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Der Kampf gegen die Unterdrückung: Die iranische Jugend trinkt sich frei

Der Kampf gegen die Unterdrückung : Die iranische Jugend trinkt sich frei

Eigentlich ist Alkohol in der Islamischen Republik offiziell verboten. Doch Eigenproduktion und Schmuggel sichern die Versorgung. Und die Jugend greift zum Glas. Auch aus Protest.

Aus den Boxen dröhnt Rap-Musik, zuckendes Stroboskop-Licht verleiht dem Raum Disko-Atmosphäre."Trink erst mal einen Tequila!" ruft der Gastgeber zur Begrüßung. Was in vielen Gesellschaften der Beginn eines normalen Samstagabends ist, ist hier - im Iran - eine Besonderheit.

Alkohol ist im schiitisch-dominierten muslimischen Land offiziell verboten. Hinter verschlossenen Türen wird aber vor allem in den reicheren Kreisen häufig getrunken. Schahrijar lade seine Freunde jedes Wochenende in die Luxuswohnung seines Vaters in Teheran ein, sagt seine Freundin Schima. "Wir trinken bis zum Morgen", erzählt sie Reuters per Videotelefon. Öffentliche Nachtclubs gibt es im Iran nicht. Für die Jugendlichen sind häusliche Alkoholparties wie diese ein Weg, sich aus der Unterdrückung durch die strengen Richtlinien des Landes zu befreien. Beim Trinken vergesse man seine Probleme, sagt Schahrijar. "Andernfalls würden wir verrückt werden vor lauter Beschränkungen für junge Menschen im Iran."

Die Herstellung von Wein hat im Iran eine lange Tradition. Wissenschaftler gehen davon aus, dass bereits 5000 vor Christus auf dem heutigen iranischen Staatsgebiet Wein getrunken wurde. Der berühmte Shiraz-Wein aus dem südlichen Teil des Irans etwa soll durch die Kreuzritter seinen Weg nach Europa gefunden haben. Wegen des Verbots versorgen sich heute viele Iraner selbst mit Alkohol. Hessam, ein 28-jähriger Musiklehrer aus Teheran, erzählt, dass er mit seinen Freunden regelmäßig in der Badewanne Weintrauben stampfe: "Es macht Spaß. Fast wie ein Reinigungsritual."

Der 35-jährige Sporttrainer Amin produziert professionell. In seinem 50 Quadratmeter großen Garten baut er Wein an, im Keller brennt er Spiritus. Wer selbst keinen Alkohol herstellt, ruft einfach einen Produzenten aus dem Bekanntenkreis an. Man müsse nicht mal das Haus verlassen, erklärt der Computeringenieur Resa. "Nasser, der Brauer, liefert es nach Hause, VIP Service." Neben der Eigenherstellung gelangt Alkohol auch durch Schmuggel ins Land. Es heißt, die Grenzwachen, die aus der Islamischen Revolution 1979 hervorgegangen sind, besäßen das Monopol in diesem Geschäft und würden jährlich rund 12 Milliarden Dollar (etwa 8,7 Milliarden Euro) damit verdienen. Die Truppen wollten diese Beschuldigungen ihrer Gegner nicht kommentieren. Importiert wird vor allem aus der Türkei und dem kurdischen Teil des Iraks, aber auch Wodka aus Russland und Georgien.

Zahl der Alkoholiker steigt

Die Verfügbarkeit von Alkohol alarmiert die religiösen Führer des Landes. Viele von ihnen machen den Einfluss des Westens für die Entwicklung verantwortlich. Seitdem der als gemäßigt geltende Hassan Rohani das Präsidentenamt ausübt, hat die Zahl der Polizeirazzien zwar abgenommen. Das Verbot von Alkohol und die Bestrafung von Produktion oder Konsum werden aber aufrechterhalten.

Unabhängig von den Folgen des Alkoholkonsums für die Religion, verursacht das Trinken bekanntermaßen auch gesundheitliche Probleme. Iranischen Medien zufolge sind 200.000 der rund 76 Millionen Menschen im Land Alkoholiker. Andere Quellen gehen von einer noch höheren Zahl aus. Seit vergangenem Jahr gibt es in Teheran die erste Entzugsklinik des Landes.

Blindheit oder sogar Tod können die Folge von amateurhaft hergestelltem Alkohol sein.
Viele Iraner scheinen diese Gefahren in Kauf nehmen zu wollen. Schließlich schrieb schon der persische Poet Hafez im 14. Jahrhundert: "Welche Trunkenheit ist dies, die mir Hoffnung gibt?"

Hier geht es zur Infostrecke: Das tägliche Glas C2H5OH

(REU)