Lobotomien in Dänemark: Behinderte wurden am Gehirn operiert

Lobotomien in Dänemark: Behinderte wurden am Gehirn operiert

Kopenhagen (RPO). In Dänemark sind einem Historiker zufolge über Jahrzehnte geistig Behinderte am Gehirn operiert worden - und teilweise dabei gestorben. Ziel dieser so genannten Lobotomien sei es gewesen, den Zustand der Behinderten zu verbessern, sagte der Historiker Jesper Vaczy Kragh der christlichen Zeitung "Kristelig Dagbladet" vom Donnerstag. Aber das Ergebnis sei im Allgemeinen "nicht gut" gewesen. Demnach starben knapp acht Prozent der Behandelten bei dem Eingriff am Gehirn.

Die Lobotomie war bis in die 50er Jahre eine weitverbreitete Methode in der Psychiatrie, bei der bestimmte Nervenbahnen im Gehirn durchtrennt wurden. Wegen der oftmals erfolgten Persönlichkeitsänderungen ist diese Technik inzwischen so gut wie ausgestorben. Laut Kragh fanden die Operationen in Dänemark in den Jahren 1947 bis 1983 statt. Der Historiker für dänische Medizin will im kommenden Monat ein Buch zu dem Thema veröffentlichen.

Sogar an Kindern im Alter von sechs Jahren seien Lobotomien vorgenommen worden, obwohl deren Gehirn noch gar nicht vollkommen entwickelt sei, kritisierte Kragh. Die Gehirn-Operationen wurde in Dänemark 1983 verboten und bis dahin nach offiziellen Zahlen an rund 4500 Menschen in dem Land vorgenommen. Unbekannt war bislang jedoch, dass auch geistig Behinderte solchen Eingriffen unterzogen wurden. Unter Berufung auf Krankenhausunterlagen berichtete Kragh, dass mehr als 300 Behinderte auf diese Weise operiert wurden.

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Die Präsidentin des nationalen Behindertenverbandes (LEV), Sytter Kristensen, zeigte sich "tief schockiert". Sie nannte die Eingriffe einen "totalen Mangel an Respekt gegenüber dem menschlichen Leben". Sie kritisierte die Operationen an wehrlosen Menschen, ohne dass von positiven Ergebnissen ausgegangen werden habe können. Das Gesundheitsministerium kündigte Aufklärung an.

(AFP/felt)
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