Verdächtiger wieder frei Vierfachmord in französischen Alpen von 2012 bleibt weiter rätselhaft

Paris · Fast zehn Jahre nach der Ermordung einer britischen Familie in den französischen Alpen ist das Verbrechen weiter ungeklärt. Das zweitägige Verhör eines Verdächtigen hat nichts ergeben.

 Ermittler und Gendamerie stehen vor dem Wohnwagen, in dem die Familienmitglieder auf einem Campingplatz in Saint Jorioz in der Nähe von Annecy in den französischen Alpen Urlaub machten. Mehr als neun Jahre nach einem mysteriösen Vierfachmord in den französischen Alpen haben Fahnder einen Verdächtigen festgenommen.

Ermittler und Gendamerie stehen vor dem Wohnwagen, in dem die Familienmitglieder auf einem Campingplatz in Saint Jorioz in der Nähe von Annecy in den französischen Alpen Urlaub machten. Mehr als neun Jahre nach einem mysteriösen Vierfachmord in den französischen Alpen haben Fahnder einen Verdächtigen festgenommen.

Foto: dpa/Lionel Cironneau

Ein kleiner Waldparkplatz in den französischen Alpen steht für eines der spektakulärsten unaufgeklärten Verbrechen der vergangenen Jahre. Am Nachmittag des 5. September 2012 wurden in der idyllischen Gegend um Annecy innerhalb weniger Minuten drei Mitglieder einer britischen Familie und ein Radfahrer von einem Unbekannten getötet. Zwei Kinder überlebten unter dramatischen Umständen. Schon damals lenkte ein Motorradfahrer, der als einziger in der Nähe des Tatorts gesehen wurde, die Aufmerksamkeit auf sich. 2015 wurde ein Verdächtiger in Polizeigewahrsam genommen, ohne dass daraus irgendetwas folgte. Am Mittwoch und Donnerstag wurde derselbe Mann erneut von der Polizei verhört, dann allerdings wieder freigelassen.

Der Täter hatte es offensichtlich gezielt auf die britische Familie Al-Hilli abgesehen, die auf einem Campingplatz in der Nähe von Annecy Urlaub machte. Auf einem Parkplatz des Örtchens Chevaline wurden der 50-jährige Familienvater Saad al-Hilli, seine Frau und seine Schwiegermutter in ihrem BMW mit einem Kopfschuss aus derselben Pistole getötet. Die siebenjährige Tochter Zainab überlebte schwerverletzt. Die vierjährige Zeena versteckte sich stundenlang unter den Röcken ihrer toten Mutter und blieb so unverletzt. Ein weiteres Opfer des Killers war ein Radfahrer, der offenbar zufällig an dem Parkplatz vorbei kam. Ein zweiter Radfahrer entdeckte wenig später die grausige Szene.

Die Ermittlerinnen und Ermittler gingen bereits mehreren möglichen Mordmotiven nach. Zuerst einer Streitigkeit zwischen Saad al-Hilli, der in der Nähe von London lebte, und seinem Bruder Zaid um ein Familienerbe. Die Ermittlungen gegen Zaid al-Hilli, der sich nach der Tat selbst der Polizei stellte, ergaben allerdings nichts. Später sprach die Staatsanwalt von möglicher Industriespionage, die hinter dem Mord stehen könnte, denn Saad al-Hilli war ein auf Satelliten spezialisierter Ingenieur. Allerdings zeigte sich, dass die Daten, über die der gebürtige Iraker verfügte, für einen möglichen Weiterverkauf nicht besonders interessant waren.

Überlebende Tochter spricht von „einem Bösen“

Die dritte Spur führte schließlich zu dem Motorradfahrer, den zwei Forstwächter am Tatort sahen, ohne ihn festhalten zu können.  Erst gut ein Jahr nach der Tat wurde anhand ihrer Aussagen ein Phantombild erstellt, das einen bärtigen Mann mit dunklen Augen unter einem Motorradhelm zeigt. Die Bleistiftzeichnung führte zur Festnahme eines Polizisten und Waffensammlers, der zwar entlastet wurde, aber im Juni 2014 Suizid beging. 2015 wurde anhand des Phantombilds erneut ein Mann festgenommen, dessen Handydaten gezeigt hatten, dass er sich in der Nähe des Tatorts aufgehalten hatte. Im Verhör gab er an, zum Drachenfliegen in der Gegend gewesen zu sein. Allerdings konnte der Unternehmer aus dem Großraum Lyon nicht glaubwürdig erklären, warum er sich trotz des massiven Fahnungsaufrufes nicht selbst bei der Polizei gemeldet hatte. Bei einer Nachstellung des Verbrechens im September waren sowohl die beiden Forstarbeiter als auch der Verdächtige dabei. Dabei traten offenbar Fragen zu dessen Tagesablauf am 5. September 2012 auf.

Die Staatsanwältin von Annecy, Lise Bonnet, wollte am Mittwoch nicht sagen, um wen es sich bei dem festgenommenen Verdächtigen handelt. „Wir hatten bereits einen Selbstmord in diesem Fall.“ Ihr gehe es darum, die Zeitangaben des Mannes zu überprüfen. Außerdem werde sein Haus durchsucht. Der Anwalt des Festgenommenen sprach von einem „Albtraum“. Am Abend teilte er mit, dass sein Mandant freigelassen worden sei.

In der Affäre wurden bereits mehrere Verdächtige in Polizeigewahrsam genommen, ohne dass sich daraus etwas ergeben hätte. Auch die beiden Töchter, die unter anderen Namen in Großbritannien leben, wurden 2020 noch einmal verhört. 2012 hatte die schwer verletzte Zainab erklärt, sie habe nur einen Schützen gesehen, „einen Bösen“.