Albert Woodfox saß 45 Jahre lang unschuldig in einem US-Gefängnis

Justiz-Drama in den USA : Wie erträgt man 45 Jahre Einzelhaft, wenn man unschuldig ist?

Fast 45 Jahre verbrachte Albert Woodfox in der Zelle eines US-Gefängnisses in Einzelhaft – den größten Teil der Zeit für eine Tat, die er nicht begangen hatte. Das Porträt eines 72-Jährigen, der versucht, nicht verbittert zu sein.

Nur manchmal kommt die Bitterkeit hoch, ist so etwas wie Groll in Albert Woodfox‘ Stimme zu spüren. „Im Namen des Volkes!“, sagt er und wird laut, ungewöhnlich laut für einen Mann, der eher in sich gekehrt ist. Im Namen des Volkes – mit dem Spruch auf den Lippen habe ihn ein Richter in Louisiana zu einem Leben hinter Gittern verurteilt. „Wovon redet ihr eigentlich? Welches Volk? In meiner Familie fällt mir keiner ein, der mir gewünscht hätte, was ich durchmachen musste.“

Ansonsten hat Woodfox sich vorgenommen, überhaupt nicht verbittert zu sein, obwohl er allen Grund dazu hätte. 44 Jahre und zehn Monate verbrachte er in einer Gefängniszelle, die knapp zwei Meter breit war und knapp drei Meter lang. Bis auf eine Stunde am Tag durfte er sie nicht verlassen. Als er freikam, erzählt er, habe er lernen müssen, dass man Türen hinter sich schließt, wenn man allein sein möchte, weil es keine Aufpasser gibt, die sie verriegeln würden. Wie man den Sicherheitsgurt im Auto bedient, mit einem Handy telefoniert, wie man ausschreitet, ohne dass einen Fußfesseln am Gehen hindern, auch das musste er lernen. Noch immer liege er nachts gegen drei Uhr hellwach im Bett, erzählt Woodfox. Im Gefängnis sei das die ruhigste Zeit gewesen. Die Zeit, in der man seine Gedanken ordnen konnte.

Warum er nicht die ganze Zeit schrie, wo er wusste, dass er den Mord, den man ihm anhängte, nicht begangen hatte? Woodfox sitzt im Hörsaal der Law School der Universität Yale, einer der besten Rechtsfakultäten des Landes. An den Wänden hängen Ölgemälde. Berühmte Absolventen in schwarzen Roben. Eine von ihnen, Sonia Sotomayor, schrieb Geschichte, als sie an den Supreme Court berufen wurde, die erste Juristin mit lateinamerikanischen Wurzeln am Obersten Gerichtshof in Washington.

Albert Woodfox im Hörsaal der Law School der Universität Yale. Foto: Frank Herrmann

Auf dem Tisch vor Woodfox liegt eine Pappschachtel mit Pizza. Doch bevor er sie anrührt, will er die Fragen dieses Reporters beantworten. Schreien, sagt er, sei das entscheidende Wort. „Diesen Schrei hattest du ja die ganze Zeit in dir, und eigentlich wolltest du deinen Gefühlen freien Lauf lassen. Aber zugleich war dir klar, sobald du dich einmal hinreißen lässt, kannst du nicht mehr aufhören.“ Viele Häftlinge seien irre geworden, weil sie dem Drang nachgegeben hätten. Manche hätten zu schreien begonnen, andere zu singen. Wieder andere hätten sich zurückgezogen wie in ein Schneckenhaus, nie auch nur ein Wort mit anderen wechselnd.

Woodfox, 72, hat ein Buch geschrieben über seine fast 45 Jahre in einer Zelle. Um daraus vorzulesen, reist er durchs Land. Der Mann, der länger als jeder andere Amerikaner in Einzelhaft saß, so wird er gelegentlich vorgestellt. Manche vergleichen ihn mit jenen japanischen Soldaten im Pazifik, die dreißig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs noch immer nicht mitbekommen hatten, dass der Krieg vorbei war. Als junger Mann war Woodfox der Black Panther Party beigetreten, 1966 von Studenten in Oakland gegründet, um Afroamerikanern kämpferisches Selbstbewusstsein einzuimpfen. J. Edgar Hoover, fast fünf Jahrzehnte an der Spitze des FBI, hatte sie infiltrieren lassen, während er sie als größte Gefahr für die innere Sicherheit der USA charakterisierte.

