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Bidens Redseligkeit und Europas Schwäche

Ukraine-Krise : Bidens Redseligkeit und Europas Schwäche

In der Ukraine-Krise treten zwei Probleme zutage. Zum einen Joe Bidens Redseligkeit, zum anderen die strategische Schwäche Europas. Letztere ist das eigentliche Problem.

Joe Biden hat mit seinem Fauxpas zur Ukraine-Krise gewiss keine Geheimnisse an Moskau verraten. Wladimir Putin weiß längst, dass es innerhalb der Nato unterschiedliche Sensibilitäten gibt. Während die ehemaligen Staaten aus dem Sowjetblock entschieden auf jede Aggression in der Ukraine reagieren wollen, denken die Deutschen daran, dass jeder zweite Kubikmeter Gas aus Russland kommt. Der US-Präsident reflektierte das in seiner unglücklichen Unterscheidung zwischen möglichen Reaktionen des Westens auf eine „geringfügige“ Invasion und einen Einmarsch auf breiter Front. In der Sache spricht Biden damit das Offensichtliche aus. Putin hat seine Truppen nicht erst seit gestern an der Grenze zur Ukraine zusammengezogen. Er hat seine Absichten nie verheimlicht: Er will die nach dem Ende der Sowjetunion verlorenen Einflusszonen wiederherstellen. Putin interessiert dabei herzlich wenig, dass die Menschen von Kasachstan über die Ukraine bis Belarus nicht fremdbestimmt werden wollen. Ihm geht es um eine neue Sicherheitsarchitektur.

Das viel größere Problem als Bidens Redseligkeit bleibt die strategische Schwäche Europas. Der französische Präsident Emmanuel Macron hat im Prinzip recht, wenn er auf eine eigenständige Rolle des Kontinents pocht. Aber solange für die Sicherheit in Europa die US-Streitkräfte herhalten müssen, klafft eine riesige Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Putin wusste schon immer, dass die Amerikaner keine eigenen Truppen in die Ukraine schicken werden und die Europäer keine haben. Und dass jede andere Reaktion abgestuft sein würde. Auch nach Bidens Fauxpas muss er mit harten Sanktionen rechnen.

So unbedacht die Äußerungen des US-Präsidenten auch waren, so falsch wäre es, sie als Freifahrtschein für Putin zu interpretieren.