1. Panorama
  2. Ausland

Darrington: Deutsche im Erdrutsch-Gebiet - "In Sekunden war alles weg"

Zahl der Opfer steigt weiter : Deutsche im Erdrutsch-Gebiet: "In Sekunden war alles weg"

"Es ist ein Paradies hier, bis es regnet", sagt die gebürtige Stuttgarterin Brigitte Evans über ihre Wahlheimat am Fuße der Cascade-Berge. Jetzt hat es geregnet, so schlimm, dass viele im Schlamm gestorben sind.

Seit 35 Jahren lebt die gebürtige Stuttgarterin Brigitte Evans wenige Kilometer von dem Erdrutschgebiet im US-Staat Washington entfernt, in der kleinen Ortschaft Darrington. "Es ist furchtbar. Jeder im Dorf kennt Menschen, die noch vermisst werden", erzählte die 68-Jährige am Dienstag der Nachrichtenagentur dpa am Telefon. "Es werden immer mehr Leichen gefunden".

Der Truck ihres Handwerkers sei in der Schlammlawine gefunden worden, von dem Mann keine Spur. "Wir sind eine starke Gemeinde, aber keiner kann richtig begreifen, was passiert ist", sagt Evans.

"Die Leute sind sprachlos", pflichtet Elisabeth Clark bei. Mit ihrem Mann, einem US-Soldaten, zog sie 1951 von Bayern in die USA. Seit 1976 lebt die heute 87-jährige Witwe in dem 1400-Seelen-Dorf.
"Da gab es keine Warnung und in wenigen Sekunden war alles weg". Clark befürchtet, dass viele Opfer unter der dicken Schlammschicht nicht mehr zu finden sind.

Kein Telefon, kein Internet

Bis Montag war das ehemalige Holzfällerdorf von der Außenwelt abgeschnitten, kein Telefon, kein Internet. Ihre Tochter und ihre Schwester in Stuttgart hätten sich große Sorgen gemacht und sie beim Roten Kreuz als vermisst gemeldet, berichtet Evans. Erst jetzt habe sie ihre Familie in Deutschland beruhigen können. "Mein Mann und ich stehen wohl auf der Liste der 176 Vermissten", vermutet sie. Das müssten sie den Behörden gleich mitteilen.

Drei Tage nach dem Erdrutsch im US-Bundesstaat Washington ist die Zahl der Opfer auf 24 gestiegen. Zwei weitere Leichen seien geborgen und acht andere Tote lokalisiert worden, teilte der Feuerwehrchef von Snohomish County, Travis Hots, am Dienstagabend mit.

Die Zahl von Meldungen über mögliche Vermisste stand weiterhin bei 176. Evans schätzt, dass in dem von Schlamm und Trümmern begrabenen Ortsteil "vielleicht 50 bis 60" Menschen in ihren Häusern starben. In Darrington befinden sich alle Schulen für den ländlichen Bezirk, vor allem die Kinder seien von dem Verlust von Freunden aus dem Nachbardorf traumatisiert.

Mit eigenen Augen hat sie den Erdrutsch noch nicht gesehen. Die Behörden ließen nur Rettungsteams in die Gefahrenzone hinein. Die Stuttgarterin hat aber Verständnis für verzweifelte Familien, die auf eigene Faust nach Angehörigen suchen. "Ich habe meinen Mann gefragt, ob er nach mir suchen würde, wenn ich dort verschüttet wäre? "Darauf kannst du wetten"", habe er versichert.

"Es ist ein Paradies hier, bis es regnet"

"Es ist ein Paradies hier, bis es regnet", sagt Evans über ihre Wahlheimat am Fuße der Cascade-Berge. In den letzten Wochen habe es besonders viel geregnet. Das Flußtal sei für kleinere Erdrutsche bekannt. "Aber niemand hätte je gedacht, dass es so schlimm kommen könnte".

(dpa)