1. Panorama
  2. Ausland

Dudeismus: Religion, die aus dem Film "The Big Lebowski" entstand

Dudeismus : Die sechste Weltreligion

Wie Buddhismus, bloß mit „D“: Der Dudeismus verbindet Weisheiten aus der griechischen Antike und dem Fernen Osten mit der Kult-Komödie „The Big Lebowski“. Hunderttausende machen mit – und erschaffen ganz nebenbei die netteste Ecke des Internet.

Wenig lag dem Dude ferner, als eine Religion zu stiften. Er wollte einfach nur seine Ruhe. Just danach aber sehnt sich eben längst nicht nur die fiktive Hauptfigur des Spielfilms „The Big Lebowski“ (1998), sondern die halbe Welt. Der Althippie aus L.A., der am liebsten zwischen Badewanne und Bowlingbahn pendelt, muss noch mehr mitmachen als wir alle: Er wird gleich mehrmals entführt, von deutschen Nihilisten sowie einem fiesen Frettchen attackiert, seine Wohnung wird demoliert, sein Auto gestohlen und in Brand gesetzt, er gewinnt und verliert einen Koffer mit einer Million Dollar. Einer seiner Bowling-Kumpels zückt beim Training plötzlich eine Waffe, einen anderen rafft bei all der Aufregung ein Herzinfarkt dahin. Und als der Dude die Asche des Verblichenen in den Pazifik streuen will, bläst sie ihm der Wind ins Gesicht.

Dem Dude – Typ: keine Termine und leicht einen sitzen – passt dieser Stress nicht in den Kram, doch was soll man machen? „The Dude abides“, sagt er am Ende schlicht. „Der Dude packt das schon“, heißt es in der rustikalen deutschen Übersetzung des Films, das österreichische Blatt „Presse“ schrieb eleganter vom „Fortbestehen“. Der Ausdruck „abide“ verbindet Aushalten oder Durchstehen mit der stoischen Annahme dessen, was kommt. Die Botschaft ist: Mal biste der Hund, mal biste der Baum. Nimm’s leicht. „Der wahre Dudeist weiß, wann er handelt und wann er nichts tut“, sagt Oliver Benjamin, der Begründer des Dudeismus. Das ist die radikalste Form des Gebets „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ Bloß reduziert um Gott. Anders ausgedrückt: Das kalifornische „Take it easy“ ist nicht weit weg vom kölschen „Et es wie et es, und et hätt noch emmer jot jejange“.

Kernstück des dudeistischen Kults ist also die beinahe übermenschliche Gelassenheit des von Jeff Bridges gespielten Dude. Die Dudeisten sehen ihn und sich selbst in der Tradition von Laotse und Heraklit, Buddha und Jesus, Mahatma Gandhi und Snoopy. Nach eigenen Angaben hat der Dudeismus mehr als 600.000 Anhänger, wobei im Sinne des Egalitarismus alle Gläubigen zugleich auch Priester sind. In vielen Ländern der Welt führen Dudeisten tatsächlich Zeremonien durch, vor allem freie Trauungen.

Für viele ist das Ganze trotzdem ein Spaß, ähnlich der religionskritischen „Pastafari“-Bewegung, die einem „Fliegenden Spaghettimonster“ huldigt – beziehungsweise mit großer Geste so tut, als ob. Doch Oliver Benjamin, der den Dudeismus 2005 ins Leben rief, meint es ernst: Er versteht ihn als moderne Form des Taoismus, der uralten chinesischen Philosophie vom stetigen Wandel der Welt, dem man sich vielleicht nicht er- aber jedenfalls hingibt.

 Oliver Benjamin ist der Begründer des Dudeismus.
Oliver Benjamin ist der Begründer des Dudeismus. Foto: Ged Murray

Der Autor und studierte Psychologe Benjamin (54) war schon als Jugendlicher angewidert vom Materialismus des Yuppie-Zeitalters – und zog ein Jahrzehnt lang als Rucksacktourist um die Welt. „Ich habe Yoga in Indien studiert, Buddhismus in Thailand, Mystizismus auf Java, fand aber keine Weltanschauung, die meiner Meinung nach zur modernen Zeit passt.“ Dann sah er den Film der Coen-Brüder, der an den Kinokassen zunächst gefloppt war - und empfand ihn als Parabel darüber, dass alle Probleme relativ sind. „Im Kern ist ,The Big Lebowski‘ eine Story darüber, wie man sein Leben lebt, mit Konflikten umgeht und sich in einer verrückt gewordenen Welt seinen Seelenfrieden bewahrt.“ Der anerkannte Zen-Meister Bernie Glassman verstand den Dude als erleuchteten Amtskollegen, auch andere Autoritäten sind voll des Lobes. „Der Dude ist authentisch und zufrieden mit einem bequemen Leben abseits von Konsum, Besitz und Status“, sagte etwa Philosophie-Professor Peter Fosl dem Magazin „Brand eins“.

