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Düsseldorf: Aufklärer Dr. Sommer ist tot

Düsseldorf : Aufklärer Dr. Sommer ist tot

Im Alter von 85 Jahren starb der Sexualaufklärer Martin Goldstein in Düsseldorf. 15 Jahre lang beantwortete er als "Dr. Sommer" in der "Bravo" Fragen junger Leser rund um das Thema Liebe. Der Psychologe und Autor lebte in Kaarst.

Ihm durften Jugendliche alle Fragen stellen: "Ich bin in den Bruder meiner besten Freundin verliebt, was soll ich tun?", "Meine Eltern wissen nicht, dass ich einen Freund habe. Wie bringe ich es Ihnen bei?" Bis zu seinem Tod erhielt Martin Goldstein alias Dr. Sommer Briefe von jungen Menschen, auch wenn er schon seit Jahrzehnten nicht mehr bei der Zeitschrift "Bravo" arbeitete.

Der Sexualaufklärer, Autor und Psychotherapeut starb mit 85 Jahren in einem Hospiz in Düsseldorf nach langer schwerer Krankheit. Das teilte gestern seine Familie mit. Goldstein etablierte Ende der 60er die Frage-und Antwort-Spalte rund um Liebe, Sex und Zärtlichkeit in Deutschlands größter Jugendzeitschrift und arbeitete 15 Jahre für die "Bravo". Schon im ersten Jahr kamen pro Tag zwischen 150 und 250 Briefe von Jugendlichen. Später schrieben ihm pro Monat bis zu 5000 junge Menschen. Dr. Jochen Sommer klärte ganze Generationen auf. Ein Großteil der Deutschen kennen ihn unter seinem Pseudonym, die wenigsten aber wissen um seinen bürgerlichen Namen. Goldstein lebte mit seiner Lebensgefährtin zurückgezogen in Kaarst.

Es war 1969, als der damalige "Bravo"-Chefredakteur anrief, weil er Goldsteins Aufklärungsbuch "Anders als bei Schmetterlingen" gelesen hatte. Goldstein sollte die Aufklärungsrubrik übernehmen und modernisieren. Er willigte ein: "Ich wollte die Jugendlichen direkt erreichen", sagte er damals. Der Redaktionschef habe ihm auch dazu geraten, nicht seinen wirklichen Namen anzugeben, sondern ein Pseudonym zu erfinden. Er habe ihn damals gewarnt, dass sonst die Jugendlichen "in Schwärmen zu Ihnen nach Haus" kommen würden.

Teenager blieben in den 60er Jahren mit ihren konkreten Fragen zur Sexualität oftmals allein. In Dr. Sommer fanden viele von ihnen einen Vertrauten. Ihre Namen blieben anonym. Schließlich musste ein ganzes Team eingestellt werden, um die Briefe nach Goldsteins Vorgaben "unverklemmt" zu beantworten.

Ein Tabu gab es für den Sexualaufklärer Martin Goldstein nicht, stattdessen war er es, der Themen enttabuisierte. Zweimal stand die "Bravo" 1972 wegen "Dr. Sommer" auf dem Index. Jugendschützer liefen Sturm gegen den Umgang Sommers mit dem Thema Selbstbefriedigung. Dabei hatte der Junge, der später "Dr. Sommer" werden sollte, selbst keine richtige Jugend. Wegen seines jüdischen Vaters wurde er von den Nationalsozialisten verfolgt. Der Vater wurde ins KZ verschleppt, die evangelische Mutter schaffte es, ihn aus einem Zwangsarbeiterlager in Sachsen zu holen. In einem Versteck bei Bielefeld überlebte er das "Dritte Reich": "Ich hatte Angst vor der Gestapo, nicht vor dem Geschlechtsverkehr", sagte er später. Goldstein brauchte 50 Jahre, um über diese Erlebnisse sprechen zu können.

Als junger Mann studierte er Medizin. Danach wurde er aber nicht Arzt, sondern Leiter einer evangelischen Anlaufstelle für Jugendliche in Düsseldorf. Ab 1975 war Goldstein ärztlicher Psychotherapeut mit eigener Praxis. 2000 ging er in den Ruhestand. Seine Rubrik aber lebt fort. Inzwischen antworten auf der Seite "Dr. Sommer Sprechstunde" Jutta und Sabine. Zudem gibt es in jeder Ausgabe ein "Dr. Sommer Spezial" zum Beispiel zum Thema Erste Liebe. Dabei findet sich stets der Hinweis: "Was immer dich bewegt, wir sind für dich da."

Auch wenn der "echte" Dr. Sommer nicht alle Briefe persönlich lesen konnte, beantwortet wurden sie doch alle, sagte Goldstein einmal. Auch wenn sich die Jugendlichen weiterentwickeln, gehe es letztlich immer wieder um die selben Fragen, erklärte Goldstein. Und das gilt auch über seinen Tod hinweg.

(RP)