Täter oder Sündenbock?: Diskussion um Lokführer bewegt Spanien

Täter oder Sündenbock? : Diskussion um Lokführer bewegt Spanien

Ist der Lokführer des Zugunglücks von Santiago de Compostela ganz alleine für die Katastrophe verantwortlich? Vielen Spaniern drängt sich der Verdacht auf, dass er als Sündenbock herhalten soll. Auch Zeitungsberichte rücken den Fall in ein neues Licht.

Der schmächtige, grauhaarige Mann, der am Sonntag in einer dunklen Einzelzelle einer Polizeiwache saß, beschäftigt die Spanier derzeit mehr als jeder Fußballer oder Filmstar. Nach dem Zugunglück bei Santiago de Compostela mit 79 Toten wurde Lokführer Francisco José Garzón offiziell der fahrlässigen Tötung beschuldigt.

Wenn man Regierungspolitiker und Chefs der Eisenbahn-Gesellschaft hört, scheint schon vor Beginn der Untersuchungen festzustehen, dass Garzón und nur Garzón für die schlimmste Bahnkatastrophe in 40 Jahren verantwortlich sein kann.

Dokumente wecken Zweifel

Daran wecken von seriösen Medien veröffentlichte Dokumente Zweifel. Und auch nicht alle Spanier sind dieser Meinung. Im Gegenteil: Eine eigens zur Unterstützung des 52-Jährigen erstellte Internetplattform wurde bis Sonntagabend von mehr als 50 000 Menschen unterzeichnet.

Jede Minute wurden es mehr. Immer mehr Spaniern drängt sich der Verdacht auf, dass der Lokführer - der am späten Sonntagabend erstmals vor dem Ermittlungsrichter aussagen sollte - vorverurteilt und als alleiniger Sündenbock herhalten soll. Ein Mann, der 20 Jahre lang seine Arbeit professionell verrichtet habe, dürfe ohne Untersuchung nicht abgeurteilt werden, heißt es auf der Plattform "Con los maquinistas" (Mit den Lokführern).

Auffällig war, dass sowohl Bau- und Verkehrsministerin Ana Pastor, als auch der Operations-Chef der Eisenbahngesellschaft Renfe, Luis Francisco Minayo, und der Präsident der Eisenbahninfrastruktur-Behörde Adif, Gonzalo Ferre, sofort Fehler im Sicherheitssystem ausgeschlossen und den Lokführer in mehr oder weniger direkter Form attackierten. "Das ist ja die Aufgabe des Lokführers: die Geschwindigkeit zu kontrollieren. Sonst wäre er Passagier", sagte Ferre.

Zudem behauptete er, Garzón hätte den Bremsvorgang bei der Einfahrt in den Bahnhof von Santiago vier Kilometer vor der Unglücksstelle beginnen müssen. Pastor sagte: Alle Systeme hätten einwandfrei funktioniert.

Einige Behauptungen wurden am Sonntag von der einflussreichen Zeitung "El Mundo" mit offenbar wichtigen Dokumenten angezweifelt.

Das Blatt druckte ein Foto des Routenplans ab, den alle Lokführer für die Unglücksstrecke bekommen. Daraus geht hervor, dass die Eisenbahner keine genauen Bremsvorschriften bekommen und zudem nicht - wie von Ferre behauptet - schon vier Kilometer vor der Unfallkurve abbremsen müssen. Im Gegenteil: Sie dürfen nach dem Plan bis zu einem Streckenpunkt, der nur 300 Meter vor der Tempo-80-Kurve liegt, mit 220 Kilometern pro Stunde fahren.

"Kleine Unachtsamkeit hätte ausgereicht"

"Eine kleine Unachtsamkeit des Lokführers, der auch ein gesundheitliches Problem gehabt haben kann, hätte also ausgereicht, um die Katastrophe auszulösen", meint die Zeitung "El Mundo", die im Leitartikel das Sicherheitssystem an der Kurve "A Grandeira" als "zu plump" kritisiert.

Unter anderem auch deshalb, weil an der Unglücksstelle sich der Übergang von Hochgeschwindigkeits- auf iberische Normalstrecke befindet und dort daher anstatt der modernen ERTMS-Tempokontrolle das ASFA-Signalsystem zum Einsatz kommt - das den Zug bei Überschreiten der Geschwindigkeit nicht immer automatisch abbremst.

Doch wieso sollten Regierung und Unternehmer den Lokführer vorverurteilen und als Sündenbock missbrauchen wollen? Die Zeitung "El País" erklärt es: Das Hochgeschwindigkeitssystem AVE sei in den vergangenen Jahren mit einem Jahresumsatz um die fünf Milliarden Euro und einer Exportquote von 60 Prozent zu einem der "wichtigsten Botschafter der Marke Spanien" geworden. Unter anderem wurde ein Megavertrag über 6,7 Milliarden Euro für den Bau des saudischen Pilgerzuges nach Mekka unterzeichnet.

Verhandlungen laufen zur Zeit unter anderem mit Brasilien, den USA, der Türkei und Kasachstan. "Die Katastrophe ist ein harter Schlag für das AVE-Wunder", stellt "El País" fest.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Zugunglück in Spanien - zwei Tage danach

(ap/afp)
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