1. Panorama
  2. Ausland

„Capital Gazette“ aus Annapolis: US-Zeitung erscheint am Tag nach tödlichem Angriff

„Capital Gazette“ aus Annapolis : US-Zeitung erscheint am Tag nach tödlichem Angriff

Ein Kugelhagel trifft die Lokalredaktion einer US-Zeitung in Annapolis. Fünf Menschen sterben. Der mutmaßliche Täter ist offenbar ein rachsüchtiger Leser. Trotz der schlimmen Ereignisse findet die Redaktion die Kraft, am Tag danach eine Zeitung zu veröffentlichen und über das Geschehene zu berichten.

Einen Tag nach dem Angriff auf eine US-Lokalzeitung haben trauernde Journalisten ihrer getöteten Kollegen in der neuen Ausgabe ihres Blattes gedacht. „Wir sind untröstlich, am Boden zerstört. Unsere Kollegen und Freunde sind weg“, schrieb der Herausgeber der „Capital Gazette“, Rick Hutzell, auf der Titelseite, die das Blatt am Freitag vorab über Twitter veröffentlichte.

„Heute sind wir sprachlos“, heißt es in dem ebenfalls über Twitter verbreiteten Leitartikel. „Diese Seite wird heute absichtlich leer gelassen, um der Opfer zu gedenken.“ Es folgen die Namen der Getöteten.

In der Redaktion der „Capital Gazette“ in Annapolis bei Washington hatte ein 38-Jähriger am Donnerstagnachmittag (Ortszeit) fünf Menschen erschossen. Unter den Opfern sind zwei Frauen - eine Verkaufsassistentin, die erst seit kurzem bei dem Blatt arbeitete, sowie eine Lokalreporterin und Kolumnistin. Getötet wurden auch ein langjähriger Sportjournalist, ein Leitartikel-Autor und der stellvertretende Chefredakteur. Zwei Menschen erlitten Verletzungen.

„Das sind die Leute, die zu Sitzungen des Stadtrats kommen, langweiligen Politikern zuhören und dasitzen müssen. Sie verdienen nicht viel Geld. Es ist einfach unmoralisch, dass ihr Leben in Gefahr ist“, sagte der Bürgermeister von Annapolis, Gavin Buckley, am Freitag.

Am Freitag wurden gegen den mutmaßlichen Schützen Ermittlungen wegen Mordes eingeleitet. Bei dem mutmaßlichen Täter handelt es sich um einen weißen Mann Ende 30. Jarrod Warren R. versuchte offenbar seine Identifizierung durch die Polizei zu verhindern, indem er sich die Finger verstümmelte, wie Ermittler bekanntgaben. Trotz der Aktion habe der Verdächtige aber dank einer Technologie zur Gesichtserkennung identifiziert werden können. Die Waffe soll er legal erworben haben. Das sagte Polizeichef Timothy Altomare am Freitag auf einer Pressekonferenz. Bei der Waffe handelt es sich demnach um eine Flinte.

In Gerichtsakten wurde er nach seiner Festnahme als widerspenstig beschrieben. Ermittler erklärten, er verhalte sich nicht kooperativ. Sein Motiv blieb zunächst unklar. R. hatte die Zeitung 2012 wegen Diffamierung verklagt, ein Richter die Klage aber abgewiesen.

Polizeisprecher Ryan Frashure sagte, Einsatzkräfte seien innerhalb von 60 Sekunden am Tatort gewesen und hätten den mutmaßlichen Schützen festgesetzt. Zu einem Schusswechsel sei es nicht gekommen. Zudem sei ein mutmaßlicher Sprengkörper im Gebäude der „Capital Gazette“ sichergestellt worden. Außerdem hatte der Mann laut Polizei Rauchgrananten dabei. Ermittler durchsuchten am Freitag das Wohngebäude in Laurel, in dem er lebte.

Polizeireporter twittert über die Schießerei

„Diese Person war darauf aus, reinzukommen und Leute zu erschießen“, sagte der Polizeichef des Bezirks Anne Arundel County, Bill Krampf, über den Verdächtigen. Bei den Toten handelt es sich um vier Journalisten und eine kaufmännische Mitarbeiterin. Zwei weitere Mitarbeiter wurden nach Angaben der Zeitung verletzt.

Der Redakteur Phil Davis, der für die „Capital Gazette“ aus dem Gerichtssaal und über Kriminalität berichtet, twitterte, nichts sei schockierender, als zu hören, wie mehrere Menschen angeschossen würden, während man sich unter seinem Schreibtisch verstecke und dann höre, dass der Bewaffnete nachlade.

„Ich bin ein Polizeireporter. Ich schreibe über diese Sachen - nicht unbedingt in diesem Ausmaß, aber über Schießereien und Tod, dauernd“, sagte er später in einem Interview auf der Online-Seite der Zeitung. „Aber so sehr ich auch versuche, zu beschreiben, wie traumatisierend es ist, sich unter dem Schreibtisch zu verstecken: Man weiß es nicht, bis man selbst da ist und sich hilflos fühlt.“

Trump kondoliert den Opfer-Familien

US-Präsident Donald Trump wurde über den Zwischenfall informiert. Eine Sprecherin des Weißen Hauses bekundete, Gedanken und Gebeten seien bei den Betroffenen. Wenig später äußerte sich Trump via Twitter selbst. Im Gebet denke er an die Opfer und deren Familien. Er bedankte sich bei allen Ersthelfern.

Über Monate hinweg hatte es zuletzt Verbalattacken von Trump und anderen Politikern auf die Medien gegeben, die von ihnen als „Fake News“ bezeichnet wurden. In einer Reaktion auf die Geschehnisse in Annapolis verschärfte die New Yorker Polizei die Sicherheitsvorkehrungen in Medienhäusern der Metropole. Im Weißen Haus sagte Regierungssprecherin Lindsay Walters: „Es gibt keinen Platz für Gewalt, und dabei bleiben wir.

Die „Capital Gazette“ zählt zu den ältesten Tageszeitungen in den USA. Sie ist das Lokalblatt für die Region und gehört zur Gruppe der „Baltimore Sun“. Annapolis hat 40.000 Einwohner und ist die Hauptstadt des Bundesstaates Maryland. Das Städtchen ist wegen seiner Lage an der Chesapeake Bay und seiner historischen Innenstadt aus dem 18. Jahrhundert bei Touristen beliebt.

(heif/csr/dpa/ap)