 Während Woodfox im Gefängnis saß, löste sich die Partei auf, er aber versteht sich noch immer als ihr Aktivist. Was für ihn zählt, ist das Selbstwertgefühl, das ihm die Panther vermittelten. „Nie zuvor hatte ich Menschen mit dunkler Haut erlebt, die vor nichts Angst zu haben schienen, nicht mal vor der Polizei. Mein Leben war etwas wert, das konnte ich von ihnen lernen. Und das half mir, die Qualen zu überleben.“

Woodfox ist in bitterer Armut in New Orleans aufgewachsen. Seinen Vater bekam er nie zu Gesicht. Seine Mutter verkaufte bisweilen ihren Körper, um sich und ihre Kinder ernähren zu können. Albert begann Autos zu stehlen, er raubte Passanten aus, schloss sich einer Straßenbande an und nahm Heroin. 1969, da war er 22 Jahre alt, wegen eines Raubüberfalls verurteilt, traf er Mitglieder der Black-Panther-Bewegung, die ihn lehrten, politisch zu denken. Für die Außenwelt, schreibt er in seinen Memoiren, „war ich ein schwarzer Mann, der eine lange Freiheitsstrafe vor sich hatte“. Innerlich habe er sich von Grund auf verändert. „Ich hatte Moral, ich hatte Prinzipien. Ich würde nie wieder ein Krimineller sein.“

Das Louisiana State Penitentiary, das Hochsicherheitsgefängnis, in dem er seine Strafe verbüßte, galt als das schlimmste in Nordamerika. Ehemals eine Sklavenplantage, ging sein inoffizieller Name auf die aus Afrika Verschleppten zurück, die dort Baumwolle pflückten. Angola. Als er dort ankam, schreibt Woodfox, habe er das Erbe der Sklaverei deutlich gespürt. Weiße Gefangene hatten in aller Regel Innendienst, während schwarze auf den Feldern arbeiteten, wo sie Zuckerrohr schlugen, bewacht von Aufpassern mit Schrotflinten auf Pferden. Die Gewalt war allgegenwärtig. Am „fresh fish day“, dem Tag, an dem die Neuen eintrafen, lauerten potenzielle Vergewaltiger auf potenzielle Opfer. Wer sich nicht zu wehren verstand, wurde ein Sexsklave, missbraucht und gehänselt als „Mädchenjunge“. In den Zellen, schildert Woodfox, war es im Sommer unerträglich heiß. „Kein Luftzug. Kleine Ventilatoren, die nichts taugten. Die Mücken fraßen uns bei lebendigem Leib. Bevor die Fenster Fliegengitter bekamen, verbrannten wir Socken, um die Moskitos abzuwehren.“

Am 17. April 1972 wird in Angola ein Aufseher namens Brent Miller mit 32 Messerstichen getötet. Murray Henderson, der damalige Gefängnisdirektor, spricht bald darauf von einer politisch motivierten Tat. Mitglieder der Black Panther Party, erzählt er einer Lokalzeitung, hätten Miller nur deshalb ermordet, weil sie aus Rassenhass einen Weißen umbringen wollten. An einer Tür findet sich ein blutiger Fingerabdruck, der allerdings ebenso wenig untersucht wird wie ein blutverschmierter Tennisschuh in der Nähe des Tatorts. Ein Zeuge, für dessen vorzeitige Freilassung sich Henderson später einsetzen wird, lenkt den Verdacht auf vier Männer, in denen er Black-Panther-Aktivisten vermutet. Der eine ist Woodfox, der andere Herman Wallace, beide tatsächlich Mitglieder der Partei. Die beiden anderen haben nichts mit den Panthern zu tun. Sie werden freigesprochen, während Woodfox und Wallace lebenslänglich bekommen. Die Geschworenenjury, die zu entscheiden hat, besteht ausnahmslos aus Weißen.

