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Der Vater des Lego-Männchens ist tot, Nachruf auf Jens Nygaard Knudsen

Designer Jens Nygaard Knudsen : Der Vater des Lego-Männchens ist tot

Im Alter von 78 Jahren ist der langjährige Chefdesigner von Lego gestorben. Der weitestgehend unbekannte Mann hinterlässt neben seiner Familie rund acht Milliarden kleine Plastikfiguren. Ein Nachruf.

Unvergleichlich ist ein großes, meist zu großes Wort – aber unvergleichlich ist das Lebenswerk des Spielzeugdesigners Jens Nygaard Knudsen. Wohl niemand hat je mehr Kinder (und Kind gebliebene) glücklich gemacht als der Mann, dessen Name nur den härtesten Hardcore-Lego-Fans bekannt ist.

Auf eine Stellenanzeige in der Zeitung hatte sich Knudsen 1968 bei dem Familienkonzern aus dem dänischen Dorf Billund beworben. Seine erste Aufgabe: aus den bunten, damals sehr einfachen Plastiksteinen winzige Modellautos bauen. Nicht nur Dutzende, sondern Hunderte verschiedene. In der Hoffnung, dass einige von ihnen seinen Chefs gefallen und als Bausätze in den Handel kommen würden.

Doch als einer von damals nur einer Handvoll Designer des gesamten Konzerns bekam Jens Nygaard Knudsen schnell auch mehr zu tun. Polizeistationen und Feuerwachen gab es zu gestalten, Krankenhäuser und diverse Züge. Dass Lego das Design-Team Mitte der Siebzigerjahre vergrößerte und in Untergruppen unterteilte, ärgerte den Mann, der am liebsten immer alles selbst machen wollte.

<aside class="park-embed-html"> <blockquote class="twitter-tweet"><p lang="en" dir="ltr">We&#39;re very sad to hear that Jens Nygaard Knudsen, the creator of the LEGO Minifigure, has passed away. Thank you Jens, for your ideas, imagination, and inspiring generations of builders ❤️ <a href="https://t.co/7YixYvHtRW">pic.twitter.com/7YixYvHtRW</a></p>&mdash; LEGO (@LEGO_Group) <a href="https://twitter.com/LEGO_Group/status/1231941903849009152?ref_src=twsrc%5Etfw">February 24, 2020</a></blockquote> <script async src="https://platform.twitter.com/widgets.js" charset="utf-8"></script> </aside>
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Doch er machte das Beste daraus, und fokussierte sich auf seine Pläne für neuartige Figuren, die den bis dahin etwas sterilen Welten Leben einhauchen sollten. Der Legende nach brauchte es rund 50 Anläufe, bis Knudsen zufrieden war – und Lego das Design 1978 zum Patent anmeldete. Vier Zentimeter groß, mit beweglichen Armen und Beinen sowie dem „ethnisch neutralen“ gelben Gesicht, das es jahrzehntelang nur mit einem Ausdruck gab: einem seligen, sympathischen Lächeln. Die ersten „Minifiguren“ waren Astronauten in rot und weiß, gelb, blau und schwarz.

Bei der Nürnberger Spielwarenmesse 1979 waren sie der Renner. Mehr noch: Nygaard Knudsens Raumschiffe mit den fröhlichen Forschern wurden zum „European Toy of the Year“ gewählt. Einem Artikel des Lego-Designers Mark Stafford in der Zeitschrift „Brick Journal“ zufolge zogen die Umsätze so stark an, dass Lego 500 neue Mitarbeiter einstellen konnte. Und Jens Nygaard Knudsen wurde zum Chefdesigner befördert.

Mehr als acht Milliarden seiner Figuren sind bis heute vom Fließband gelaufen – Ritter und Rennautopiloten, Krankenschwestern und Köche, Briefträger und Basketballspieler, Polizisten, Piraten und ganz normale Passanten. Männchen wie du und ich eben.

Knudsens größte Liebe galt den diversen Raumfahrt-Serien, die er 15 Jahre lang gestaltete. „Waffen waren dabei wegen der pazifistischen Firmenpolitik tabu“, erzählte er einmal. Und, augenzwinkernd: „Deshalb haben wir eben sehr viele ‚Radarschüsseln’ und ‚Sensoren’ gestaltet.“

Im Jahr 2000 ging Knudsen in Rente, doch von den Bausteinen kam er nie los. Zuhause baute er bis zuletzt viel, teils als freier Mitarbeiter, aber meist ganz privat. Still und heimlich erfreute er sich der anhaltenden Beliebtheit seiner Schöpfung: „Ich hatte natürlich keine Ahnung, dass die Minifigur so oft produziert werden würde“, sagte er 2003, „aber ich konnte sehr wohl sehen, wie glücklich die Kinder damit waren. Das Potenzial der Figur war unendlich groß. Und das ist es immer noch. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Minifigur noch ihren 50. Geburtstag erlebt!“

Jedenfalls hat sie ihren Schöpfer überlebt. Am Freitagabend wurde öffentlich, dass Jens Nygaard Knudsen am Mittwoch im Alter von 78 Jahren in einem Hospiz in Hospiz in Hvide Sande gestorben ist. Seine Traueranzeige ziert ein Haufen Bausteine. „Er hinterlässt seine ihn liebende Frau, drei Kinder, zwei Enkelkinder – sowie acht Milliarden kleine Plastikmännchen, zum Leben erweckt durch kindliche Fantasie“, schrieb Mark Stafford.

