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Trauer um Abbé Pierre: Der gute Mensch von Frankreich

Trauer um Abbé Pierre : Der gute Mensch von Frankreich

Paris (RP). Die Nachricht erwischte die Franzosen gestern Morgen am Frühstückstisch oder auf dem Weg zur Arbeit: Abbé Pierre ist tot. Der legendäre französische Armenpriester war im Alter von 94 Jahren in einer Pariser Klinik an den Folgen einer Lungenentzündung gestorben. Der Tod des Mannes, den die Franzosen fast wie einen Heiligen verehrt hatten, löste starke Emotionen aus.

"Wir haben eine großartige Persönlichkeit verloren, ein Gewissen, eine Verkörperung des Guten", sagte Präsident Jacques Chirac. "Ganz Frankreich ist im Herzen getroffen."

In Frankreich kannte jedes Kind Abbé Pierre, seine magere Gestalt in einer schlotternden Soutane, seinen zottigen weißer Bart, die dicke Hornbrille, die verbeulte Baskenmütze auf dem fast kahlen Schädel, darunter zwei prächtige Segelohren.

Kein Franzose war populärer als dieses greise Priesterlein. Streitlustig, knorrig und von hemdsärmeliger Frömmigkeit, war Abbé Pierre als Wortführer der Armen und Obdachlosen zu einer Legende geworden, er war der gute Mensch von Frankreich. Prompt forderte Expräsident Valéry Giscard d'Estaing ein Staatsbegräbnis für den bescheidenen Pater.

Der Aufstieg des Abbé Pierre zur Symbolfigur der Entrechteten begann im klirrend kalten Januar 1954: Das Thermometer ist auf minus 20 Grad gefallen, Schneestürme haben ganze Regionen Frankreichs unpassierbar gemacht, in Paris ist die Versorgung zusammengebrochen. Auf den Gittern der Metro-Schächte, wo sie vergebens einen Hauch wärmender Abluft zu erhaschen suchen, in Hauseingängen und unter Seine-Brücken sterben Obdachlose in der Eiseskälte wie die Fliegen. Die Clochards sind dem Frost hilflos ausgeliefert, aber auch Arbeiterfamilien, die wegen Mietverzugs aus ihren Wohnungen geworfen wurden. Die Regierung schaut dem Elend tatenlos zu.

Als Abbé Pierre eines Morgens erschüttert vor dem Leichnam eines erfrorenen Säuglings steht, den seine obdachlose Mutter verzweifelt in den Armen wiegt, ist er nicht mehr zu halten. Er marschiert ins Studio eines Pariser Radiosenders und fleht dort ins Mikrofon: "Meine Freunde, zu Hilfe! Jede Nacht krümmen sich in Paris mehr als zweitausend Menschen unter der Kälte, ohne Dach über dem Kopf, ohne Brot und fast nackt."

Sein empörter "Appell zur Barmherzigkeit" wird gehört. Ein Ruck geht durch Frankreich, durchbricht die Gleichgültigkeit. Die Franzosen spenden tonnenweise Nahrung, Decken und jede Menge Hausrat. Die von Abbé Pierre 1949 gegründete Selbsthilfe-Organisation Emmaus verteilt und verwertet die Spenden.

Schnell wächst Emmaus in Frankreich zu einer Bewegung wie das Rote Kreuz oder die Caritas heran, bevor sie sich schließlich über die Landesgrenzen nach Europa, Afrika und Asien ausdehnt. Zuletzt war Abbé Pierre das Oberhaupt eines Benefiz-Konzerns mit 1400 Angestellten und 10.000 ehrenamtlichen Helfern in 39 Ländern, der mit Trödel handelt und rund 10.000 Sozialwohnungen verwaltet.

Geboren wurde Abbé Pierre am 5.August 1912 unter seinem bürgerlichen Namen Henri Grouès. Sein Vater ist ein wohlhabender Seidenfabrikant in Lyon, der seinem Sohn mit sozialem Engagement schon früh als Vorbild dient. Im Alter von 19 Jahren bekommt Henri sein Erbteil vorzeitig ausgezahlt. Doch er überschreibt das kleine Vermögen wohltätigen Einrichtungen und tritt in die Abgeschiedenheit eines Kapuzinerklosters ein.

In der Welt, die er wieder sieht, als er acht Jahre später als Vikar seine Klosterzelle verlässt, weiß er schnell, auf welcher Seite er steht. Er wird Militärgeistlicher. Nach den ersten Juden-Deportationen unter deutscher Besatzung beginnt er, heimlich Ausweispapiere zu fälschen, um den Verfolgten die Flucht zu ermöglichen.

Ab 1942 schließt er sich dem französischen Widerstand an. Sein Partisanen-Deckname wird später zu seinem Markenzeichen: "Abbé Pierre". Unter Einsatz seines Lebens schleust der mutige Geistliche Hunderte von Juden über verschneite Alpenpässe, rettet aber auch politisch Verfolgte vor dem Zugriff der Nazi-Schergen, darunter auch den jüngeren Bruder von General Charles de Gaulle. Die Deutschen schnappen ihn, aber er kann fliehen und schließt sich in Algier der französischen Exilarmee an.

