Jahr hatte die Situation noch deutlich besorgniserregender ausgesehen: "Wir sind extrem frustriert über die Gesamtsituation. Wir wollen uns die Realität nicht schön reden: Es tut sich nichts" - mit diesen Worten hatte Jürgen Schübelin, seinerzeitiger Referatsleiter für Lateinamerika und Karibik der Kindernothilfe, der Rheinischen Post eine breite Stagnation und die Rückschritte beschrieben, über die damals übereinstimmend alle westlichen Helfer berichteten: Maximal fünf Prozent der Trümmerflächen waren Anfang 2011 geräumt, die hygienischen Bedingungen schlicht katastrophal. Die damalige Regierung zeigte sich unfähig, die international zugesagten Hilfsgelder für konkrete Projekte abzurufen. Und in den Häfen und am Airport stapelten sich die Hilfsgüter — offenbar verzögerten korrupte Zollbehörden deren Auslieferung.

Doch das schreckte die Helfer nicht. Die Kindernothilfe setzte bei ihren Maßnahmen auch auf Hilfe zur Selbsthilfe: So hatten Schübelin und Alinx Jean-Baptiste, der einheimische Mitarbeiter der Kindernothilfe, für die Franziskus-Schule eine einheimische Schreinerei im Westen Haitis ausfindig gemacht. Sie erhielt den Auftrag, Schulbänke, Pulte, Stühle und Tafeln herzustellen — eine doppelte Hilfe für die Menschen in dem furchtbar geschundenen Land.

Auch in den noch nicht geräumten Notlagern wie in Sineas, einem der größten Zeltlager in Port-au-Prince, das sich voraussichtlich zu einem Stadtteil verfestigen wird, unterstützt die Kindernothilfe die Menschen weiter. "Damit die Bewohner sich dort rasch wirtschaftlich und sozial stärken können, brauchen sie dringend Bildung", sagt Thiesbonenkamp. "Nur so kann sich auch ein funktionierender Stadtteil entwickeln." Das Hilfswerk bietet daher nicht nur Unterricht für Kinder an, sondern auch für Jugendliche und Erwachsene. "In Alphabetisierungs-, Handwerks- und Wirtschaftskursen lernen Mütter zum Beispiel, ein kleines Geschäft erfolgreich aufzubauen, damit sie das Schulgeld für ihre Kinder bezahlen können", erläutert Katja Anger.

Um ihr wichtiges Engagement aufrechterhalten zu können, rufen die Kindernothilfe und die anderen Organisationen weiterhin zu Spenden für Haiti auf. Denn trotz der Erfolge bleiben die Herausforderungen: Die Cholera ist noch nicht besiegt; die breite und chronische Armut gefährdet besonders die Kinder. Trotz der neuen Regierung bleibt die Korruption ein großes Problem. Und von den bei einer Staaten-Geberkonferenz 2010 in New York zugesagten zehn Milliarden Dollar (7,7 Milliarden Euro) Finanzhilfen sind nach UN-Angaben erst zwei Drittel überwiesen worden.

"Das ist aber keine Zeit, um klein beizugeben, sondern um nach vorn zu streben", meint der nationale Leiter von World Vision, Jean Claude Mukadi, anlässlich des zweiten Jahrestages des Erdbebens. "Die Armut hatte Haiti schon vor der Katastrophe im Griff, doch mit der Erholungsphase beruhigt sich die Lage. Es ist nun Gelegenheit, sich eine bessere Zukunft für Haiti auszumalen und sie umzusetzen."

Hier geht es zur Bilderstrecke: Helmut Michelis in Haiti

(jre)