Zum Totensonntag in Deutschland: Eine Liebe, die alle Mauern überwand

Zum Totensonntag in Deutschland : Eine Liebe, die alle Mauern überwand

Zum Totensonntag: Auf dem Alten Kirchhof von Roermond verbinden zwei Hände das Doppel-Grab eines Ehepaares.

Nachdem ihr ganzes Leben in den Augen der Roermonder ohnehin ein einziger Skandal war, kam es darauf auch nicht mehr an: Als ihr geliebter Mann Jacob am 28. August 1880 starb, ließ Josephina van Gorkum ihn auf dem protestantischen Teil des altes Kirchhofs beisetzen — und wieder zerrissen sich die Roermonder den Mund.

Nicht nur, dass das Grab in Form einer neugotischen Stele viel zu klein für einen verdienten Oberst der königlich-niederländischen Kavallerie und Miliz-Kommissar von Limburg war. Auch der Ort war unmöglich gewählt. Denn direkt an der Friedhofsmauer führte eigentlich der Fußweg entlang. Als Josephina van Gorkum acht Jahre später selbst starb, befolgten ihre Kinder den letzten Wunsch der Mutter und setzten sie nicht in der nahen Familiengruft bei, sondern errichteten ihr Grab auf der katholischen Seite der Friedhofsmauer spiegelbildlich zum Grab des Vaters und verbanden beide mit zwei Armen, die sich über die Mauer die Hände reichen. Auf dem Grabstein Jacobs ist vermerkt, dass er mit Josephina verheiratet war. Im Spitzbogen ihrer Stele ist sein Wappen mit ihrem verbunden.

Unsterbliche Liebe

Das Doppel-Grab mit den Händen ist das steinerne Zeugnis einer unsterblichen Liebe, die mehr als eine Mauer überwand — und die es eigentlich gar nicht hätte geben dürfen. Es ging schon nicht an, dass Jacob Werner Constantin van Gorkum elf Jahre älter war, als er die 22-jährige Josephina kennenlernte und heiratete. Er war obendrein Protestant, von bürgerlichem Stand und niederländischer Soldat. Das Mädchen seines Herzens dagegen war als Freifrau Josephina Carolina Petronella Hubertine van Aefferden geboren und gehörte somit dem deutschstämmigen katholischen Adel an. Ihre Familie stand politisch in Opposition zu den Niederlanden.

In Roermond gaben sich im 18. und 19. Jahrhundert wechselnde Herrscher die Klinke in die Hand. Lange war die Stadt spanisch, dann österreichisch besetzt, schließlich bis 1814 französisch. Erst von 1815 bis 1830 war sie niederländisch, dann fiel sie für neun Jahre an Belgien, um anschließend wie der ganze Osten Limburgs bis 1866 sowohl zu den Niederlanden als auch zum Deutschen Bund zu gehören. Obwohl Josephinas Familie ursprünglich aus Geldern stammte, hielten es zumindest zwei ihrer Brüder mit den Belgiern und finanzierten zwischenzeitlich die Aufstellung eines Bataillons Soldaten gegen die Niederlande. Für sie war Jacob van Gorkum nicht bloß ein dahergelaufener bürgerlicher Protestant aus Amsterdam, sondern schlicht der Feind.

Eher berüchtigt, als berühmt

Es ist nicht überliefert, wie Josephina und Jacob sich kennenlernten, und was ihre gänzlich unmögliche Liebe allen Anfeindungen trotzen und alle Hindernisse überwinden ließ. Das skandalöse Paar war in Roermond zunächst eher berüchtigt als berühmt. Die geplante Heirat, von der sie sich durch nichts abbringen ließen, verstieß gegen alle Konventionen der Zeit. In Roermond hätte sich wohl weder ein katholischer noch ein protestantischer Pfarrer bereitgefunden, das Paar zu trauen. Geschlossen wurde die Ehe am 3. November 1842 in Pont, das heute zu Geldern gehört.

38 Jahre lang lebte das Paar glücklich in Roermond. Zwei Jahre nach der Hochzeit wurde die erste Tochter geboren; es folgten vier weitere Kinder. Und offenbar gelang es Josephina und Jacob trotz aller Empörung über ihre als "Mischehe" diffamierte Liebe, sich irgendwie mit den Konfessionen zu arrangieren. Josephina blieb katholisch, Jacob blieb Protestant.

Doch was dem Paar im Leben gelang, war in der starren Ordnung der Stadt Roermond für den Tod nicht vorgesehen. Backsteinmauern trennen die Gräberfelder der Konfessionen in einen großen katholischen, einen protestantischen und zwei jüdische Bereiche. Von der konfessionellen Begräbnispflicht gab es im 19. Jahrhunder auch für Ehepaare keine Ausnahme. Und so ersann wohl Josephina die Lösung mit dem Doppelgrab, das durch die Hände verbunden ist, als Zeichen einer Liebe, die kein Stand, keine Konfession, keine Mauer und am Ende nicht einmal der Tod zu trennen vermochte. Sie währt für immer.

(RP)
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