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Calais: 31 Geflüchtete ertrinken im Ärmelkanal zwischen Frankreich und England

„Das Drama bahnte sich an“ : 31 Geflüchtete ertrinken im Ärmelkanal

Beim Versuch, den Ärmelkanal in Richtung Großbritannien mit einem Schlauchboot zu überqueren, sind 31 Menschen ums Leben gekommen. Boris Johnson beruft eine Krisensitzung ein.

Ein Fischer machte den grausigen Fund am Nachmittag: Er entdeckte vor der Küste der französischen Hafenstadt Calais mehr als ein Dutzend Leichen, die im Wasser trieben. Der Fernsehsender BFMTV berichtete von 31 Ertrunkenen, die offenbar versucht hatten, mit einem Schlauchboot den Ärmelkanal Richtung Großbritannien zu überqueren. Darunter befanden sich fünf Frauen und ein kleines Mädchen, teilte Frankreichs Innenminister Gérald Darmanin am Mittwochabend in Calais mit. Zwei weitere Menschen, die sich auf dem Boot befanden, wurden demnach gerettet.

Premierminister Jean Castex sprach ihm Kurznachrichtendienst Twitter von einer Tragödie. „Meine Gedanken sind bei den zahlreichen Vermissten und Verletzten, Opfern krimineller Schlepper, die ihre Misere ausnutzen.“ Innenminister Gérald Darmanin wollte noch am Abend nach Calais fahren, wo drei Hubschrauber und drei Schiffe nach Leichen oder Überlebenden suchten.

Das Unglück war absehbar angesichts der hohen Zahlen von Geflüchteten, die dieses Jahr bereits mit kaum seetauglichen Booten die Meerenge zwischen Calais und Dover überquerten. Mehr als 30.000 versuchten die Überfahrt, rund 7000 von ihnen fing die französischen Küstenwache ab. Der Rest erreichte Großbritannien. „Man sah, dass sich ein unnormaler Druck aufbaute und das Drama sich anbahnte“, reagierte die Bürgermeisterin von Calais, Natacha Bouchart, im Fernsehen. Sie forderte mehr Mittel gegen die Schlepper, die mehrere tausend Euro für eine Überfahrt nehmen.

Derzeit halten sich laut Hilfsorganisationen mehr als tausend Geflüchtete in Calais auf. Aktivisten wie Ludovic Holbein und Anaïs Vogel, die sich mit einem 37-tägigen Hungerstreik für eine bessere Behandlung der in Calais gestrandeten Menschen einsetzten, kritisieren die Behandlung der Geflüchteten durch die Polizei. Seit Jahren ist Calais ein Synonym für das Flüchtingselend. Vor fünf Jahren ließ der sozialistische Innenminister Bernard Cazeneuve deshalb den „Dschungel“ räumen, ein wildes Lager, in dem bis zu 10.000 Menschen lebten. Bilder der Geflüchteten, die unter armseligen Planen im Schlamm schliefen, gingen um die Welt. Im Herbst 2016 wurden die Menschen aus Sudan, Eritrea oder Syrien dann mit Bussen in andere Unterkünfte überall im Land gebracht. Doch Calais und das rund 40 Kilometer entfernte Grande-Synthe haben dadurch nichts von ihrer Anziehungskraft verloren. Die Geflüchteten wollen von dort aus weiterhin nach Großbritannien, wo sie Verwandte haben oder auf eine schnelle Arbeit hoffen.

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Die Verantwortung für die Situation am Ärmelkanal schieben sich Großbritannien und Frankreich gegenseitig zu. London hatte erst im Sommer mehr als 60 Millionen Euro zusätzlich für Grenzanlagen und Polizeikontrollen für die französische Seite zugesagt, die die britische Grenze am Ärmelkanal kontrolliert. Doch die britische Regierung wirft Frankreich vor, den Küstenstreifen nicht genug zu überwachen. Nach dem Untergang des Schlauchbootes berief Premierminister Boris Johnson laut der Nachrichtenagentur AFP eine Krisensitzung ein.

Der Hafen von Calais, von dem aus viele Geflüchtete in Lastwagen versuchten, den Kanal zu überqueren, wurde in den vergangenen Jahren bereits zur Festung ausgebaut. Deshalb versuchen viele nun, mit Schlauchbooten die rund 30 Kilometer breite Meerenge zu überqueren. Die Sportartikelkette Decathlon nahm vor gut einer Woche in vier Städten am Ärmelkanal ihre aufblasbaren Kajaks aus dem Sortiment, nachdem mehrere Männer versucht hatten, damit über das Meer zu rudern. An manchen Tagen wagen mehr als tausend Menschen die gefährliche Überfahrt. In vergangenen Jahr starben dadurch sechs Menschen, 2019 waren es drei.