Befreiung von US-Kapitän Richard Phillips: Ein Drama, ein Happy End und ein stiller Held

Befreiung von US-Kapitän Richard Phillips: Ein Drama, ein Happy End und ein stiller Held

Washington (RP). Richard Phillips ist ein bescheidener Mensch. Zumindest bis jetzt lässt er keinerlei Neigung erkennen, den Rummel um seine Person noch anzuheizen, ihm noch ein paar melodramatische Töne hinzuzufügen. "Ich bin nur die Unterzeile", dämpft er, "die wahren Helden sind diejenigen, die mich nach Hause gebracht haben".

In Underhill, dem Bergdorf oben in Vermont, in dem der hünenhafte Schiffskapitän lebt, sprechen sie überschwänglich von einem Oster-Wunder. Die Fernsehkanäle bringen Sondersendungen, die Moderatoren überbieten einander mit patriotischen Sprüchen.

In sympathischem Kontrast dazu steht, wie unaufgeregt die Hauptfigur und seine Nächsten dem Trubel aus dem Weg zu gehen versuchen. Als alles vorbei ist, delegiert Phillips' Ehefrau Andrea eine Freundin nach draußen, um dem frierenden Reporterpulk knapp zu berichten, wie sie drinnen gefiebert und gelitten haben, fünf Tage lang. Ein Zweizeiler wird vorgelesen. "Richard, deine Familie liebt dich. Deine Familie betete für dich."

Fünf Tage war der 53-Jährige, den sie jetzt nur noch "Captain Courageous" nennen, in brütender Hitze auf einem kleinen, überdachten Boot gefangen gewesen. Je länger sich das Drama hinzog, desto nervöser sollen seine Geiselnehmer geworden sein.

Es waren blutjunge Kerle, 16 bis 20 Jahre alt. Folgt man der Darstellung der Navy, dann ließen sich die Piraten bei rauer See irgendwann dazu überreden, sich vom Zerstörer "USS Bainbridge" ins Schlepptau nehmen zu lassen. Es klang nach Hoffnung, nach Kapitulation. Doch am Sonntagabend, heißt es offiziell, waren die Verhandlungen um Phillips' Freilassung endgültig gescheitert.

"Wenn wir nicht kriegen, was wir wollen, töten wir den Kapitän", sollen die frustrierten Somalis gedroht haben. Einer richtete die Mündung seiner Kalaschnikow auf den Rücken der gefesselten Geisel. Auf der "Bainbridge" gab der Kommandant seinen Scharfschützen den Befehl zum Feuern.

Aus rund dreißig Metern Entfernung schossen sie drei Geiselnehmern fast zugleich in den Kopf, wie durch ein Wunder kam Phillips nicht nur mit dem Leben davon, sondern auch ohne Verletzung. Ein vierter Pirat ergab sich, das Gerücht macht die Runde, dass er sich demnächst in New York vor einem Richter verantworten muss. Erst jetzt wird deutlich, wie unmittelbar Barack Obama in den Showdown am Horn von Afrika einbezogen war, in diese asymmetrische Konfrontation zwischen einem Quartett von Teenagern und einer ganzen Armada amerikanischer Kriegsschiffe. Nach außen hatte sich der Präsident in Schweigen gehüllt, war souverän lächelnd zur Ostermesse in eine Kirche in der Nähe des Weißen Hauses gefahren.

Hinter den Kulissen wurde er nicht weniger als 17 Mal kontaktiert, meist, um knifflige Entscheidungen zu treffen. Am Sonnabend billigte er eine riskante Kommandoaktion, die auch mit einem Fiasko hätte enden können. Nachts sprangen Kampftaucher von einem Flugzeug ins Meer und schwammen zur "Bainbridge", von deren Heck aus sie die Piraten ins Visier nahmen. Falls Phillips' Leben in Gefahr schwebte, lautete Obamas Order, sollten sie handeln, nach eigenem Ermessen.

  • Vor Somalia : US-Kapitän aus Piratenhand befreit

Nun gibt es kaum einen in Washington, der dem Präsidenten nicht hohes Lob zollt für seine bestandene Gesellenprüfung in Sachen Krisenmanagement. Manche hatten bereits Vergleiche mit Jimmy Carter angestellt, der 1980 eine Nacht-und-Nebel-Aktion befahl, um 52 Geiseln aus der besetzten US-Botschaft in Teheran zu befreien.

Damals endete das Abenteuer in einem Sandsturm mit einem Desaster. Diesmal, schreibt die "Washington Post", dürfte der Erfolg mit Obama einen Commander-in-Chief bestärken, der sich vor seinen altgedienten Generälen erst noch beweisen musste. Sicher, in die Freude mischt sich die Furcht vor Vergeltung, wie sie die Seeräuber bereits angedroht haben. "Keine Frage, dies könnte die Gewalt eskalieren lassen", warnt William E. Gortney, der Vizeadmiral, dem die fünfte US-Flotte untersteht. Doch einstweilen sind das lediglich Hintergrundgeräusche. Was ganz klar im Vordergrund steht, ist die Heldenstory.

Gerade in der Talsohle der Wirtschaftskrise sind die Amerikaner nur allzu bereit, neue Heroen zu feiern. Und Phillips, Vater zweier erwachsener Kinder, ein fast phlegmatisch wirkender Nordstaatler, der erinnert in seiner Art an Chesley Sullenberger.

Der Pilot hatte es im Januar fertiggebracht, ein havariertes Passagierflugzeug auf dem Hudson notzuwassern, direkt vor der Wollenkratzerkulisse Manhattans, ohne dass Opfer zu beklagen waren. Nun folgt "Captain Courageous". In dem Heldenepos gibt er die Rolle des wortkargen, gleichwohl unbezähmbaren Yankees, der auch in schwierigster Lage nicht daran denkt, das Handtuch zu werfen.

Noch ist nicht restlos geklärt, wie er bei den Piraten im Rettungsboot landete. Nach einer Version opferte er sich auf, um seine Mannschaft zu retten und seinem Containerschiff, der "Maersk Alabama", freie Fahrt in den kenianischen Hafen Mombasa zu sichern. Nach einer zweiten wollte er verhandeln und nach kurzer Zeit wieder an Bord kommen, demnach brachen ihn die Freibeuter durch einen Trick in ihre Gewalt.

Zwei Tage vor seiner Rettung sprang Phillips aus seinem schwimmenden Gefängnis ins Meer. Seine Bewacher fischten ihn aus dem Wasser und fesselten ihn, daheim machten sie sich auf das Schlimmste gefasst. Umso lauter ist nun der Jubel darüber, dass es glimpflich abging.

Bald dürfte Hollywood einen Film über "Captain Courageous" drehen, so viel scheint sicher. Er teile die Bewunderung für den Mut des Kapitäns und dessen selbstlose Sorge um seine Crew, erklärte Obama. "Seine Tapferkeit ist ein Vorbild für alle Amerikaner."

Hier geht es zur Bilderstrecke: Freude über die Befreiung des US-Kapitäns

Mehr von RP ONLINE