„Symbol des Anthropozäns“ Forscher entdecken bizarre Plastik-Felsen auf einsamer Insel

Rio · Auf der einsamen brasilianischen Insel Trindade entdeckte eine Geologin seltsam blau-grün schimmernde Felsen. Im Labor stellten sich die Formationen als ein neues geologisches Phänomen heraus. Warum der Fund so ungewöhnlich ist.

Die bizarren Plastik-Felsen von Trindade
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Die bizarren Plastik-Felsen von Trindade

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Foto: AFP/RODRIGO FONSECA

Auf der einsamen brasilianischen Insel Trindade mitten im Atlantik hat das Wort Plastikberge eine ganz neue Bedeutung erhalten: Obwohl nur Forscher und das brasilianische Militär Zugang zu der unbewohnten Insel haben, wurde dort so viel Plastikmüll angeschwemmt, dass er sich mit den vorhandenen Steinen zu bizarren Felsformationen verband. Inzwischen haben sie sogar eigene Namen.

Entdeckt hatte diese sogenannte Plastikkrusten die brasilianische Geologin Fernanda Avelar Santos. Als sie im Jahr 2019 nach Trindade kam, um für ihre Doktorarbeit über Erdrutsche, Erosion und andere geologische Risiken zu forschen, sah sie beim Spaziergang am Schildkrötenstrand seltsam blau-grün schimmernden Felsen. Sie nahm einige Proben mit und untersuchte sie.

Im Labor stellten sich die Felsformationen als ein neues geologisches Phänomen heraus: Die Mineralien der Felsen, die über Millionen Jahre entstanden sind, haben sich mit vom Meer angespültem Plastik verklumpt. Die meisten der Plastikorganismen aus den Steinen stammten von Fischernetzen - einige aber auch von Plastikflaschen und anderem Hausmüll, die von der Meeresströmung angespült worden waren.

 Die Geologin Fernanda Avelar im Labor.

Die Geologin Fernanda Avelar im Labor.

Foto: AFP/RODRIGO FONSECA

Seither sind Plastikkrusten für Fernanda Avelar Santos zum Schwerpunkt ihrer Forschung geworden. Sie sieht in ihnen einen eindeutigen Beweis, dass der Eingriff des Menschen in die Natur auch vor isolierten tropischen Paradiesen keinen Halt macht.

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Foto: RTL/Bernd-Michael Maurer

Trindade liegt etwa 1.200 Kilometer von der Küste Brasiliens entfernt, die Schiffsreise dorthin dorthin dauert drei bis vier Tage. Die Vulkaninsel ist Heimat seltener Seevögel, Fische und Krabbenarten. Dort befindet sich auch die größte Brutstätte der Welt für die vom Aussterben bedrohten Grüne Meeresschildkröte.

Die Plastikfelsen lassen für sie und ihr Team nur einen Schluss zu, sagt die brasilianische Geologin der Nachrichtenagentur AFP: „Dass Menschen jetzt in geologische Prozesse wie etwa die Entstehung von Felsen eingreifen, die früher vollkommen natürlich abgelaufen sind“. Diese Plastikfelsen werden „als Symbol des Anthropozäns“ in die Geschichte eingehen - also als Symbol einer geologischen Ära, die vom Menschen bestimmt ist, fügt sie hinzu.

Plastikkrusten sind seit 2014 bereits auf Hawaii, in Großbritannien, Italien und Japan gefunden worden - aber noch nie waren sie so weit entfernt von menschlicher Besiedlung wie auf Trindade. Ihre Entdeckung in ihrem „Paradies“ für Flora und Fauna habe sie sehr „aufgewühlt“, sagt die junge Forscherin.

Im vergangenen September hatten sie und ihre Kollegen einen Artikel zu dem Thema in der Zeitschrift „Marine Pollution Bulletin“ veröffentlicht. Darin unterteilen sie die neuartigen Felsformationen in verschiedene Typen: Plastiglomerate, die Sedimentgestein entsprechen; Pyroplastik und damit Klumpen aus verbranntem Plastik, die auf den ersten Blick wie Kieselsteine aussehen; sowie Plastiksteine (plastistones), die wie Lavagestein anmuten.

„Die Meeresverschmutzung führt zu einem Paradigmenwechsel bei der Vorstellung, wie Gesteine und Sedimentablagerungen entstehen“, heißt es in dem Artikel. „Menschliche Eingriffe sind jetzt so allgegenwärtig, dass man sich fragen muss, was noch wirklich natürlich ist.“

Trindade sei „der unberührteste Ort“, den sie kenne, sagt Avelar Santos. Sie befürchtet, dass durch Erosion Mikro-Organismen aus Plastik zurück in den Ozean gelangen und so die Nahrungskette der Insel verseuchen könnten. Zu sehen, wie anfällig selbst diese abgeschiedene Insel mitten im Atlantik für die „Verschmutzung unserer Meere“ sei, zeige das ganze Ausmaß dieses Problems weltweit.

(csi/AFP)