„Nicht mal eine Stunde brauchten die Leute, um mich schuldig zu sprechen“, sagt Woodfox im Uni-Hörsaal, und ein zweites Mal hört man die Bitterkeit. Um die Wahrheitsfindung sei es am wenigsten gegangen. Vielmehr darum, ein Exempel zu statuieren: „Wir wurden eingesperrt für das, wofür wir standen.“ Trotz der räumlichen Trennung gelingt es Woodfox, Wallace und King, miteinander zu kommunizieren. Den Respekt, den sie unter Mitgefangenen genießen, nutzen sie, um eine Art Eingreiftruppe gegen Vergewaltigungen auf die Beine zu stellen. Einem Analphabeten bringen sie Lesen und Schreiben bei, sich selber das Englisch, dessen sich Juristen bedienen, um eine Klageschrift zu verfassen.

2013 wird Wallace entlassen, drei Tage später stirbt er an Leberkrebs, nachdem die Gefängnisärzte noch Wochen zuvor eine verharmlosende Diagnose gestellt hatten. Drei Jahre darauf kommt Woodfox frei; er lässt sich auf einen Deal in der Causa Brent Miller ein, bei dem er sich zu fahrlässiger Tötung bekennt. Bis heute plagen ihn deshalb Gewissensbisse: „Ich habe die Wahrheit verbogen, ich war ja unschuldig“. Seine Tochter, erklärt er, habe bei seinem Entschluss eine wichtige Rolle gespielt. Sie war ein Baby, als er hinter Gitter musste. Heute hat sie drei Kinder und vier Enkelkinder. Die Aussicht, bis ans Lebensende von ihr getrennt zu sein, sagt Woodfox, sei so schrecklich gewesen, dass sie ihn den Deal annehmen ließ.

Dann sind die Jurastudenten an der Reihe, die wissen wollen, wo der 72-Jährige steht in der aktuellen amerikanischen Gefängnisdebatte. Ob er den reformerischen Ansatz befürworte oder den radikalen. Mit reformerisch ist gemeint, die Isolierhaft auf 15 Tage zu beschränken, wie es die UNO verlangt. Radikal bedeutet, sie ganz abzuschaffen. Die Diskussion nimmt an Fahrt auf, sie ist Teil eines gleichfalls an Fahrt aufnehmenden Diskurses über Strafrechtsreformen. „Jeder Tag in Einzelhaft ist einer zu viel“, antwortet Woodfox auf die Studentenfrage. Ginge es nach ihm, müsste man Abgeordnete, bevor sie Justizgesetze beschließen, für 24 Stunden in einer solchen Zelle einschließen. Damit sie wüssten, wovon sie reden. Menschen in einen Käfig zu sperren, diene nur einem Zweck: sie zu brechen.

Im Gefängnis litt Woodfox unter klaustrophobischen Anfällen. Es fühlte sich an, als ob die Luft immer schwerer auf seine Brust drückte, während sich die Zellenwände auf ihn zuzubewegen schienen. Passierte es in der Nacht, riss er sich die Sachen vom Leib. Sah ein Aufseher in dem Moment in die Zelle, setzte er sich auf die Toilette, bis er weitergegangen war. Wallace und er wollten ja den Eindruck erwecken, als seien sie Männer aus Stahl. Dazu gehörte es, Schwäche zu verbergen.

Manchmal, erinnert sich Woodfox, habe es geholfen, im Radio Opern zu hören. Dann habe er die Augen geschlossen, zugehört und sich vorgestellt, wie sich die Wände wieder wegbewegten. Lief im Radio keine Oper, versuchte er des Gefühls der Enge Herr zu werden, indem er schnell durch die Zelle lief, so es eben ging bei knapp drei Metern in eine Richtung. Als es vorbei war, erzählt er, sei der Fußboden schweißnass gewesen, vor allem in der Sommerhitze.

Mit klaustrophobischen Anfällen hat er noch immer zu kämpfen. Aber zu Hause, sagt Woodfox, habe er mehr Platz, um gegen das Engegefühl anzulaufen.

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