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Coronavirus Italien: Gesundheitssystem kollabiert - 1600 Ärzte und Pfleger infiziert

Italiens Gesundheitssystem kollabiert : 1600 Ärzte und Pfleger sind selbst infiziert

Italien ist hart von der Corona-Krise getroffen. Das Gesundheitssytem wird der Zahl der Infizierten kaum Herr. Teilweise müssen Ärzte eine Auswahl treffen, wem eine Behandlung gewährt wird. Dabei sind mehr als 1600 Ärzte und Pfleger selbst infiziert.

Im Kampf gegen den Tod gibt es jeden Tag um 13 Uhr eine Pause. Zu dieser Zeit telefonieren Ärzte auf der Intensivstation der italienischen Poliklinik San Donato mit den Angehörigen der 25 schwerkranken Coronavirus-Patienten auf der Station, um diese auf den neusten Stand zu bringen. Vor dem Ausbruch der Epidemie war die Mittagszeit für Besuche in diesem Mailänder Krankenhaus vorgesehen. Aber nun sind sie nicht mehr erlaubt und kaum jemand in Italien verlässt noch seine Wohnung. Kein Land in Europa ist stärker von dem Virus betroffen: Mehr als 2100 Menschen sind hier bereits daran gestorben, knapp 28.000 infiziert. Die Vorschriften zur Eindämmung der Epidemie sind rigoros: Ganz Italien wurde jüngst für zwei Wochen unter Quarantäne gestellt, Schulen, Büros und Geschäfte wurden geschlossen. Doch steigt die Zahl der Erkrankten und Toten weiter. Ärzte sprechen von der größten medizinischen Krise seit dem zweiten Weltkrieg.

Wenn die Ärzte bei den Angehörigen ihrer Patienten anrufen, versuchen sie, ihnen keine falschen Hoffnungen zu machen. Sie wissen, dass wohl jeder zweite Patient auf der Intensivstation an dem Virus sterben wird. Der Bedarf an Plätzen dort ist groß, insbesondere wegen der Atemprobleme, die die Krankheit mit sich bringen kann. Jedes Mal, wenn ein Bett frei wird, konsultieren zwei Anästhesisten einen Spezialisten für Wiederbelebung und einen Internisten, um zu entscheiden, wer nun dorthin kommt. Alter und Vorerkrankungen spielen dabei eine Rolle, ebenso wie das soziale Umfeld. "Wir müssen berücksichtigen, ob ältere Patienten Familien haben, die sich nach Verlassen der Intensivstation um sie kümmern können,", sagt Marco Resta, stellvertretender Leiter der Intensivstation von San Donato. Selbst wenn es keine Chance gebe, "muss man einem Patienten ins Gesicht schauen und sagen: Alles ist gut. Und diese Lüge zerstört dich."

Die medizinische Krise zwingt Ärzte, Patienten und Familien zu Entscheidungen, die Resta, wie er sagt, selbst in Kriegszeiten nicht erlebt hat. Der Mediziner war Militärarzt während des Kosovo-Krieges, wo er im Luftrettungsteam diente und Patienten von Albanien nach Italien flog. Immer wenn ein neuer Patient mit Coronavirus in seinen Krankenhaus aufgenommen wird, schreiben die Mitarbeiter eine E-Mail an die Angehörigen, um ihnen zu versichern, dass dieser "wie ein Familienmitglied" behandelt wird. Die Klinik versucht zudem, bei dem Anruf um 13 Uhr Videoschalten zwischen Patienten und Angehörigen zu ermöglichen. Oft ist aber ein Arzt die letzte Person, die einen sterbenden Covid-19-Patienten sieht - und nicht ein Familienmitglied.

Die Epidemie, die zuerst die nördlichen Regionen der Lombardei und Venetiens traf, setzt die Intensivstationen der dortigen Krankenhäuser einer enormen Belastung aus. Binnen drei Wochen benötigten 1135 Menschen in der Lombardei einen Intensiv-Platz, aber es gibt es laut Giacomo Grasselli - Leiter der Intensivstation der von San Donato getrennten Mailänder Poliklinik - nur 800 solcher Betten.

Angesichts der hohen Fallzahlen müssen die Ärzte häufiger und schneller urteilen, wer höhere Überlebenschancen hat. Eine Entscheidung, die Ärzte vor ein Dilemma stellt - besonders in einem katholischen Land wie Italien, in dem Sterbehilfe nicht erlaubt ist, und das die älteste Bevölkerung in Europa hat: fast jede vierte Person ist 65 Jahre oder älter. "Wir sind an solch drastische Entscheidungen nicht gewöhnt", sagt Resta, ein 48-jähriger Anästhesist.

Alfredo Visioli war einer dieser Patienten. Als bei ihm das Virus diagnostiziert wurde, lebte der 83-Jährige aus Cremona ein aktives Leben zu Hause mit seinem deutschen Schäferhund Holaf. Er kümmerte sich um seine 79-jährige Frau, die vor zwei Jahren einen Schlaganfall erlitten hatte, berichtet seine Enkelin Marta Manfredi. Zunächst hatte er nur zeitweise Fieber, aber zwei Wochen nach der Diagnose Covid-19 entwickelte er eine Lungenfibrose, die das Atmen immer schwieriger machte. Die Ärzte im Krankenhaus von Cremona, einer Stadt mit 73.000 Einwohnern in der Lombardei, mussten sich entscheiden, ob sie ihm einen Schlauch in die Luftröhre einführen sollten, um ihm das Atmen zu erleichtern. "Sie sagten, es sei sinnlos", sagt Manfredi. Sie hätte gern kurz vor seinem Tod die Hand ihres Großvaters gehalten. Nun sorgt Manfredi sich um ihre Großmutter Ileana, die sich ebenfalls angesteckt hat und im Krankenhaus ist. Sie weiß noch nicht, dass ihr Mann Alfredo tot ist.

Grasselli, der sämtliche staatlichen Intensivstationen in der Lombardei koordiniert, geht davon aus, dass bisher alle Patienten mit einer begründeten Chance, sich zu erholen und mit einer akzeptablen Qualität weiter zu leben, behandelt wurden. Aber er betont, dass dieses Konzept unter Druck steht. "Vorher hätten wir bei einigen Leuten gesagt: Lass uns ihnen für einige Tage eine Chance geben. Jetzt müssen wir da strenger sein."

Stefano Bollani möchte einfach nur in die Arme seiner Frau. Der 55-Jährige liegt in der Klinik San Donato, wo er nach einer Ansteckung mit dem Virus wegen Lungenentzündung behandelt wird. Seine Frau Tiziana Salvi hat er seit zwei Wochen nicht mehr gesehen. Damals hat sie ihn vor dem Krankenhaus abgesetzt. "Bring mich weg von hier. Lass mich zu Hause sterben", schreibt er ihr nun. "Ich will dich noch einmal sehen."

(felt/Reuters)