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Coronavirus: Notstand in Spanien - Flucht aus dem Urlaubsparadies

Corona-Krise : Flucht aus dem spanischen Urlaubsparadies

Es sollten entspannte Ferien in Andalusien werden. Doch die Corona-Pandemie sorgt für große Anspannung: Ab Montagfrüh gilt eine landesweite Ausgangssperre in Spanien. Wir Urlauber sitzen auf gepackten Koffern. Ein Erfahrungsbericht.

Atlantikwellen und Mittelmeerküste, Natur und Ruhe, Tapas und Rioja - und vor allem viel Sonne. Auf unseren Urlaub in Andalusien haben wir uns sehr gefreut. Aber diesmal ist alles anders als sonst. Beim Abflug Ende Februar kennen wir natürlich die Nachrichtenlage, aber wir machen uns wegen Corona noch keine allzu großen Sorgen. Wird alles heißer gekocht als gegessen, sagen wir uns. Das Virus hatte Europa zwar schon erreicht, doch war es Ende Februar noch überwiegend auf Italien begrenzt. Spanien schien weitgehend verschont. In der Warteschlange zum Koffer-Aufgeben werden nur ein paar zynische Witze über Covid-19 gerissen.

Die entspannte Situation ändert sich schnell. Unsere erste Unterkunft ist noch ganz gut besucht, die zweite schon nicht mehr. Wir verbringen Tage an der Atlantikküste. Der Strand ist zu dieser Jahreszeit besonders leer, die meisten Restaurants noch geschlossen. Doch jetzt wirkt die Gegend noch verlassener als sonst im Frühling. Urlauber haben sich kaum hierher verirrt.

Wir schauen häufiger ins Netz als sonst im Urlaub. Entspannung sieht anders aus. In Madrid, Spaniens Hauptstadt, steigen die Corona-Fälle plötzlich exponentiell an. Auch im Baskenland und anderen nördlichen Regionen Spaniens häufen sich die Infektionen. Die spanische Regierung beschließt jetzt täglich drastischere Maßnahmen. Schulen bleiben geschlossen. Gerüchte gehen unter den Urlaubern um, dass bald Madrid abgeriegelt werde. Wir klammern uns an die Hoffnung, dass Covid-19 Andalusien weiter verschont. Doch die Überlegung, ob wir diesen Urlaub vorzeitig beenden sollten, lässt sich von jetzt an nicht mehr verdrängen.

Wir wechseln den Ort und fahren an die Mittelmeerküste in das Naturschutzgebiet von Cabo de Gata. Auch hier ist jetzt fast niemand. Der Chef der dortigen Unterkunft ruft vor unserer Ankunft mehrmals an, um sich zu vergewissern, ob wir auch wirklich kommen. Ihm sind bereits zwei Drittel der März-Buchungen, die sonst üblich sind, verloren gegangen. Statt 150 zählt er nur 50 Übernachtungen, wenn es hoch kommt.

Die Lage scheint sich stündlich zu verschärfen. Hier Ruhe und Frieden, im Internet Aufregung und Nervosität. Madrid wird nun tatsächlich abgeriegelt, die Bewegungsfreiheit in der Hauptstadtregion stark eingeschränkt. Zwei kanadische Gäste, die einzigen außer uns, beschließen, Europa so schnell wie möglich zu verlassen. Ihre Wanderreise verfällt zur Hälfte. Wir schauen nun ständig nervös in unsere E-Mails, ob unser Flieger zurück auch wirklich wie geplant am Montag fliegen wird. Der Flug bleibt bestätigt. Doch wir fühlen uns wie die letzten Mohikaner.

Dann zündet Madrid die nächste Eskalationsstufe: Die Regierung verhängt eine landesweite Ausgangssperre ab Montag, 8 Uhr. Wir überlegen fieberhaft, was das für uns bedeutet. Wir haben Glück: Unser Flugzeug soll Andalusien am Montagmittag verlassen, gerade noch rechtzeitig. Umbuchen müssen wir nicht, doch wie kommen wir zum Flughafen, ohne von der Polizei gestoppt zu werden? Wir beschließen, schon am Sonntag in die Nähe des Flughafens zu fahren und eine Nacht in einem Airporthotel bis zum ersehnten Abflug auszuharren.

Wir buchen das letzte verfügbare Zimmer in einem Hotel nahe des Flughafens. Kommen wir von dort problemlos zum Airport, auch wenn die Ausgangssperre bereits gilt? Wir rufen das Hotel an. Die freundliche Dame erklärt, es wäre weiterhin möglich, mit dem Taxi zu fahren. Verboten seien nur alle außerhäuslichen Freizeitaktivitäten. Wer zur Arbeit, zum Einkaufen von Lebensmitteln draußen sei, dürfe das weiterhin. Wir fragen uns, ob die Anreise zur Abreise eine erlaubte Außen-Tätigkeit ist. Wir setzen darauf, dass Spanien alle Touristen ausreisen lassen möchte, weil es sich nicht auch noch um sie in dieser Krise kümmern kann.

Der Hotelier in Cabo de Gata erzählt uns von weiteren Stornierungen. Die Strände würden gerade abgeriegelt. Auch der gesamte Naturschutzpark für alle Einfahrenden. Man habe Angst vor Menschen, die aus Madrid in den Süden flüchten wollten, um den dortigen Beschränkungen zu entgehen. Am Abend fährt ein Polizeiauto durch das Dorf und verkündet per Lautsprecher, dass von Montag an Ausgangssperre herrsche.

Nur ein britisches Paar, beide pensioniert, hat sich noch zu uns gewagt. Wenn sie nicht ausreisen könnten und hier festsäßen in den nächsten Wochen, wäre es auch nicht so schlimm, meint die Schottin. Denn nirgends sei sie vor Corona sicherer als hier.

Die Flugpreise sind bereits drastisch gestiegen, sehen wir im Netz, die Nachfrage anderer Urlaubsrückkehrer scheint sprunghaft gestiegen zu sein. Uns bleibt jetzt nur darauf zu hoffen, dass wir am Montag wie geplant zurück nach Deutschland fliegen. Anderen deutschen Touristen geht es genauso, sie sitzen auf gepackten Koffern, lesen wir im Netz.

Fest steht: Dieser Urlaub ist einer, wir wir ihn noch nie erlebt haben und hoffentlich auch nicht wieder erleben werden. Was bleibt: Das schöne Andalusien. Es ist wieder eine Reise wert, wenn dieser Spuk endlich vorbei ist.