Nach der Befreiung Frankreichs wird Abbé Pierre als Mitglied der christdemokratischen Volksrepublikaner in die Nationalversammlung gewählt, der er bis 1951 angehört. Doch mehr als Debatten reizt ihn die Tat. Auch im Nachkriegsfrankreich wird gedarbt. Gemeinsam mit einigen Lumpensammlern gründet Abbé Pierre deshalb die Hilfsorganisation Emmaus, um durch die Verwertung von Altmaterial den Armen zu einem Einkommen und einem Dach über dem Kopf zu verhelfen.

Dann kam der bitterkalte Winter 1954. Der berühmte Radio-Aufruf ist inzwischen Geschichte und wird in Frankreichs Schulbüchern gewürdigt. Damals hat Abbé Pierre die Macht der Medien begriffen und nutzte sie seither für seine Sache meisterlich und ohne jeden Skrupel. Hungerstreiks, Sturm auf leer stehende Wohnungen, kämpferische Interviews - bei seinem Kampf für die Armen war dem französischen Robin Hood jedes Mittel recht, um aufzurütteln und die Verantwortlichen unter Druck zu setzen. Die Obrigkeit und der streitbare Armenpriester sind immer wieder aneinander geraten, und fast immer haben die Mächtigen klein beigeben müssen, eingeschüchtert vom heiligen Zorn des Abbé Pierre.

Diplomatie war nie die Sache des streitbaren Ordensmannes. "Halten Sie doch die Klappe", fuhr er während einer Fernsehdebatte Jean-Marie Le Pen an, den Chef der rechtsradikalen Front National. Aber auch seiner eigenen Hierarchie las Abbé Pierre gerne die Leviten. Die Kirchenoberen belehrte er, der Bau von Wohnungen sei "natürlich wichtiger" als der von neuen Gotteshäusern. Die Kirche spiele gerne "Komödie" und engagierte sich nicht ausreichend für die Schwachen, schimpfte er bei anderer Gelegenheit.

Heftig schlucken mussten die französischen Bischöfe auch, als sich der Abbé nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 mit anerkennenden Unterton zur "unerwarteten Expansion des Islams" äußerte. Aber Abbé Pierre sahen die Franzosen einfach alles nach.

Jedes Jahr zum Ende der großen Sommerferien lässt eine französische Sonntagszeitung per Umfrage jene Persönlichkeiten ermitteln, die von ihren Landsleuten für ein "nationales Vorbild" gehalten werden. Klarer Sieger in dieser Hitparade der 50 populärsten Franzosen war über Jahre hinweg unverrückbar Abbé Pierre, bis er 2004 nicht mehr in der Liste erscheinen wollte. Als gelungene Charakter-Mischung aus Don Camillo, Asterix und Mutter Teresa verkörperte Abbe Pierre so ziemlich alles, was die Franzosen offen oder heimlich bewundern.

Nur einmal wäre der beliebteste Franzose beinahe für alle Ewigkeit von seinem Sockel gestürzt. Das war 1996, als er seinen Freund, den Philosophen Roger Garaudy, öffentlich in Schutz nahm. Garaudy hatte in einem Buch die Realität des Holocaust angezweifelt. Ein Sturm der Empörung brach los. Die Medien, die bis dahin jeden Schritt des populären Protest-Geistlichen begeistert hinausposaunt hatten, fielen über Abbé Pierre her. Auch der ihm menschlich sehr zugetane Pariser Kardinal Jean-Marie Lustiger rügte ihn scharf. Tatsächlich, so stellte sich heraus, hatte Abbé Pierre das Garaudy-Buch gar nicht gelesen. Er wollte nur, so hat er später erklärt, die Meinungsfreiheit verteidigen.

Schließlich aber tat Abbé Pierre öffentlich Buße: Er bat in christlicher Demut um Entschuldigung "bei meinen jüdischen Brüdern, die ich, ohne es zu wollen, verletzt habe". Frankreich erteilte ihm umgehend Absolution.

Die Lust an der Provokation hat Abbé Pierre bis zum Schluss nicht verloren. 2005 erschien sein Buch "Mon Dieu ... Pouquoi?" (Mein Gott ... warum?), eine Art Lebensbeichte. Darin lässt er durchblicken, dass er als junger Mönch Sex hatte, fordert die Abschaffung des Zölibats und fordert die Priesterweihe für Frauen.

Die Teilnahme an spektakulären Aktionen erlaubte ihm seine angegriffene Gesundheit allerdings schon seit einigen Jahren nicht mehr. Zu der Solidaritätsbewegung für Obdachlose, die seit einigen Wochen mit Zelten in Paris und in anderen Städten kampieren, hat sich Abbé Pierre nicht mehr öffentlich geäußert. Dass die französische Regierung aber noch vor den Wahlen in diesem Frühjahr ein einklagbares Recht auf Wohnen gesetzlich verankern will, muss dem Armenpriester Genugtuung verschafft haben. Diese Forderung hatte er seit Jahrzehnten erhoben.

Schon mit sieben oder acht Jahren, so gestand Abbé Pierre, habe er darum gebetet früh zu sterben, "in die großen Ferien zu ziehen", wie er es ausdrückte. Es hat lange Jahre gedauert, bis seine Bitte erhört wurde. Viele Menschen sind dankbar dafür.