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Dolomiten - Gletscherbruch am Marmolata​​: Zahl der Todesopfer steigt auf sieben​

Dolomiten-Gipfel Marmolata : Zahl der Todesopfer nach Gletscherabbruch steigt auf sieben

Gletscherbruch in den Dolomiten

In den italienischen Dolomiten haben die Rettungskräfte nach dem Gletschersturz eine weitere Leiche entdeckt. Das bestätigte die Polizei in Trient. Damit steigt die Zahl der Todesopfer, die bei der Lawine am Sonntag am Berg Marmolata ums Leben kamen, auf sieben.

Die Behörden vermuten weitere Todesopfer auf dem Berg. Die Rettungsarbeiten wurden am Montag wegen eines aufziehenden Unwetters zwischenzeitlich unterbrochen. Auch Italiens Ministerpräsident Mario Draghi, der per Hubschrauber das Lagezentrum in Canazei am Fuße des Berges besuchen wollte, konnte dort nicht landen und musste nach Verona ausweichen, um auf ein Auto umzusteigen.

Nach dem Unglück könnte es Wochen oder sogar noch länger dauern, bis alle Toten am Hang des Marmolata-Massivs gefunden und geborgen werden. Das sagte Maurizio Dellantonio, der Präsident der italienischen Bergrettung, am Montag. Er erklärte, dass nach dem Gletscherbruch riesige Mengen an Eis und Gestein in Fels- und Gletscherspalten gerutscht seien. Die Felsspalten sollten noch im Sommer freigelegt werden, auch dank des schmelzenden Eises, sagte er voraus.

„Falls aber jemand im oberen Bereich des Berges in Gletscherspalten gestürzt ist, dann wird es schwierig“, sagte Dellantonio. Nach dem Unglück wurden Stand Montagnachmittag 14 Menschen vermisst - es wird befürchtet, dass sie unter den Fels- und Eismassen verschüttet sind. „Es ist aktuell nicht möglich, zu graben, weil die Masse an Eis sich schon so festgesetzt hat und hart geworden ist“, sagte er. „Das ginge nur mit mechanischem Gerät, aber das können wir nicht hoch bringen.“

Weil die Gefahr besteht, dass sich weitere Eisbrocken lösen und abstürzen, dürfen vorerst keine Retter mehr die Flanke des Berges betreten. Mit Drohnen wird nach Leichen und Material gesucht. Das Eis sei teilweise bis zu zehn Meter dick, sagte der Bergretter. Deshalb sei die Lokalisierung und Bergung der Leichen so schwierig.

Der Regionalpräsident Venetiens, Luca Zaia, sagte, einige der Bergsteiger in dem Gebiet seien beim Klettern mit Seilen verbunden gewesen. Welche Staatsangehörigkeit die bestätigten Toten hatten, war am Montag zunächst noch nicht veröffentlicht. Die Verhältnisse am Unglücksort waren am Montagmorgen noch zu gefährlich, um die Suche nach Vermissten durch Rettungskräfte mit Suchhunden wieder aufzunehmen oder die Leichen zu bergen. Dafür waren Drohnen im Einsatz, um nach Vermissten Ausschau zu halten und die Sicherheitslage einzuschätzen.

Die Leichen sollten zur Identifizierung zu einer Eislaufbahn im Ferienort Canazei in den Dolomiten gebracht werden. Raimondi wurde damit zitiert, dass unter den neun bestätigten Verletzten zwei Deutsche seien. Zaia sagte Journalisten, einer der Deutschen sei ein 65-jähriger Mann. Von den Verletzten Patienten müsse einer, der sich auf der Intensivstation befinde, noch identifiziert werden. Die Verletzten hätten Brust- und Schädelverletzungen erlitten.

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Auf dem Parkplatz des Wandergebiets war die Zugehörigkeit von 16 Autos ungeklärt. Die Behörden versuchten, die Halter anhand der Nummernschilder zu ermitteln. Es war unklar, wie viele der Autos den bereits identifizierten Toten und Verletzten zuzurechnen waren. Alle Verletzten waren am Sonntag mit Hubschraubern in Krankenhäuser gebracht worden. Ministerpräsident Mario Draghi und der Chef der nationalen Zivilschutzbehörde reisten am Montag in das Gebiet.

Warum ein Teil des Gletschers abbrach und mit einer Geschwindigkeit von nach Expertenschätzung fast 200 Stundenkilometern den Berg hinunter donnerte, war unklar. Der Gletscher auf der Marmolata war in den vergangenen Jahren jedoch dramatisch geschmolzen. Experten des staatlichen CNR-Forschungszentrums, das über ein Institut für Polarwissenschaften verfügt, hatten vor einigen Jahren geschätzt, dass der Gletscher binnen 25 bis 30 Jahren nicht mehr existieren könnte. Der Mittelmeerraum, der südeuropäische Länder wie Italien mit einschließt, war von UN-Experten als „Klimawandel-Hotspot“ identifiziert worden.

Der Bergrettungssprecher Walter Milan sagte dem öffentlich-rechtlichen Fernsehsender Rai am Sonntag, die extreme Hitze in Italien seit Ende Juni könnte dazu beigetragen haben, dass ein sogenannter Sérac, ein Turm aus Gletschereis, abbrach. Am Gipfel auf mehr als 3300 Metern seien in den vergangenen Tagen Temperaturen über zehn Grad Celsius gemessen worden. Das sei ganz offensichtlich nicht normal.

Jacopo Gabrieli, ein Polarwissenschaftler des CNR, stellte fest, dass die lange Hitzewelle von Mai bis Juni die heißeste in Norditalien in dieser Periode seit fast 20 Jahren gewesen sei. „Es ist eine absolute Anomalie“, sagte er in einem Fernsehinterview am Montag. Es sei aber unmöglich, vorherzusagen, wann oder ob ein Sérac wie am Sonntag abbrechen könnte.

(felt/dpa)