Dhaka: Der Preis der Billigkleidung

Dhaka : Der Preis der Billigkleidung

Die Zahl der Toten nach dem Fabrik-Einsturz in Bangladesch ist auf mehr als 500 gestiegen. Viele namhafte Modemarken ließen dort produzieren. Bundeskanzlerin Angela Merkel fordert mehr Transparenz für Textilimporte.

Noch immer harren verzweifelte Angehörige vor den Trümmern aus. Wie Anklageschriften halten sie Fotos ihrer toten Liebsten in die Kameras der Fernsehteams. Das Fabrikunglück von Savar, das schlimmste in der Geschichte Bangladeschs, nimmt immer tragischere Ausmaße an. Inzwischen stieg die Zahl der Toten auf mehr als 500.

Auch die Textilien, die in den Trümmern gefunden wurden, gleichen stummen Anklagen: Sie tragen Etiketten von so bekannten Modeketten wie Kik, Primark, Mango und Benetton, berichten Retter. Wie ein Kartenhaus war der achtstöckige Gebäudekomplex Rana Plaza, der fünf Textilfabriken mit 3000 Arbeitern beherbergte, vor zehn Tagen eingestürzt.

Ein Rückzug hilft den Frauen nicht

Die Tragödie hat eine Debatte über die Verantwortung der Konzerne für das Heer der Billigarbeiter losgetreten. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach sich auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in Hamburg für "eine Herkunftserklärung" bei der Textilproduktion aus. "Uns wird es auf Dauer nur gut gehen, wenn es auch anderen Ländern gut geht", sagte Merkel.

Als erstes Unternehmen will sich Disney aus Bangladesch und anderen "Hochrisikoländern" zurückziehen, in denen der Konzern Fanartikel produzieren lässt. Bangladeschs 3,5 Millionen Textilarbeiter, davon 80 Prozent Frauen, ist damit nicht gedient. Das Land ist von dem 20 Milliarden Dollar schweren Geschäft abhängig. Folgen andere Firmen Disneys Beispiel, droht Bangladesch weitere Verelendung.

Baupläne überprüfen

Wie Atiqul Islam, Chef des Verbandes der Textilproduzenten und -exporteure, erklärte, müssten alle 3500 Mitglieder des Verbandes nun ihre Baupläne prüfen lassen. Wer die Sicherheitskriterien nicht erfüllt, müsse mit Schließungen rechnen.

Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) bot Ender der vergangenen Woche an, Deutschland könne die berufliche Wiedereingliederung der 2437 Überlebenden mit 2,5 Millionen Euro unterstützen. Das Geld solle den Menschen mit bleibenden gesundheitlichen Schäden und Behinderungen zugutekommen.

Vor allem Kim steht in der Kritik

Wenig hoffnungsvoll stimmt die Reaktion einiger Modeketten, die in den fünf Fabriken im Rana-Plaza-Haus fertigen ließen. Nur die Konzerne Primark, Loblaw and El Corte Ingles sagten den Familien der Opfer laut Medienberichten bisher Finanzhilfen zu. Die anderen weisen die Verantwortung von sich. Vor allem der deutsche Textil-Discounter Kik steht in der Kritik. Es sei das dritte Mal in acht Monaten, dass Kik in ein schweres Unglück involviert sei, mahnt die Kampagne für saubere Kleidung. Kik erklärte, man habe seit 2008 keine "direkten" Geschäftsbeziehungen zu den Fabriken in Rana Plaza gehabt. Ähnlich äußerten sich andere Hersteller.

Die Textilkonzerne vergeben ihre Aufträge an lokale Lieferanten mit dem günstigsten Angebot. Der Preisdruck ist riesig. Wer den Zuschlag erhält, schaltet oft Subunternehmer ein. Wenn ein Unglück passiert, stellen sich die Modeketten ahnungslos. Dabei können sie die undurchsichtigen Lieferketten und gefährlichen Zustände in vielen Fabriken kaum übersehen.

Aktivisten riskieren ihr Leben

Sozialaktivisten, die die unwürdigen Arbeitszustände anprangern, riskieren ihr Leben. Vergangenes Jahr wurde der prominente Kritiker Aminul Islam tot aufgefunden. Sein Körper wies Folterspuren auf. Der Ingenieur Adbur Razzak der gewarnt hatte, das Fabrikgebäude Rana Plaza sei unsicher und müsse geräumt werden, wurde verhaftet.

Regierungschefin Sheikh Hasina kündigte zwar Reformen an, doch die Branche hat eine mächtige Lobby — jeder zweite Parlamentarier soll Beziehungen zur Textilindustrie haben. Den Preis zahlen die Näherinnen.

(RP/pst)
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