<aside class="park-embed-html"> <blockquote class="twitter-tweet"><p lang="en" dir="ltr">On Wed19th Feb former Chief Designer at LEGO, and creator of the LEGO Minifig Jens Nygaard Knudsen passed, he was 78. He leaves a loving wife, 3 children, 2 grandchildren, and over eight billion little plastic people infused with life by children’s imaginations. Thank you Jens. <a href="https://t.co/0o72YFbe91">pic.twitter.com/0o72YFbe91</a></p>&mdash; Mark John Stafford (@LEGO_Nabii) <a href="https://twitter.com/LEGO_Nabii/status/1230859764365692928?ref_src=twsrc%5Etfw">February 21, 2020</a></blockquote> <script async src="https://platform.twitter.com/widgets.js" charset="utf-8"></script> </aside>
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Eine offizielle Äußerung der Lego-Gruppe blieb über das Wochenende aus.

Der Design-Vizepräsident Matthew Ashton versprach aber am Freitagabend bei Twitter, er werde die Figuren „beschützen und mich um sie kümmern“. Er selbst hätte die Bausteine ohne die Figuren „vielleicht nie angefasst“, denn erst diese hätten den Plastikteilen „Leben, Persönlichkeit, Inspiration“ sowie die Möglichkeit zum Erzählen eigener Geschichten verliehen. Den Verstorbenen mit einer eigenen Figur zu ehren, wie ein Fan vorschlug, sei „eine wunderbare Idee“; er werde das prüfen lassen.

<aside class="park-embed-html"> <blockquote class="twitter-tweet"><p lang="en" dir="ltr">Honestly, on reflection it is such an honour that this little piece of toy history is now under the care of myself &amp; the <a href="https://twitter.com/LEGO_Group?ref_src=twsrc%5Etfw">@LEGO_Group</a> Design team . I promise as long as my <a href="https://twitter.com/hashtag/LEGO?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw">#LEGO</a> career lasts, I will protect, care and nuture this little fella/gal! Thank you Jens for <a href="https://twitter.com/hashtag/LEGOMinifigure?src=hash&amp;ref_src=twsrc%5Etfw">#LEGOMinifigure</a> <a href="https://t.co/Rne9pmLc7H">https://t.co/Rne9pmLc7H</a></p>&mdash; Matthew Ashton (@matthew__ashton) <a href="https://twitter.com/matthew__ashton/status/1230945634687049734?ref_src=twsrc%5Etfw">February 21, 2020</a></blockquote> <script async src="https://platform.twitter.com/widgets.js" charset="utf-8"></script> </aside>
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Lego-Designer Niels Milan Pedersen warb dafür, Knudsens Leistung wenigstens posthum anzuerkennen: „Jens sollte als einer der wichtigsten Designer überhaupt in Erinnerung bleiben. Er war der Mann hinter allen klassischen Lego-Themenwelten: Weltraum, Piraten, Ritter, Züge und vielen weiteren.“ Knudsen sei ein Mann voller Inspiration, Fantasie und kreativer Kraft gewesen – „und niemand, der ihn kannte oder auch nur ein Mal traf, wird seine wunderbare, positive Persönlichkeit vergessen. Fans in aller Welt sollen wissen, dass der wohl wichtigste Schöpfer innerhalb des Lego-Universums nicht mehr ist. Und einen wie ihn wird es auch nie mehr geben.“

Stafford schließt mit den Worten: „Millionen, wenn nicht Milliarden fröhlicher Kindheitserinnerungen sind diesem Mann geschuldet. Und wer etwas zu seinem Gedenken tun möchte, der möge ein Lego-Raumschiff bauen. Das hätte ihm gefallen.“

Unter Staffords digitalem Abschiedsbrief an sein Vorbild sammeln sich rührende Kommentare. Resümees wie „seine Werke haben viele, viele Häuser mit Liebe und Gelächter erfüllt“; Danksagungen für „das Anschieben meiner Fantasie“, „magische Momente“ oder gar „meine Kindheit“ insgesamt. Jemand schreibt, er habe versucht sich vorzustellen, wie der Lego-Konzern heute dastünde, hätte es Jens Nygaard Knudsen nicht gegeben. „Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass die Firma pleite gegangen wäre oder die Steine nur ein unwichtiges Spielzeug ‚von gestern’ wären.“ Knudsen selbst hätte wohl ein anderer Kommentar am Besten gefallen: „Ich schulde diesem Kerl viel. Doch sein kreativer Funke glüht weiter in jedem unserer Bauten.“ Niemals geht man so ganz – für den Glücklichmacher Jens Nygaard Knudsen gilt das in besonderem Maße.