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Kritik an der Jagd in Großbritannien wird immer heftiger: "Auf dem Land braut sich ein Bürgerkrieg zusammen"

Kritik an der Jagd in Großbritannien wird immer heftiger : "Auf dem Land braut sich ein Bürgerkrieg zusammen"

Long Crendon/England (rpo). Seit Jahren schon findet die Fuchsjagd immer schärfere Kritiker. Am (morgigen) Montag will das britische Parlament über ein mögliches Verbot der Hetzjagd abstimmen.

Das Votum dient der Regierung allerdings nur als Richtschnur für ihr weiteres Vorgehen.

Die Anhänger der Hetzjagd auf Füchse in England schätzen an ihrem Hobby die Gelegenheit zum schnellen Ritt, außerdem gehöre die Jahrhunderte alte Tradition zum britischen Landleben. Die Gegner der Fuchsjagd mit Hundemeuten sehen darin dagegen einen grausamen Anachronismus.

"Wenn die Hunde anschlagen, spürt man innerlich ein Kribbeln und weiß, gleich geht es los", sagt Jagdleiter Ian McKie im scharlachroten Jackett und steigt in den Sattel. "Das ist ein krankes Schauspiel", sagt dagegen Penny Little von der Organisation Schützt unsere wilden Tiere, die die Jagd beobachtet. "Die Tiere werden bis zur körperlichen Erschöpfung gehetzt, ihre Angst zieht sich lange hin. Auf der Grausamkeitsskala liegt das ziemlich weit oben."

Die Praxis der Hetzjagd spaltet Großbritannien in zwei Lager und erweckt längst überwunden geglaubte Klassenunterschiede wieder zum Leben. In Umfragen spricht sich die Mehrheit der Briten seit langem für ein Verbot der Hetzjagd aus, ebenso wie die meisten Abgeordneten im Unterhaus. Bei der Abstimmung am Montag können sich die Parlamentarier für ein Verbot, für eine Einschränkung oder gegen jegliche Regelung entscheiden. Premierminister Tony Blair befürwortet ein Verbot, hat seine Labour-Abgeordneten aber vom Fraktionszwang entbunden.

Die oppositionellen Konservativen sehen in der Abstimmung einen Versuch der Regierung, von drängenden Problemen wie dem schlechten Zustand des Eisenbahnnetzes oder des Gesundheitssystems abzulenken. Und sogar Abgeordnete, die für ein Verbot sind, betrachten das nicht bindende Votum als leere Geste und fordern stattdessen ein entschlosseneres Vorgehen der Regierung mittels eines Gesetzes, wie es im Februar in Schottland verabschiedet wurde. Kritiker glauben, dass Blair vor einem solchen Antijagdgesetz zurückschreckt, da ihn dies gerade auf dem Land - einer traditionellen Hochburg der konservativen Tories - kostbare Stimmen kosten könnte.

"Auf dem Land braut sich ein Bürgerkrieg zusammen", sagt Patrick Martin, der seinen Lebensunterhalt als Angestellter der Jagdgesellschaft Bicester Hunt verdient. Die Fuchsjagd, sagt der 44-Jährige, helfe das Gleichgewicht der Natur beizubehalten, indem die Anzahl der Tiere konstant gehalten werde und die schwächsten getötet würden. Sollte die Jagd verboten werden, würden die Bauern wahllos hunderte Füchse mehr als bisher mit Schlingen, Gas und Gewehren töten. Darüber hinaus würden tausende Arbeitsplätze auf dem Land verloren gehen. Betroffen wären beispielsweise Sattler, Hufschmiede, Pferdepfleger und Stallburschen.

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"Die Jagd gehört zu einer altmodischen Lebensart. Ein Verbot hätte gewaltige Auswirkungen auf die Leute, die auf dem Land leben", sagt Martin. Die Jagdgegner seien voreingenommene, ignorante Linke. "Sie haben die Vorstellung von feinen Pinkeln auf Pferden, die Füchse in Stücke reißen." Tatsächlich aber kämen die mehr als 200 Mitglieder von Bicester Hunt, die alljährlich je 1.000 Pfund (1.600 Euro) für die Mitgliedschaft zahlen, aus allen Schichten.

Am Jagdtag verfolgen bis zu 100 begeisterte Zuschauer das Spektakel. Doch auch die Jagdgegner sind erschienen, ausgerüstet mit Videokameras und Funksprechgeräten. "Die Jäger richten enormen Schaden an", sagt Kevin Hill vom Internationalen Tierschutz-Fonds (IFAW), der seit 16 Jahren Hetzjagden beobachtet. "Sie marschieren durch anderer Leute Gärten, durch Friedhöfe, und behandeln die Landstraßen als ihren Privatweg. Katzen wurden von den Hunden zerfleischt, die Hunde erleiden oft an Bahngleisen tödliche Stromstöße."

Das Argument von Jagdanhängern, dass die Hunde einen Fuchs schnell töteten, indem sie ihm das Genick brächen, weist er zurück. "Wir haben mehrere Obduktionen durchgeführt, die zeigen, dass der Fuchs noch lebt, während er zerfleischt wird." Der Fuchs erleide darüber hinaus bei der Jagd ein entsetzliches Trauma. Die Arbeitsplätze auf dem Land wären sicher, sagt Hill, wenn die Jäger sich - wie beispielsweise in den USA praktiziert - für die Schleppjagd entscheiden würden. Dabei folgen die Hunde einer zuvor markierten Duftspur durch das Gelände. "Was den Kampf gegen die Grausamkeit betrifft, darf es keine Kompromisse geben", sagt Hill. "Es gibt keine Argumente für die Hetzjagd, denn sie wird aus reinem Spaß betrieben."

(RPO Archiv)