  • Ein Blick auf eine von insgesamt
    Streetart in der Rheinberger Reichelsiedlung : Weltweites Echo für Kunstaktion Big A
  • Catherine Deneuve als Crystal und Benoit
    „In Liebe lassen“ : Haben Sie keine Angst vor diesem Film
  • Immer auf der Suche nach neuen
    Filmemacher Florian Siebert : „Jeder gute Film hat eine Botschaft“

Der vom Dude unbeabsichtigt gestiftete Dudeismus – im Grenzgebiet zwischen Popkultur und Schabernack, Lifestyle und Philosophie, erfüllt längst auch eine echte seelsorgerische Funktion: In dudeistischen Facebook-Gruppen teilen viele ihre Sorgen: von Liebeskummer über Mobbing bis hin zu Arbeitslosigkeit, Trauerfällen, Alkohol- und Drogenproblemen. Zur Antwort bekommen sie niemals Häme, oft passende, aufmunternde Zitate aus dem Film – und praktisch immer ausführliche, empathische Antworten von Menschen, denen es ähnlich geht oder ging. Für viele sind die Gruppen Quellen von Kraft und Trost. Tatsächlich ist es im Netz nirgendwo netter.

Was einen Dude ausmacht, zeigt sich schon früh im Film: Kaum ist der Dude von seinem Einkauf – im Bademantel hatte er einen Karton Milch erstanden und der Bequemlichkeit halber per Scheck bezahlt – heimgekehrt, überfallen zwei Gangster die Dude’sche Bruchbude, auf der Suche nach dem großen Geld. Einer pinkelt auf seinen Teppich, der andere taucht ihn wiederholt mit dem Kopf in die Toilette. Der Dude schüttelt den Kopf, setzt seufzend seine noch tropfende Sonnenbrille wieder auf und klärt die Schlägertypen über die offenkundige Verwechslung seiner Person mit einem gleichnamigen Multimillionär auf. Tags darauf spricht er bei seinem Namensvetter vor, um sich von diesem den Teppich ersetzen zu lassen. Dabei stellt er sofort klar, dass er nicht mit seinem bürgerlichen Namen Jeffrey Lebowski angesprochen werden möchte: „Ich bin der Dude.“ Das Wörtchen aus dem Surfer-Slang bedeutet so viel wie „Typ“ oder „Mann“ oder auch „Alter“, und doch versteckt sich in diesem kleinen Wörtchen eine ganze Lebenseinstellung. Mancher Kalifornier bezeichnet alles und jeden so, vom besten Kumpel über die eigene Mutter und das Haustier bis hin zum Stuhl. Und den Präsidenten, die Queen oder den Kaiser von China erst recht.

Weil so viel Egalitarismus den Millionär Jeffrey Lebowski erbost, flötet der Dude milde lächelnd, er lasse sich bei Bedarf auch „Seine Dudeheit” nennen, „oder auch El Duderino, falls Ihnen das mit den Kurznamen nicht so liegt“. Wenig später wird er rausgeschmissen – und erschwindelt sich beim Butler (Philip Seymour Hoffman!) einen Ersatz-Teppich. Benjamin lenkt den Blick auf etwas anderes: Der Großteil des immer weiter eskalierenden Ärgers wäre dem Dude erspart geblieben, wenn er dem Materialismus komplett entsagt und den verunstalteten Teppich vergessen hätte. Frei nach dem Motto: Der Klügere gibt nach.

Nun ist die Abkehr von weltlichen Gütern Standardprogramm in praktisch jedem Glaubenssystem, den Dudeismus hätte es dafür nicht gebraucht. Benjamin argumentiert, die großen Religionen hätten sich überlebt und seien nicht reformierbar. Der Atheismus könne „mit nichts dienen, das die Lücke füllt“, und Esoterik sei schon gar keine Lösung. Der Dudeismus sammle deshalb religiöse Kernbotschaften und bereinige sie um dogmatische und „abergläubische“ Elemente. Übrig blieben nur „die entspannten, nützlichen und Kraft spendenden Teile“. Dabei stünde jedem Anhänger selbstverständlich offen, weiterhin auch Christ oder Buddhist, Hindu, Jude, Moslem oder was auch immer zu bleiben.

Der Dude – der äußerlich an die üblichen Jesus-Darstellungen erinnert – sei einerseits „der größte vorstellbare Held, denn er fühlt sich absolut wohl in seiner Haut.“ Andererseits solle man sich ihn nicht stumpf zum Vorbild nehmen, seinen Alkohol- und Marihuana-Konsum etwa möge man durch Hobbys seiner Wahl ersetzen. Ob man wie der Dude Walgesänge höre und die Rockband „Eagles“ hasse, abgerissene Klamotten und Flipflops trage, viel fluche oder zu jeder Gelegenheit bowlen gehe, sei völlig irrelevant. „Der Punkt ist, dass er sich selbst treu ist, und immun gegenüber Status-Angst und gesellschaftlichem Druck.“ Dabei stellt er Humanismus über Hedonismus. Als ihn sein Vermieter schüchtern zu seiner äußerst experimentellen Tanzvorführung einlädt, ist es Ehrensache, dass der Dude hingeht.

Im Dudeismus ist die menschliche Fehlbarkeit von vornherein eingepreist. Und die eigentliche Erleuchtung womöglich die Erkenntnis, dass Erleuchtung überbewertet ist. Dudeismus ist im Kern Ansporn zur Selbstliebe im Hier und Jetzt bei Toleranz für alle anderen Lebensentwürfe, die niemandem schaden.

Apropos: In einem Punkt wird Benjamin ausnahmsweise ganz konkret: Man möge sich bloß jeden Versuch verkneifen, mit Verweis auf die online erhältliche „Priester-Urkunde“ und angebliche religiöse Gründe eine Impfung abzulehnen.

Das fände der Dude gar nicht gut.