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Boko-Haram-Geiseln: Zwangsheirat, Steinigungen, zum Kampf gezwungen

Was die befreiten Boko-Haram-Geiseln berichten : Zwangsheirat, Steinigungen, zum Kampf gezwungen

Ihre Gesichter sind hager, ihre Bäuche aufgebläht, ihre Haare schimmern orange – alles Zeichen der Unterernährung. Am Wochenende kamen 275 der fast 700 Frauen und Mädchen, die das nigerianische Militär aus den Händen von Boko Haram befreit hat, in einem Flüchtlingslager nahe Yola an. Viele wirken verstört und traumatisiert, die meisten können die Wendung ihres Schicksals noch gar nicht fassen.

Ihre Gesichter sind hager, ihre Bäuche aufgebläht, ihre Haare schimmern orange — alles Zeichen der Unterernährung. Am Wochenende kamen 275 der fast 700 Frauen und Mädchen, die das nigerianische Militär aus den Händen von Boko Haram befreit hat, in einem Flüchtlingslager nahe Yola an. Viele wirken verstört und traumatisiert, die meisten können die Wendung ihres Schicksals noch gar nicht fassen.

Was den Mädchen und Frauen in der Gewalt der Extremisten geschah, ist bisher nur zu erahnen. Viele stellten sich nach Ankunft in dem Camp Malkohi am Samstagabend erschöpft und niedergeschlagen an, um Tee, Wasser und einen Eintopf aus Baobab-Blättern zu bekommen. Für Fragen nach ihrem Schicksal war die Zeit noch nicht gekommen.

Die Beamten, die das Camp verwalten, hörten bisher heraus, dass unter den Befreiten wohl keines der mehr als 200 Mädchen ist, die im April 2014 aus einer Schule in Chibok verschleppt worden waren. Ihre Entführung hatte weltweite Proteste ausgelöst. Vielmehr stammten die meisten der 61 Frauen und 214 Kinder — die meisten von ihnen Mädchen — aus dem Dort Gumsuri nahe Chibok, sagte Zakari Abubakar, der Leiter des Camps der Nationalen Katastrophenschutzagentur. Gumsuri hatten die Extremisten 2014 mehrfach überfallen.

Erfolge mithilfe der Nachbarstaaten

Die Befreiung der fast 700 Frauen und Mädchen ist ein Erfolg des Militärs nach vielen Rückschlägen im Kampf gegen Boko Haram. Das Versagen beim Krisenmanagement nach der Massenentführung von Chibok hatte mit zur Wahlniederlage von Präsident Goodluck Jonathan Ende März geführt. Am 29. Mai scheidet er aus dem Amt. Seinem Nachfolger Muhammadu Buhari will er "ein Nigeria komplett frei von terroristischen Hochburgen" übergeben, wie Jonathan selbst sagt.

Die Erfolge im Kampf gegen Boko Haram hat Nigeria nicht zuletzt der Hilfe von Nachbarstaaten wie dem Tschad oder Kamerun zu verdanken. Diese sehen sich ebenfalls zunehmend der Gewalt der Terrorgruppe ausgesetzt, die im Nordosten Nigerias einen islamischen Gottesstaat schaffen will.

Zudem bekam das Militär in den vergangenen neun Wochen neue Waffen, darunter auch Kampfhubschrauber, und kann sich nun offenbar besser den Rebellen entgegenstellen. Oft genug waren Soldaten vor Boko Haram geflohen, weil sie sich nicht gerüstet fühlten für einen Kampf. Der Sambisa-Wald gilt jetzt als Rückzugsgebiet der Rebellen, die seit 2009 für ein Kalifat kämpfen. In dem Waldgebiet setzt das Militär seine Offensive fort, um alle Geiseln zu befreien und alle Stützpunkte der Extremisten zu vernichten.

Füße auf gigantisches Maß angeschwollen

"Boko Haram hat den Vater dieses Kindes getötet", sagte Lami Musa und hält bei Temperaturen von 40 Grad Celsius ihr vier Tage altes, schwarzgelocktes, verschwitztes Töchterchen im Flüchtlingscamp hoch. Sie habe noch drei andere Kinder, sagte die 27-Jährige unter Tränen. "Aber ich weiß nicht, wo sie sind." Bei einem Überfall auf ihr Dorf Lassa hätten die Extremisten ihren Mann getötet und sie verschleppt.

Ihr jüngstes Kind kam zur Welt einen Tag, bevor die befreiten Frauen und Mädchen unter dem Schutz des Militärs die beschwerliche Reise im Laderaum klappriger Lastwagen antraten. Militärfahrzeuge eskortierten die Kolonne. Ein Wagen fuhr dabei auf eine Landmine, zwei Soldaten wurden verletzt, wie ein Augenzeuge berichtete. Soldaten seien nach diesem Vorfall den Lastwagen zu Fuß vorangegangen, um die Straße nach weiteren Minen abzusuchen. Deshalb habe die Reise nach Yola drei lange Tage gedauert.

Bei ihrer Ankunft im Camp konnte Musa zunächst kaum laufen, ihre Füße waren auf ein gigantisches Maß angeschwollen. Sie habe keine Milch in ihrer Brust, um das noch namenlose Neugeborene zu ernähren, klagte die junge Frau. Zusammen mit Dutzenden anderer Mädchen und Frauen aus der Gruppe kam sie als erstes in das Krankenhaus des Flüchtlingslagers. Der dortige Arzt schickte 22 gleich weiter zur Behandlung in ein Hospital in der Stadt.

Auch Frauen starben bei den Gefechten

Mit der psychologischen Betreuung solle nun die Rehabilitation der Frauen und Mädchen beginnen, sagte Air Commodore Charles Otegbade, der für Rettung zuständige Abteilungsleiter der Katastrophenschutzbehörde. Viele der Befreiten dürften den Extremisten von Boko Haram als Sexsklavinnen gedient haben. Oder sie wurden zwangsverheiratet.

Einige scheinen aber auch zum Kämpfen an der Seite der Islamisten gezwungen worden zu sein. Nigerianische Soldaten waren geschockt, dass einige der Frauen das Feuer auf sie eröffneten, als das Militär sie in der vergangenen Woche in dem Dorf Nbita befreien wollte. Ein Militärangehöriger berichtete, die Frauen hätten sieben Soldaten getötet. Offenbar während der Gefechte starben seinen Worten zufolge auch zwölf Frauen. Nigerianische Medien berichten, dass mehrere Frauen zu Tode gesteinigt worden seien, als das Militär auf die Lager vorrückte. Männliche Geiseln wurden demnach vor den Augen ihrer Familie ermordet.

Nach Einschätzung von Fachleuten indoktrinieren die Islamisten ihre Geiseln und ziehen sie auf ihre Seite, sogar nach erzwungenen Hochzeiten. Nach Schätzung von Amnesty International brachten die Extremisten bei ihrem Vormarsch 2014 mindestens 2000 Frauen und Mädchen in ihre Gewalt gebracht. Mehr als 10.000 Menschen starben. Rund 1,5 Millionen Einwohner mussten fliehen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Befreite Boko-Haram-Geiseln im Flüchtlingslager Yola

(ap)